Neues Album
Liedermacher Dagobert: «2020 war für mich ein grossartiges Jahr»

Der Wahlberliner Dagobert kommt aus dem Aargau. Warum es in der Pandemie für den Künstler so gut läuft, erklärt er im Interview.

Interview: Steffen Rüth
Merken
Drucken
Teilen
Koketterie mit dem Familiennamen, denn Jagen würde er nie: Lukas Jäger alias Dagobert.

Koketterie mit dem Familiennamen, denn Jagen würde er nie: Lukas Jäger alias Dagobert.

Bild: Regina Olev

Lukas Jäger, Künstlername Dagobert, hat gewaschen. Und nun hängen die nassen T-Shirts des 38-jährigen Schweizer Pop-Liedermachers aus Waltenschwil im Kanton Aargau im Hintergrund an der Leine, während Dagobert selbst vorn via Computer-Bildschirm über sein viertes Album «Jäger» spricht. Das klingt klar weniger schlagerhaft verkitscht als seine vorherigen Werke, sondern eher nach ziemlich zeitgemässer Popmusik – freilich mit verschrobenen, wenn auch wunderschön gesungenen Songtexten.

Wo bist du da?

Dagobert: In der Schweiz. In einem Häuschen in den Bergen. Ich bin schon länger hier, habe in der Hütte zusammen mit meinem Produzenten mein komplettes Album aufgenommen. Nur den Schlagzeuger haben wir hin und wieder über Internet dazugeschaltet.

Handelt es sich um dieselbe Berghütte, in der du vor zehn Jahren die hundert Songs für dein Debütalbum «Dagobert» geschrieben hast?

Nein. Dieses Domizil hier hat mir ein Freund vermittelt. Es steht leer, und dem Besitzer ist es egal, dass ich hier bin. Es handelt sich um ein alleinstehendes Häuschen direkt an einer Skipiste. Ich schaue gern den Skifahrern zu. Das ist relativ witzig.

Gehst du auch auf die Piste?

Nein, es gibt keinen Menschen mit einem schlechteren Balancegefühl als mich. Nicht einmal auf Schlittschuhen kann ich stehen. Und im vergangenen Winter habe ich mir nach fünf Minuten Schlittenfahren das Knie kaputtgemacht. Ich bin für Wintersport nicht gemacht.

Du lebst ja eigentlich in Deutschland. Dort sind die Skilifte geschlossen. Findest du es gut, dass die Schweizer mit ihren Corona-Regeln im europäischen Vergleich eher liberal sind?

Ich kann nicht einschätzen, welche Einschränkungen wichtig und richtig sind. Aber Vorsicht finde ich erst einmal gut. Sowieso sehe ich einige der Konsequenzen aus dieser Pandemie positiv.

Welche sind das?

Ich finde es angenehm, weniger zu reisen. Ich konsumiere auch nicht mehr so viel. Viele sinnlose Beschäftigungen und viele sinnlose Schrottdinge gibt es vorerst nicht mehr. Ich leide tatsächlich gar nicht unter der Situation. 2020 war für mich kein schlimmes, sondern ein grossartiges Jahr.

Weil du sowieso ein Einsiedler bist?

Der bin ich nicht mehr. Damals, als ich fünf Jahre lang allein in den Bergen lebte, hatte ich wirklich Kontakt zu niemandem. Aber heute bin ich das Gegenteil von vereinsamt. Ich habe in meiner Zeit in Berlin richtig viele Freunde gefunden und bin sehr gut vernetzt. Das ist schon ein anderes Leben. Früher hatte ich niemanden ausser meiner Familie.

Willst du bald nach Berlin zurückkehren?

Ich bin da völlig offen. Berlin ist immer noch eine Art Homebase. Es kann jedoch auch sein, dass ich plötzlich nach Russland ziehe. Alles ist möglich. Eine entscheidende Charaktereigenschaft von mir ist, dass ich allem gegenüber aufgeschlossen bin. Durch offene Türen gehe ich gerne. Das macht das Leben abenteuerlich und lebenswert.

Das letzte Lied auf «Jäger» heisst «2070». Wo siehst du dich mit 88?

Ich habe nicht vor, bis 2070 zu leben. Ich denke, ich werde 2056 sterben. «2070» habe ich für eine Frau geschrieben. Es gibt nur wenige Menschen, denen man in jungen Jahren schon ansieht, dass sie im Alter immer noch schöner werden, sie ist einer von diesen Menschen. Meine Muse.

Wart ihr zusammen?

Nein. Die besten Musen sind die, mit denen man nicht so intim wird.

Im Vergleich zum bisherigen Werk gibt es auf «Jäger» weniger von deinen meist unglücklich verlaufenden Liebesliedern. Sind die ­romantischen Ideen ausgegangen?

Ich habe mal bewusst über ganz andere Themen geschrieben. Als ich diese Lieder schrieb, las ich sehr viel Friedrich Nietzsche und Stanislaw Lem – diese Lektüre hat inhaltlich deutliche Spuren hinterlassen. Auch musikalisch habe ich ganz andere Einflüsse zugelassen.

