Zurich Film Festival zeigt mehr Filme von Regisseurinnen als die Konkurrenz

Das 15. Zurich Film Festival zeigte, wovon in Cannes und Venedig immer nur geredet wird: Filme von Regisseurinnen. Sie lassen Stimmlose zu Wort kommen und zeigen Bekanntes aus einer völlig neuen Perspektive.

Lory Roebuck
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Kristen Stewart stellt sich am Zurich Film Festival den Fotografen und Reportern. Bild: Vittorio Flacco/MooH Photos/ZFF

Kristen Stewart stellt sich am Zurich Film Festival den Fotografen und Reportern.
Bild: Vittorio Flacco/MooH Photos/ZFF

Es sei unglaublich schwierig, ein brauchbares Bild von Kristen Stewart zu schiessen, klagt ein italienischer Fotograf am Zurich Film Festival. Sie würde ständig auf den Boden starren. Wir schmunzeln. Dass ihm die 29-jährige Hollywoodschauspielerin nicht so richtig ins Bild passt, hat Symbolcharakter. Viele Kinozuschauer sehen in Stewart immer noch die hilflose Filmheldin aus «Twilight», die nur darauf wartet, endlich vom gutaussehenden Vampir gebissen zu werden, und die nur einen einzigen Gesichtsausdruck kennt: leicht genervt.

Doch Stewart hat sich davon längst emanzipiert. Heute ist sie eine der gefragtesten Charakterdarstellerinnen des Independentkinos und kann alleine mit ihrer Beteiligung ein Filmprojekt aus den Startlöchern heben. Die Filmbiografie «Seberg» beispielsweise, die Stewart am Zürcher Festival zusammen mit dem unbekannten Regisseur Benedict Andrews vorstellte.

Stewart arbeitet derzeit an ihrer ersten eigenen Regiearbeit, «The Chronology of Water». Gut möglich, dass der Film dereinst ebenfalls an einem Festival zu sehen sein wird. In Cannes und in Venedig wurden Absichtserklärungen unterschrieben, in Zukunft vermehrt Filme von Regisseurinnen ins Programm aufzunehmen. Die diesjährige Bilanz war düster. Nur 19 Prozent der Wettbewerbsfilme in Cannes waren von Frauen, in Venedig lag dieser Wert mit 9 Prozent noch tiefer.

Zürich ist Cannes und Venedig einen Schritt voraus

Zürich ist da im Vergleich schon einen grossen Schritt weiter: Hier sind dieses Jahr 42 Prozent aller Filme aus Frauenhand. Das freut die französisch-amerikanische Filmemacherin und Schauspielerin Julie Delpy:

«Als Regisseurin hast du es schwer, du wirst unglaublich benachteiligt, auch an Filmfestivals. Aber hier in Zürich ist das zum Glück anders.»
July Delpy Regisseurin «My Zoe»

July Delpy
Regisseurin «My Zoe»

Delpy stellte in Zürich ihren neuen Film «My Zoe» vor, über eine Mutter, die ihre sterbende Tochter durch ein unethisches Unterfangen zu retten versucht. Eine kompromisslose Rolle, die mit dem Klischee der behutsamen, passiven Frau aufräumt.

«Wenn du Filme aus einer anderen Perspektive sehen willst, musst du mehr Filme von Frauen unterstützen», sagt Delpy.

Wer die Filme der zahlreichen Regisseurinnen am Zurich Film Festival schaut, wird immer wieder Zeuge solcher anderer Perspektiven. Der australische Film «Babyteeth» von Shannon Murphy beispielsweise erzählt von einem krebskranken Mädchen (Eliza Scanlan), völlig unsentimental, und dafür umso bewegender.

Die Regisseurin Mahnaz Mohammadi gibt in ihrem Drama «Son-Mother» einer iranischen Witwe, die keine Rechte hat, eine Stimme. Die Amerikanerin Ursula Macfarlane tut dasselbe für die Opfer von Harvey Weinstein. Diese gehen in ihrem aufsehenerregenden Dokumentarfilm «Untouchable» teilweise erstmals an die Öffentlichkeit.

