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... und raus bist du: Der Grossteil des St.Galler Tanzensembles muss gehen

Die Tanzchefin geht, der neue Tanzchef bringt sich seine neue Compagnie mit. Wehmut, Trauer, Zuversicht: Wie die Tänzerinnen und Tänzer des Theaters St. Gallen mit Kündigungen umgehen.
Julia Nehmiz
Mit dem emotionalen Tanzstück «Desiderium» verabschiedet sich der Grossteil der St.Galler Compagnie. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (St. Gallen, 2. Juli 2019))

Mit dem emotionalen Tanzstück «Desiderium» verabschiedet sich der Grossteil der St.Galler Compagnie. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (St. Gallen, 2. Juli 2019))

Ene, mene, muh und raus bist du. Für die Tänzerinnen und Tänzer des Theaters St. Gallen ist es im Moment wie in einem bösen Abzählreim. Vier dürfen nächste Saison bleiben. Zwölf tanzen jetzt ihre allerletzte Vorstellung in St. Gallen. Und ziehen dann weg.

Es ist das alte Theaterlied, die Chefin geht, ein neuer Leiter kommt, bringt seine neue Kompanie mit und entlässt die meisten der Bisherigen. Auch wenn die Tänzerinnen und Tänzer das wissen – es ist hart, das nun selber zu durchleben.

Beate Vollack, seit dieser Spielzeit bereits Ballettdirektorin in Graz, konnte einige ihrer St. Galler Tänzer mitnehmen. Kinsun Chan, der neue St. Galler Tanzchef, hat fünf Tänzerinnen und Tänzern ein Angebot gemacht. Vier haben angenommen. Alle anderen müssen sich neu umschauen.

Trauer und Freude mischen sich

«Ich habe nicht nur eine Träne im Auge», sagt Beate Vollack. Ihre alte Compagnie, «meine Kinder», hat die allerletzte St. Galler Premiere getanzt, im sakralen Ambiente der Kathedrale. Es ist ein Tanz voller Abschiedsschmerz, Sehnsucht, Verlangen, Vergehen.

«Sie haben um ihr Leben getanzt», sagt Vollack auf der letzten Premierenfeier, und ihre Augen glänzen. Trauer und Freude mischen sich. Gleich muss sie ihre letzte Ansprache halten, sie weiss nicht, ob sie das emotional durchsteht.

«Sie haben einen würdigen Abschied zelebriert, sie haben wahrhaftig ihre Schuhe angezogen und sind gegangen.»

Der grosse Abschied steht unmittelbar bevor. Ein Tänzer ist aktuell für eine Produktion in Verona. Zwei gehen zu Beate Vollack nach Graz, einer nach Linz, einer zum renommierten Nederlands Danse Theater Amsterdam, einer nach Rostock, eine nach Gelsenkirchen, eine zu Disneyland Paris. Die beiden Praktikanten gehen zurück nach London.

Visabedingt muss er zurück nach Vietnam

Tänzer Thanh Pham Tri ist hin- und hergerissen. Der 32-Jährige wurde vom neuen Tanzchef nicht übernommen. Eine neue Stelle als Tänzer hat er nicht gefunden. Für ihn bedeutet das: Er muss visabedingt zurück nach Vietnam. Und ja, er freut sich darauf, auf seine Familie, er will seine Eltern unterstützen, die Bauern in einem kleinen Dorf sind, will als Tänzer eigene Projekte durchführen.

Und doch ist er auch traurig, wehmütig: «Ich wäre gerne in Europa und vor allem in der Schweiz geblieben.» Die Schweiz sei ihm zur zweiten Heimat geworden. Doch ein paar Tage vor seiner letzten St. Galler Premiere kam eine letzte Absage: Die freie Compagnie in Basel schätzt ihn sehr, aber für die neue Produktion würde er nicht passen. Man wolle in Kontakt bleiben.

Das wird für Thanh Pham Tri schwierig. Nach seiner letzten Vorstellung am Montag hat er Ferien, will seine Freunde und Kollegen in ganz Europa besuchen, bevor er Mitte August nach Vietnam zurück muss.

