16mal «Sterbstund»

LESBAR LETZTE DINGE

Rainer Stöckli
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Bild: Rainer Stöckli

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LESBAR LETZTE DINGE

Muss man, 45jährig, die Erfahrung machen, es stehe ein brüsker Tod bevor, bis die Einsicht reift, «das Hereinlassen des Sterbens ins Leben» gehöre zur Kunst, älter zu werden? Rita Bertolini, die Herausgeberin des «Sterbstund»-Bandes, legt in der Bucheröffnung dar, eine Tumor-Diagnose und der Schock des Operations-Vorhabens hätten sie zum frühen Innewerden ihrer Endlichkeit gebracht. Resultat 1 solcher Reflexion: Der Lebenserwartungs-Begriff täuscht; nichts schlägt willkürlicher als die letzte Stunde. Resultat 2: Die Bregenzerwälder Grafikerin, 1966 in Egg geboren, komponiert und gibt heraus einen 280seitigen Ausstellungskatalog mit klugen Aufsätzen, ergreifenden Bilderstrecken, anrührenden Verlust-Schilderungen – sechzehnfaches Erwägen der immergleichen Frage «Wann?» Unter ihren Gewährsleuten Monika Helfer, Wolfgang Hermann, Andreas Rudigier, Thomas Schiretz, je und je zuständig für lebensgeschichtliche, kulturhistorische, volkskundliche, religionswissenschaftliche Aspekte. Der leintuchene Buchumschlag und Hofmannsthal-Zitate tun ein Übriges, uns gefasst zu machen.

Rita Bertolini (Hg.): Sterbstund. Bregenz: Bertolini, 2015. Ausstellung bis April in Schruns, von Mitte Juni an im Lechmuseum/Arlberg.

33 Friedhöfe

Früher haben sie «Gottesäcker» geheissen, das Etikett gilt als veraltet. Urnenwände ersetzen die weithin angelegten, planmässig eingefassten Pärke mit Gräberfeldern, manchenorts jetzt auch weitläufige Friedwälder. Darin mag man flanieren – Friedhöfe jedoch werden besucht. Franz Weinzettl, in Feldbach/Steiermark geboren, hat über Jahre hin «Totenäcker» aufgesucht, vorgeblich um der Erfahrung willen, nach zeitweiliger Nähe zu den Toten «die Lebenden [wieder] besser auszuhalten». Das ist kein Paradox – der Autor leistet sich nicht eine exquisite Flucht aus der lauten Welt; vielmehr entdeckt er aufgrund seiner Gänge zu Grabstätten und Denksteinen eine Zuneigung zu den Menschen. Man darf sie ihm glauben: Im Buch mit dem schönen Titel «An der Erde Herze geschmiegt» (Leihgabe von Hermann Hesse) geht es tatsächlich nicht nur ums Haltmachen vor Grabmälern, Monumenten und Inschriften, ums Berichten makabrer Tagträume und etwa noch einen flüchtigen Dienst an aufgelassenen «Kerzenhäusern», sondern gern auch um üppig überhandnehmende Natur: Baumriesen, Graswucher, verwilderte Rebstöcke. Sie machen die Lektüre der Friedhofsgänge trostreich. Allenfalls «ein Knirschen» im Genick des Besuchers (der Verfasser hat Jahrgang 1955, wir lesen sein neuntes Buch) gemahnt daran, es riesele die Sanduhr uns allen.

Franz Weinzettl: An der Erde Herz geschmiegt. Erzählung. Wien. Edition Korrespondenzen, 2015. 175 Seiten, Fr. 27.–

Bild: Rainer Stöckli

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