«Viele dieser Frauen trauten sich bisher nicht, darüber zu reden»
Ursula Macfarlane Regisseurin «Untouchable»

Ursula Macfarlane
Regisseurin «Untouchable»          

, sagt Macfarlane. Über einen Zeitraum von neun Monaten nahm sie Interviews mit 29 Frauen auf, die den ehemaligen Hollywoodproduzenten der sexuellen Nötigung oder der Vergewaltigung bezichtigen. «Das sind schmerzhafte Erinnerungen. Ich wusste, dass wir mit diesen Frauen sehr behutsam umgehen mussten.»

Filme wie «Untouchable» entlarven die patriarchalen Machtverhältnisse im Filmgeschäft. Mit diesen musste sich auch die amerikanisch-chinesische Regisseurin Lulu Wang herumschlagen, auf andere Art. Ihr Film «The Farewell» erzählt von einer chinesischen Familie in den USA, die der sterbenskranken Grossmutter deren Diagnose verschweigt. Unter dem Vorwand einer angeblichen Hochzeit reist die Familie nach China, um die letzten Tage mit der Grossmutter zu verbringen. «Als ich meinen Film potenziellen Produzenten vorstellte, rieten mir diese, daraus eine Komödie zu machen», erzählt Wang. Sie lehnte zum Glück ab und hielt an ihrer Vision eines nuancierten, leisen Dramas fest. Das Resultat ist ein einzigartiger Film.

Es gibt viele talentierte Frauen in allen Filmberufen

Wang sagt, dass sie eine Frauenquote an Filmfestivals befürwortet.

«Es braucht eine Frauenquote, um gegen Engstirnigkeit anzukommen.»
Lulu Wang Regisseurin «The Farewell»

Lulu Wang
Regisseurin «The Farewell»          

Es sei einfach zu behaupten, man habe alle Kandidaten sondiert, und diese zehn Männer seien eben die besten gewesen. «Aber woher weiss ich, dass diese Person wirklich alle Kandidaten angeschaut hat?»

Es gebe viele talentierte Frauen in fast allen Filmberufen, ist Wang überzeugt. Ihre Produzenten hätten ihr mehrere preisgekrönte Kameramänner angeboten, doch Wang wollte um jeden Preis eine Frau hinter der Linse. 

«Jeder kann heute schöne Bilder schiessen, ich wollte etwas anderes, ich wollte einen weiblichen Blick.»

Als eine Bekannte Wang mit der Kamerafrau Anna Franquesa Solano bekanntmachte, klickte es dann auf Anhieb.

Den weiblichen Blick will auch Schauspielerin Kristen Stewart stärker ins Auge fassen. Neben «Seberg» wird sie demnächst auch in einem weiteren Remake von «Charlie’s Angels» zu sehen sein. Regie führt mit Elizabeth Banks erstmals eine Frau. «Du eliminierst damit den ‹male gaze›, den männlichen Blick», sagt Stewart. «Das muss nicht bedeuten, dass wir als Schauspielerinnen nicht mehr glamourös oder sexy sein dürfen. Jede Frau will sich schön fühlen.» Aber unzerstörbaren Superheldinnen wie es einst Drew Barrymore, Lucy Liu und Cameron Diaz waren im «Charlie’s Angels»-Film von Regisseur McG? Fehlanzeige, sagt Stewart. «Der weibliche Blick macht mit unseren Filmfiguren vor allem eines: Er macht sie authentischer.»

Zurich Film Festival ist im Kristen-Stewart-Fieber

Die Chancen, Hollywood-Star Kristen Stewart in Zürich anzutreffen, sind gross wie nie: Der Hollywoodstar ist seit Mittwochmorgen am 15. Zurich Film Festival (ZFF), präsentiert am Abend den neuen Film «Seberg» und spricht am Donnerstag in einem Talk über ihre Karriere.