100 Jahre heile Welt

Happy Birthday Bollywood: Seit 1913 bringt die indische Traumfabrik ihr Volk zum Singen, Tanzen und Träumen. Hierzulande kommen die Filme auch an, obwohl die Schweiz als Kulisse out ist.

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Vor hundert Jahren kam der erste indische Stummfilm ins Kino. Mehr als eine Kopie gab es von dem Streifen «Raja Harishchandra» nicht. Damals war Frauen die Schauspielerei untersagt und so waren alle Rollen mit einheimischen Schauspielern besetzt. Der Film spielte vor dem Hintergrund der indischen Geschichte, Kultur und Mythologie. Und diese Mischung traf voll ins Schwarze: Der Film wurde so erfolgreich, dass Kopien für weitere Aufführungen angefertigt werden mussten. Der Erfolg hielt bis heute an. 1500 Bollywood-Filme entstehen jährlich; das sind mehr Streifen als in den USA und Europa zusammengerechnet. Und sie unterscheiden sich auch inhaltlich grundlegend von den Filmen dieser Länder. 1931 verstärkte sich dies zusätzlich: Der Ton kam zum indischen Film und seither wird in den indischen Kinos mitgesungen und mitgetanzt, was das Zeug hält.

Rosamunde Pilcher plus Exotik

Auch in der Schweiz erfreuen sich indische Filme einer beachtlichen Fangemeinde, wie Bollywood-Experte Marco Spiess weiss. «Vor allem bei Frauen kommt die Mischung aus Rosamunde Pilcher und Exotik gut an, ihnen fällt der Zugang zur heilen Welt und zum Kitsch leichter», sagt Spiess, der als Filmredaktor arbeitet und eine Homepage betreibt, die auf asiatische Filme spezialisiert ist.

Doch in Indien werden nicht nur Liebesfilme gezeigt, Horror- oder Actionstreifen sind ebenfalls beliebt. «Gesang ist dabei aber immer ein zentrales Element», sagt Spiess. Dieser könne dann durchaus bei – für unseren Geschmack – merkwürdigen Szenen auftauchen. «Selbst in Horrorfilmen mitten im Spannungsaufbau.» Für Marco Spiess ist klar, dass dies kulturell bedingt ist. «In Indien gehört es zu einem Kinobesuch dazu, dass man aufsteht, mitsingt und klatscht, sobald ein Lied ertönt.» Und beim Singen sei es wie mit so vielem in Bollywood: Es darf extrovertiert, beschönigt und massiv übertrieben werden.

Neben den Wohlfühlthemen und dem Eskapismus nimmt sich Bollywood nun aber vermehrt der Missstände und der Realität seines Landes an. «Früher gingen nur Independent-Filmer diese Themen an, heute wird auch in grossen Produktionen etwa der Unterschied zwischen Arm und Reich thematisiert», sagt Spiess, der bereits über 2000 Bollywood-Filme gesehen hat. Dennoch steht für viele indische Kinobesucher die Flucht vor einem zusammenbrechenden Staat, inflationären Preisen, Korruption, Chaos und Stromausfällen im Vordergrund. Früher führte diese Flucht auch gerne per Drehort in die Schweiz: «Sauberkeit, Idylle, Wohlstand – alles Dinge, die Inder an unserem Land bewundern.» Doch die Ära der Schweizer Kulisse im indischen Film ist vorbei.

Starkult ohne Ende

«Bollywood wendet sich anderen Regionen zu», so Spiess. Die Zuschauer seien übersättigt, was Bilder von Alpen, Schnee und saftigen Wiesen anbelange. «Vor allem, wenn sie in fast jedem Film zu sehen sind.» Nichtsdestotrotz ist es für viele Inder ein Ziel geblieben, einmal an den Ort zu pilgern, wo ihr Lieblingsfilm gedreht wurde. «Der Titlis, die Zentralschweiz und das Berner Oberland profitieren vor allem davon.» Wer einmal gesehen hat, wie indische Touristen auf dem Titlis Pappmaché-Abbilder ihrer Stars herzen, weiss, welcher religiöse Charakter diesem Szenario innewohnt.

«Filmstars sind in Indien extrem wichtig, wer etwas Falsches über sie sagt, muss um sein Leben fürchten», sagt Marco Spiess. Und wer Filmstar ist, macht sich möglicherweise auch Sorgen um das Leben seiner Fans: Vor kurzem robbten zwei pakistanische Jugendliche durch die Minenfelder von Kaschmir. Sie wurden als Terroristen verhaftet, wollten aber eigentlich nur ihr Idol Schauspieler Sha Rukh Khan in Bombay treffen. Und als 1987 Schauspieler M. G. Ramachandran starb, brachten sich 32 Menschen um, die wichtigste Tageszeitung Indiens erschien nicht und seine verzweifelten Anhänger zündeten in seiner Heimatstadt aus Protest Busse an. (kar/mg)

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