Thanh Pham Tri in «Desiderium», seiner letzten Produktion in St.Gallen. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (St. Gallen, 2. Juli 2019))

Thanh Pham Tri in «Desiderium», seiner letzten Produktion in St.Gallen. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (St. Gallen, 2. Juli 2019))

Thanh Pham Tri kam 2011 nach Deutschland, «mein erstes Weihnachten in Europa, zum ersten Mal habe ich Schnee gesehen». Ein Stipendium des Goethe-Instituts brachte ihn ans Staatstheater am Gärtnerplatz München. Er kam für eine Saison zur Cinevox Junior Compagnie Schaffhausen, erhielt ein Engagement am Theater Graz, wechselte nach zwei Jahren nach Münster. Von dort kam er 2017 ans Theater St. Gallen. Es war eine gute Reise für ihn, sagt Thanh Pham Tri, und er meint sein Leben an den Theatern.

Hundert tanzen vor, einer wird genommen

Nach seiner Kündigung in St. Gallen hat er sich bei anderen Compagnien beworben – «aber nicht mehr überall», sagt er. Mit seiner Erfahrung ist für ihn nicht mehr jede Compagnie interessant. Und so viele Tanzcompanien gibt es dann auch nicht. In der Schweiz haben die Theater in Zürich, Basel, Lausanne, Genf, Luzern, Bern und St. Gallen ein eigenes Tanzensemble.

Das Tanznetzwerk Schweiz schätzt, dass es rund 300 professionelle Tanzensembles gebe in der Schweiz. Doch dort wird man nur projektbezogen angestellt.

«Es gibt viel zu wenig Jobs für Tänzerinnen und Tänzer», sagt Salva Leutenegger. Sie ist Geschäftsleiterin des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbands, der auch Tänzerinnen und Tänzer vertritt. Ensembles werden kleiner, die Konkurrenz grösser: Tänzer aus der ganzen Welt bewerben sich auf die wenigen Stellen.

Thanh Pham Tri hatte ein Vortanzen im norwegischen Bergen. 1000 Tänzer hatten sich beworben, 100 wurden zur Audition eingeladen, einer engagiert. «Das ist der Normalfall», sagt Salva Leutenegger. Und ja, Tanz sei die Sparte, der es am Theater am schlechtesten gehe. Tänzerinnen und Tänzer steigen am Theater mit der Mindestgage ein. Da ihnen nur wenig Zeit bleibt für die Karriere, steigt die Gage auch nur dementsprechend an. An den Theatern St. Gallen, Basel, Bern beträgt die Mindestgage 4000 Franken brutto pro Monat.

«Das ist zu wenig, um etwas ansparen zu können, wenn mit Anfang 30 die Karriere endet», sagt Leutenegger. Aus ihrem Verband heraus wurde die Schweizerische Stiftung für die Umschulung von darstellenden Künstlerinnen und Künstlern gegründet, die auch nach der Tanzkarriere unterstützt.

Sie wird choreografieren und Regieassistenz machen

Über so eine Unterstützung hat Robina Steyer nachgedacht. Auch ihr Engagement in St. Gallen endet. Die 35-Jährige hat sich nochmals an anderen Häuser beworben, und dann doch dagegen entschieden.

«Lieber ergreife ich jetzt die Chance auf einen Neuanfang nach dem Tanzen, als in zwei Jahren in einer fremden Stadt.»

Robina Steyer kam 2014 nach St. Gallen, hier unterrichtet sie mittlerweile an der Theatertanzschule, hat für diese choreografiert. Kommende Saison wird sie am Theater St. Gallen für die Oper «Faust» die Choreografie machen, sie wird eine Regieassistenz am Schauspiel St. Gallen übernehmen, jetzt im Juli choreografiert sie beim Festival Vaduz Classic.

Robina Steyer in Beate Vollacks Choreografie «Die Jahreszeiten». (Bild: Ian Whalen)

Robina Steyer in Beate Vollacks Choreografie «Die Jahreszeiten». (Bild: Ian Whalen)

Ein Regiestudium würde sie noch reizen. «Ich habe gemerkt, ich will weiter kreativ arbeiten.» Sie hadert ob der Finanzierung. Ihr fehlt das finanzielle Polster für einen beruflichen Neustart.

«Ich schwanke zwischen Angst, weil ich für nächsten Sommer noch keine Projekte habe, und Freude, weil so viel Spannendes ansteht.»

Jedem Anfang wohnt zwar ein Zauber inne – aber oft auch eben grosse Unsicherheit.

Allerletzte Vorstellung des Tanzensembles: «Desiderium», 8.7.2019, 21 Uhr, Kathedrale St. Gallen

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