Klassik
21 Gramm machen den Unterschied

Altmeister Grigory Sokolov verzauberte am Piano-Festival in Luzern mit Mozart und Schumann.

Anja Wernicke
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Grigory Sokolov: Beim russischen Altmeister, der das Piano-Festival eröffnete, steckte die Seele in jeder Note. Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL

Grigory Sokolov: Beim russischen Altmeister, der das Piano-Festival eröffnete, steckte die Seele in jeder Note. Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL

PETER FISCHLI /LUCERNE FESTIVAL

Vor einigen Jahren gab es mal einen Film mit dem Titel «21 Gramm». So viel soll angeblich die Seele eines Menschen wiegen und um ebenso viel soll sich das Körpergewicht eines gerade Verstorbenen verringern. Die Seele, sie macht auch in der Musik den Unterschied. Jene 21 Gramm können entweder eine berührende Kraft entfalten oder unter einer dicken Schicht Manierismus im Verborgenen schlummern.

Bei dem russischen Altmeister Grigory Sokolov, der die diesjährige Ausgabe des Piano-Festivals in Luzern eröffnete, steckte die Seele in jeder Note. Mit kindlicher Freude und einer unendlichen Tendresse interpretierte er in der ersten Konzerthälfte Mozarts Klaviersonate C-Dur (KV 545), die den Beinahmen «Sonata facile» trägt und von Mozart selbst als Anfänger-Werk deklariert wurde. Obwohl es technisch einfach ist, bewies Sokolov die facettenreichen Gestaltungsmöglichkeiten des Stücks und somit, dass Einfaches tief berühren kann. In Mozarts anschliessender Fantasie und Sonate c-Moll (KV 475/457) sowie in der dazugehörigen Klaviersonate c-Moll (KV 457) begeisterte er vor allem mit raschen Stimmungswechseln, die ihm stets äusserst subtil und niemals mit der Brechstange gelangen.

Der Antiheld hört sich zu

Seit einem halben Jahr ist er mit diesem Programm in den Konzertsälen unterwegs. Die Konzertankündigung versprach, dass es trotzdem jeden Abend ganz anders klingen würde. Schon nach wenigen Minuten war klar, dass das keine Floskel ist, sondern selbstverständlich. Als Antiheld des Klassik-Zirkus, der Interviews verweigert, Studioaufnahmen ablehnt und prinzipiell nicht mit anderen Musikern auftritt, hat sich Sokolov eine Reinheit bewahrt, die ein schlichtes «Abarbeiten» der Musik nicht zulässt. Er ist in jeder einzelnen Note so sehr präsent, hört jedem Klang so genau nach, ist permanent mit einem solch wachen Bewusstsein dabei, dass sich die Musik für den Zuhörer glasklar präsentiert. Für die Ohren.

Denn im Konzertsaal lässt der 66-jährige Sokolov das Licht stets zu einem schummrigen Halbdunkel herunterdimmen. Sein Nacken ist gebeugt, seine Haltung am Flügel gekrümmt, alles ist auf seine tanzenden Hände auf den Tasten konzentriert. Auch in den Schumann-Stücken in der zweiten Konzerthälfte beeindruckte er mit seinem kontrastreichen Spiel und sparte in der Arabeske C-Dur Op. 18 und der Fantasie C-Dur Op. 17 nicht an satten Klängen und gegen Ende auch an etwas brutalem Gehämmer. Hier wird deutlich, Sokolov ist keineswegs altersmilde. Aber er nimmt sich selbst so stark zurück, dass die Musik für sich sprechen kann.

Muster-Klavierkadettin

Diesen Altmeister nun mit der 27-jährigen aus Armenien stammenden Pianistin Nareh Arghamanyan zu vergleichen, heisst auch, einen unangepassten Klangforscher und eine gewissermassen linientreue Muster-Klavierkadettin gegenüberzustellen. Denn Arghamanyan, die den im Zeichen der russischen Klavierschule stehenden Tastentag in Luzern beschloss, scheint ihrer eigenen Karriere stets einen Schritt voraus. Bereits als Achtjährige wird sie am staatlichen Konservatorium in Erewan aufgenommen, fünf Jahre später wechselt sie als frühreife Jungstudentin nach Wien und beendet ihre Ausbildung schliesslich in Hannover. Die höchsten technischen Anforderungen ihres Programms – einer Tour d’Horizon der russischen Klavier-Virtuosen-Literatur – erfüllt sie mit Bravour und Brillanz.

Von Michail Glinkas Nocturne «La Séparation» über Mili Balakirwes «Islamej», das lange als schwierigstes Klavierwerk galt, bis zu Aleksandr Skrjabin, Sergej Rachmaninow und Igor Strawinsky begeisterte sie das Publikum zwar mit irrwitzigen Tempi und mit Temperament. Aber mehr als pures Staunen vermag sie kaum zu erzeugen. Ihr Anschlag ist oft hart, ihre Agogik affektiert. Obwohl sie auch die emotionalen Bögen und dynamischen Abstufungen brav umsetzt, im Vergleich zu dem menschlich berührenden Tasten-Poeten Sokolov ist sie eher eine Tasten-Athletin, die das Klavierspielen um des Klavierspielens willen praktiziert und die (vielleicht noch) nicht vermag ihre 21 Gramm in die Waagschale zu werfen.

Das Piano-Festival in Luzern dauert noch bis 27. November.

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