1981 zog es die Frauenfelder Künstlerin Simone Kappeler nach Amerika: Die Fotos ihres Roadtrips veröffentlicht sie erst jetzt

Die damals 29-Jährige war auf der Suche nach etwas Neuem und mehr Freiheit. Sie experimentierte mit Amateurkameras und brachte Schnappschüsse mit, die bis heute ihre Frische bewahrt haben.

Christina Genova
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Die Künstlerin Simone Kappeler in ihrem Frauenfelder Atelier.

Die Künstlerin Simone Kappeler in ihrem Frauenfelder Atelier.

(Bild: Andrea Stalder)

35 Jahre lagerte das Fotomaterial von Simone Kappelers Roadtrip durch Amerika in ihrem Archiv. Bis die Frauenfelderin die Bilder wieder hervorholte, um sie neu zu sichten und zu interpretieren. Es hat sich gelohnt: Die rund 250 Fotos, welche die Künstlerin im Band «America 1981» zusammengestellt hat, erschienen Anfang Februar beim Verlag Scheidegger & Spiess, haben keinen Staub angesetzt – im Gegenteil. Sie wirken frisch und mit dem Retrotouch sehr trendy und instagram-tauglich avant la lettre. Den Hintergrund zu den Bildern liefert Peter Pfrunder, der Direktor der Fotostiftung Schweiz, in einem lesenswerten Text.

«Irgendwie wollte ich etwas Neues, mehr Freiheit», erzählt Kappeler ihm in der Rückschau. 1981 reist die damals 29-jährige Künstlerin mit einer Freundin nach New York und drei Wochen später weiter Richtung Los Angeles. Fast drei Monate sind die beiden jungen Frauen mit einem weissen Ford Gran Torino Station Wagon unterwegs, er dient ihnen auch als Schlafzimmer.

Die blaue Stunde auf Long Island

Disneyland, Los Angeles, 15.7.1981.

Disneyland, Los Angeles, 15.7.1981.

Bild: Simone Kappeler

Simone Kappeler hat Lust zu experimentieren: Sie, die in der Fotofachklasse der Kunstgewerbeschule Zürich gelernt hat, perfekte Schwarz-Weiss-Fotos zu erstellen, verwendet nun zum ersten Mal Farbfilme. Zwar hat sie auch eine teure Hasselblad- Präzisionskamera dabei, aber viel häufiger verwendet sie eine Polaroid, mit der sie spontan und unbeschwert arbeiten kann. Unterwegs kauft sie weitere billige Amateurapparate. Am liebsten ist Kappeler die Diana – von nun an wird sie zu ihrer ständigen Begleiterin, zeitweise gar «zu einem Teil meines Körpers». Mit der Diana fotografiert sie Touristenorte wie die Niagarafälle, den Grand Canyon, Disneyland und Strände.

Fotografien mit malerischer Qualität: Binion's Horseshoe, Gambling Hall, Las Vegas.

Fotografien mit malerischer Qualität: Binion's Horseshoe, Gambling Hall, Las Vegas.

(Bild: Simone Kappeler)

Es sind keine typischen Ferienfotos: Von den Niagarafällen sieht man auf einem Foto fast nur Gischt, auf dem anderen Beinpaare am oberen Bildrand. Vom Grand Canyon erhascht man einen kleinen Ausschnitt zwischen der Rückenansicht zweier Touristen. Auch Rätsel gibt Simone Kappeler auf: Was schleift die Frau am Strand in diesem riesigen Plastiksack hinter sich her? Es sind Schnappschüsse, die vom Lebensgefühl des Unterwegsseins erzählen.

Mit der Hasselblad fing Simone Kappeler betörende Abendstimmungen ein – hier das Autokino von San Luis Obispo.

Mit der Hasselblad fing Simone Kappeler betörende Abendstimmungen ein – hier das Autokino von San Luis Obispo.

(Bild: Simone Kappeler)

Die Unschärfe an den Rändern, typisch für die Diana, verleihen den Bildern etwas Träumerisches, ja eine malerische Qualität. Manche Aufnahmen erinnern an Gemälde Edward Hoppers, andere sind sehr skizzenhaft. Mit der Hasselblad fotografiert Kappeler, die Meisterin der Dämmerung, betörend schöne Abendstimmungen: Vorstadthäuser, ganz in violettes Licht getaucht, das Autokino von San Luis Obispo beim Eindunkeln, die blaue Stunde auf Long Island.

Simone Kappeler: America 1981. Scheidegger & Spiess, 256 S., Fr. 69.–

Simone Kappeler: America 1981. Scheidegger & Spiess, 256 S., Fr. 69.–

AUSSTELLUNG: Die Schönheit von Werden und Vergehen

Die Thurgauer Fotografin Simone Kappeler vermittelt in ihren Werken ein Gefühl positiver Langsamkeit. In der Galerie Widmertheodoridis begegnet sie nun künstlerisch dem finnischen Filmer Mika Taanila.
Lucia Angela Cavegn