5000 Wörter mehr schaden nicht

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Jasmin Hutter
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Geniales Wetter. Mit jedem und jeder hat man etwas zu schwatzen. «Ist das wieder kalt heute!», der wohl meistgebrauchte Anfangssatz eines Gesprächs in diesen Tagen. Es ist doch um einiges einfacher, über das Wetter zu reden als über die USR III. Nein, keine russische Rakete. Die Unternehmenssteuerreform, über die wir schon bald abstimmen. Da ich ja nicht mehr politisiere, muss ich mich halt über Politiker auslassen. Oder in diesem Falle über eine Politikerin. Was, bitte schön, hat alt Bundesrätin Widmer-Schlumpf wohl dazu bewogen, sich aktiv in einen Abstimmungskampf einzumischen? Zumal die Vorlage weniger risikoreich ist als zu Zeiten Widmer-Schlumpfs. Auf die Abschaffung der Emissionsabgaben wird verzichtet und eine Maximalgrenze aller Abzüge von 80 Prozent wurde eingeführt.

Nein, ganz sicher geht es ihr nicht um die Sache. Sondern darum, den bürgerlichen Parteien, allen voran der SVP, ans Bein zu pinkeln. So, wie sie es die letzten acht Jahre getan hat. Und, wenn wir ehrlich sind, schon die ganzen Jahre vorher, zu Zeiten der Bündner Regierung. Eigentlich tragisch, immer noch so viel Hass in sich zu tragen. Oder zeigt sich erst jetzt das wahre Gesicht, also die eigentliche politische Gesinnung, nachdem der Karrierehöhepunkt erreicht ist? Das wird es wohl sein. In der SP oder bei den Grünen wäre sie niemals Bundesrätin geworden. Gerade liest mein Mann diese ersten Zeilen. Ich frage: «Darf ich das schreiben?» Er sagt: «Diese Frau hat dich schon immer genervt.» Okay, ein Zeichen für mich, das Thema zu wechseln, denn objektiv bin ich wohl nicht.

Wussten Sie, dass Frauen am Tag durchschnittlich 5000 Wörter mehr sprechen als Männer? Da gehöre ich auch dazu – ich gebe es zu –, ich spreche sogar die ganze Zeit mit unseren Tieren. Die armen Viecher. Völlig wehrlos müssen sie meine Wortsalven über sich ergehen lassen. Zurück zu den 5000 Wörtern. Das liegt wohl daran, dass Männer nicht tratschen. Sondern uns Frauen tratschen lassen und sich dann genüsslich die Informationen reinziehen. Ist es Ihnen nicht auch schon passiert? Eine gemütliche Runde nach der Chorprobe oder der Turnstunde. Während des Gesprächs gibt es eine klitzekleine Pause, ein paar Sekunden, in denen niemand etwas sagt. Und schon macht’s «schwupps», ich selber höre mich sagen: «Habt ihr schon gehört, dass ...», und schon bin ich die Tratschgeberin statt -nehmerin. Warum können sich Männer nur immer so genüsslich zurücknehmen? Weil sie wissen, irgendwann kommen die Informationen von alleine. Nämlich von mir oder allen anderen Frauen. Nichts mit Geben und Nehmen. Alles völlig einseitig. Und doch ist ein wenig Tratsch immer etwas Schönes. Innerlich muss ich immer schmunzeln, wenn mein Gegenüber sagt: «Also, es geht mich ja nichts an, aber ...», und schon geht’s los. Und überhaupt rede ich «niemals so über eine Person, aber jetzt muss ich mal was loswerden ...». Da wird mein Lächeln dann doch sichtbar.

An manchen Tagen nehme ich mir ganz bewusst vor, mehr zuzuhören und weniger zu reden. Reden ist Silber, schweigen ist Gold. Und was passiert? Spätestens beim Mittagessen fragen mich meine Kinder, ob mit mir alles in Ordnung sei. Beim Kaffee fragt mein Mann, welche Laus mir denn über die Leber gelaufen sei. Oder ob es Fisch zum Essen gegeben habe, ich sei so grätig. Was mich zur Schlussfolgerung bringt: Reden ist mein Gold, das Silber überlasse ich anderen.