In «Nie wieder arbeiten» packst du die Synthesizer aus, «Ich will noch mal» ist ein elegantes Pianostück, auf «Aldebaran» singt ein Chor, und «Wunderwerk der Natur» hat ein bisschen was von Falco. Insgesamt ist «Jäger» deutlich mehr Pop als Schlagerschnulze.

Ich wollte eine facettenreiche und bunte Platte machen. Mich nicht einschränken oder bestimme Erwartungen erfüllen müssen. Ich mache jetzt alles selbst – ohne Plattenfirma und Management im Rücken. Die Unabhängigkeit fühlt sich gut an bis jetzt, und die Freiheit, keine Kompromisse eingehen zu müssen, ist noch grösser geworden.

In «Nie wieder arbeiten» singst du, zu beschäftigt zum Arbeiten zu sein. Empfindest du das Dagobert-Sein als Arbeit?

Manchmal fühlt es sich so an, und natürlich ist die Musik und alles drumherum irgendwo Arbeit, aber im Grunde genommen habe ich noch in meinem Leben richtig arbeiten müssen. Ich hatte noch nie einen klassischen Job.

Bist du darauf stolz?

Stolz ist mir ein sehr fremdes Gefühl. Ich bin einfach stur und konsequent meinen Weg gegangen. Ich war 13 Jahre lang in der Schule und habe es gehasst. Danach dachte ich, das waren jetzt genug der Bürgerpflichten. Doch natürlich gab es auch anstrengende, harte Jahre, in denen ich nichts zu essen und nicht wirklich einen Ort zum Wohnen hatte. Die Situation ist heute ein bisschen besser geworden, allerdings stelle ich auch keine Ansprüche an Konsum oder Wohlstand. Ich bin ein sorgloser Mensch, vielleicht auch naiv. Mir reicht es, wenn ich irgendwo Strom und fliessendes Wasser habe. Geld habe ich keins, aber viele meiner Freunde haben es und unterstützen mich. Und nein, natürlich kann ich von meiner Musik nicht leben.

Du sollst jahrelang nur Reis gegessen haben.

Reis ist immer noch die Basis meiner Ernährung. Aber mit dem Alter verändern sich die körperlichen Bedürfnisse. Ich esse heute mehr Gemüse dazu.

Im Video zum Song «Jäger» streifst du mit einem alten Gewehr durch den Wald. Schiesst du manchmal ein Tier, um es zu essen?

Nein, das würde ich auf keinen Fall tun. Ich bin Veganer. Den Tieren und der Natur fühle ich mich sehr eng verbunden. Ich bin jeden Tag draussen, um den Kopf zu durchlüften. Eigentlich fühle ich mich selbst wie ein Tier.

Wie welches denn?

Wie ein Wasserbär. Das sind geniale, ganz kleine, amöbenartige Tierchen, die man nicht kaputtmachen kann. Du kannst sie in den Weltraum schiessen oder radioaktiv verseuchen – die überleben alles. Und sie bewegen sich so niedlich, was man natürlich nur unter dem Mikroskop sehen kann.

Der Song «Jäger» handelt ja auch nicht vom Jagen, sondern von deiner Familie, den Jägers. Hast du deine Freigeistigkeit von deinen Eltern übernommen?

Ja und nein. Meine Eltern sind um die 80, mein Vater war Metzger, meine Mutter Krankenschwester. Die haben nicht wirklich ein Verständnis dafür, was ich tue. Aber sie haben es mir auch nie ausgeredet. Mein Vater sagt immer «Das musst du selber wissen». Ich habe vier Geschwister, und wir alle machen beruflich heute etwas ganz Unterschiedliches. Verrückt, dass es aus einem Genpool in so viele Richtungen geht. Aber wir haben uns alle lieb. Die Familie gibt mir einen grossen Rückhalt. Bei uns ist jeder für den anderen da. Ich denke, mein Urvertrauen, dass schon alles irgendwie okay wird, das habe ich von meinen Eltern.

Ist «Ich will nochmal» ein Lied über Wiedergeburt?

Darin geht es um Nietzsches Theorie der ewigen Wiederkunft. Ich glaube nicht an Wiedergeburt. Ich bin nicht einer, der seine Wünsche und Ziele in ein Jenseits legt, das sowieso nicht existiert. Ich finde es ohnehin furchtbar, was die Religionen einem fürs Jenseits in Aussicht stellen, wenn man dafür nur den Mist im Hier und Jetzt erträgt.

Sind deine Eltern religiös?

Sehr. Meine Mutter ist extrem esoterisch unterwegs, fast schon weltfremd. Und mein Vater ist erzkatholischer Papst-Fan. Er hat auch oft für den Papst gekocht. Und einer meiner Brüder ist Pfarrer geworden.

Dein Vater hat für den Papst gekocht? Ist er Hofmetzger im ­Vatikan?

Das nicht, aber er hat einen guten Draht zur Schweizergarde, die den Papst beschützt. Deswegen haben die Gardisten ihn jahrelang am 1. August eingeladen, um für alle seinen bekannten Spiessbraten zu machen. Jetzt wird er 80 und hat entschieden, sich zur Ruhe zu setzen. Aber dieses Fest war immer toll. Und dann stiess der Papst eben auch jedes Mal dazu und hat ein Stück probiert. Also, der Ratzinger nicht, aber der Neue, Franziskus, der ist immer gerne dabei gewesen.