1952 zu brisant – jetzt eine Sensation

Zwei Jahre nach dem Tod von Siegfried Lenz ist ein bisher unveröffentlichtes Frühwerk erschienen. Sein Verlag versenkte den Antikriegsroman 1952 aus politischen Gründen. Deutsche Deserteure galten als Tabu.

Arno Renggli/Peter Mohr
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Siegfried Lenz (1926 – 2014) (Bild: epa/Thomas Kienzle)

Siegfried Lenz (1926 – 2014) (Bild: epa/Thomas Kienzle)

Eigentlich sieht zunächst alles gut aus: Siegfried Lenz, gerade mal 25 Jahre alt, bringt im Frühjahr 1951 im Hoffmann und Campe Verlag seinen ersten Roman heraus: «Es waren Habichte in der Luft». Die Kritiken sind gut, Lenz macht sich an einen zweiten Roman, von dem ein erster Teil rasch vorliegt. Erste Vorabrezensionen fallen positiv aus, der Verlag ermutigt Lenz zur Weiterarbeit und stellt ihm einen Lektor zur Seite.

Plötzlich nicht mehr genehm

Auch der ist voll des Lobes, schlägt lediglich handwerkliche Eingriffe vor. Im Januar 1952 liefert Lenz eine neue Fassung ab, und plötzlich gibt es Probleme. Dies wohl schon wegen des neuen Titels «Der Überläufer», der eine politisch nicht genehme Hauptfigur ins Zentrum stellt. Zunächst verweigern verschiedene Zeitungen, darunter auch die NZZ, einen Vorabdruck mit dem Argument, es gebe schon genug Kriegsromane. Der Lektor wiederum sieht plötzlich viele literarische Mängel. Erst zögerlich gibt er zu bedenken, dass der Roman Lenz und dem Verlag schwer schaden könnte, da das Thema «Überläufer» tabuisiert sei. Der Lektor will, dass Lenz den Roman komplett umschreibt und dem «Überläufer» eine neue positive Hauptfigur gegenüberstellt. Lenz weigert sich, macht sich an den Roman «Duell im Schatten», der 1953 erscheint. Und 1955 folgt der Erzählband «So zärtlich war Suleyken», der enormen Erfolg hat. Was wohl zur Versöhnung mit dem Verlag beiträgt, dem er zeitlebens treu bleibt. Und bei dem nun als literarische Sensation die Erstausgabe von «Der Überläufer» erschienen ist.

Verloren an der Ostfront

Darin geht es um einen deutschen Soldaten, der zwischen die Fronten gerät, sich gegen den «Heldentod» fürs Vaterland und fürs eigene Überleben entscheidet. Walter Proska, von schlichtem Gemüt, gerät im Sommer 1944 zu einer isolierten kleinen Einheit an der Ostfront, die sich in einer Waldfestung verschanzt hat und einen Bahndamm bewacht. Der Kugelhagel der Partisanen und gigantische Mückenschwärme setzen der versprengten Gruppe zu. Eine schier aussichtslose Situation, in der sich Proska befindet – hin- und hergerissen in wirren Gedanken zwischen der unglücklichen Liebe zur Polin Wanda, dem drohenden Tod fürs Vaterland und einer vagen Überlebenshoffnung als Deserteur. Zum Impulsgeber für Proskas Entschluss wird Kamerad Wolfgang, der in der Gruppe wegen seiner schwachen Konstitution «Milchbrötchen» genannt wird. Der besonnene Intellektuelle passt nicht in die Krieger-Welt: «Du kennst mich doch, Walter, und du darfst gewiss sein, dass mein Schritt einen grösseren Nutzen als Schaden bringt. Weil ich Mitleid mit ihnen habe, darum verriet ich sie.» Proska folgt dem «Milchbrötchen», desertiert zu den Russen und erlebt Grauen und Entsetzen nun aus der entgegengesetzten Perspektive.

Unmenschlichkeit des Krieges

Siegfried Lenz, den der verstorbene Alt-Kanzler Helmut Schmidt einmal als «Ombudsmann des menschlichen Anstands» bezeichnet hat, beschreibt auf drastische, zuweilen an Hemingways rauhe Diktion erinnernde Art die Unmenschlichkeit des Krieges, die vielen Toten, aber auch die seelischen Deformationen der Überlebenden. Vor allem geht es um die Schuld, die jeder Einzelne auf sich geladen hat – um den kaum zu bewältigenden Spagat zwischen Kollektiv- und Individualschuld. Eine Fragestellung, die auch im späteren Werk von Siegfried Lenz (u. a. in «Deutschstunde) von zentraler Bedeutung war. Zum dramatischen Höhepunkt kommt es, als der «übergelaufene» Proska seinen eigenen Schwager erschiesst. Er findet später den Mut, seiner Schwester zu gestehen, dass er sie zur Kriegswitwe gemacht hat. Welch eine Konstellation, welch ein seelischer Druck, der da auf den Figuren lastet!

Noch etwas ungestüm

Den ungestümen Umgang mit der Sprache kann man als Jugendsünde abhaken. Wichtiger ist der fast sezierende Blick des jungen Lenz auch für Nebenfiguren. Der wieder aufgetauchte «Überläufer» ist für Siegfried Lenz' Gesamtwerk ein wichtiger Mosaikstein. Es hat noch nicht die erzählerische Meisterschaft von Lenz' späteren Romanen. Aber es ist als authentisches Zeitzeugnis so erschütternd und beklemmend wie vor 65 Jahren.

Siegfried Lenz: Der Überläufer. Hoffmann und Campe, 360 Seiten, Fr. 36.90.