Zwischen Tourismus und Terrorismus

Die Flugzeugkatastrophe auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel bleibt rätselhaft. Terror des «Islamischen Staats» oder Folge des Massentourismus zu Dumpingpreisen? Bei aller Unklarheit hinter den Theorien und Spekulationen stehen handfeste Interessen.

Walter Brehm
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Trümmerteile des abgestürzten russischen Airbus in der Wüste Sinai. (Bild: ap)

Trümmerteile des abgestürzten russischen Airbus in der Wüste Sinai. (Bild: ap)

Die russische Charterfluggesellschaft Metrojet schliesst eine technische Panne oder gar einen Pilotenfehler als Ursache des Absturzes ihrer Airbus-Maschine über der Sinai-Halbinsel kategorische aus. Ohne es offen auszusprechen, nährt sie den Verdacht eines Terroranschlages.

Die ägyptische und die russische Regierung waren sofort mit der gegenteiligen Einschätzung präsent: Anzeichen für ein Attentat gebe es keine. Unterstützt wird diese Position auch von der amerikanischen Regierung.

Gegen vorzeitige Festlegung

Während sich ägyptische Ermittler festlegen, dass es vor dem Absturz keine «äussere Einwirkung» auf das Flugzeug gegeben habe, kritisiert Alexander Neradko, Chef der russischen Luftfahrtbehörde, jede verfrühte Festlegung. Die Auswertung des Flugschreibers und des Stimmenrecorders sei noch nicht abgeschlossen. Verständlich aber ist, dass die Unklarheit über die Ursache der Katastrophe für die Angehörigen der 224 Insassen der Maschine ein unerträgliche Qual ist. Deshalb gibt es von der russischen Luftfahrtbehörde Aussagen, die der selber geforderten Zurückhaltung widersprechen.

Klar sei, dass der Airbus A321 in grosser Höhe auseinandergebrochen sei. Genau auf diese Meldung stützt sich «Metrojet» ab, wenn sie behauptet, es gebe keine technischen Fehler, die dazu führten, «dass ein Flugzeug in der Luft auseinanderbricht».

Rakete unwahrscheinlich

Die Theorie, es müsse sich um einen Terroranschlag handeln, stützt sich bisher aber einzig auf ein Bekenntnis der dann möglichen Täterschaft: des «Islamischen Staates» (IS). Wobei unter den Experten anscheinend Einigkeit besteht, dass ein Raketenbeschuss der Maschine nicht als Ursache des Absturzes in Frage kommt. Den IS-Jihadisten mangle es dafür an den dazu notwendigen komplexen Waffensystemen.

Bombe oder Suizid-Attentäter

«Soldaten des Kalifats haben den russischen Passagierjet zum Absturz gebracht.» So lautete das Bekenntnis des IS. Stutzig macht die unpräzise Formulierung, die keinen Hinweis darauf gibt, wie die Jihadisten den Anschlag verübt haben wollen. Nach den bisherigen Erkenntnissen wäre dies nur auf zwei Arten möglich gewesen: Entweder gelang es, eine Bombe an Bord der Maschine zu schmuggeln, oder ein Selbstmordattentäter gelangte samt einem Sprengsatz als Passagier in das Flugzeug.

Unklare Lage, klare Interessen

Bei aller Unklarheit sind die Interessen, die hinter den Spekulationen der Absturzursache stehen, leicht auszumachen. Für Moskau wäre es höchst unangenehm, sollte sich herausstellen, dass dem IS ein Racheakt gegen die russischen Bombardements in Syrien gelungen ist. Die Propaganda für das militärische Eingreifen Moskaus hätte einen schweren Stand, müssten zivile russische Opfer als Preis dafür benannt werden. Ägypten, das in seiner Devisennot seine Tourismusangebote zu Ramschpreisen verhökert, fürchtet dagegen einen weiteren Einbruch des Geschäfts. Die Chartergesellschaft Metrojet und deren Ägypten-Angebote werden jedoch auch unter einem Unfall leiden, der auf mangelhafte Wartung eines Flugzeugs zurückzuführen wäre.

So oder so Erfolg für den IS

Vorläufig können sich die IS-Terroristen über einen Erfolg freuen. Schon die Debatte um einen möglichen Terroranschlag schürt die Angst von Regierungen, der Tourismusbranche und der Reisenden. Sollten die Untersuchungen zum Schluss kommen, der Absturz sei ein Unfall gewesen, wird es den IS nichts kosten, dies gegenüber seinen Anhängern als Lüge der «Kreuzzügler» zu brandmarken.