Zwei Quadratmeter zum Leben

Hongkong ist eine der reichsten Städte der Welt. Hier leben die meisten Millionäre Asiens – und fast 200 000 Menschen, die sich zum Teil nur einen Käfig zum Schlafen leisten können. Auf eine Sozialwohnung oder einen Platz im Pflegeheim warten manche bis zu ihrem Tod.

Inna Hartwich/Hongkong
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Über 170 000 Menschen leben in Hongkong in «unterteilten Wohnungen». Sie bestehen aus mehreren winzigen Verschlägen, die einzeln als Zimmer vermietet werden. (Bild: Benny Lam)

Über 170 000 Menschen leben in Hongkong in «unterteilten Wohnungen». Sie bestehen aus mehreren winzigen Verschlägen, die einzeln als Zimmer vermietet werden. (Bild: Benny Lam)

Da stand sie, die 29-Jährige, in der Dunkelheit, der Kälte, hinter ihr das armselige Dorfleben voller Hunger, vor ihr das Meer. Die lichte Zukunft. Hongkong. So dachte Law Laikuen aus der südchinesischen Provinz Guangdong, als sie ins Wasser stieg, das andere Ufer stets im Blick. «Es wird dir gut gehen, es wird der ganzen Familie gut gehen, wenn du überlebst.» Ein Mantra, das sich in ihrem Kopf drehte, in diesem Winter des Jahres 1979, als Law Laikuen die Flucht nach Hongkong wagte.

Dach-Hütten und Schlaf-Käfige

«Fisch, ich habe Fisch mitgebracht.» Law Laikuen stapft die Stufen hoch, eng ist es im Gang und stickig. Sie ist jetzt 64 Jahre alt, arbeitet in einem chinesischen Restaurant. 3600 Hongkong-Dollar (umgerechnet 490 Franken) bringt ihr das ein – und manchmal auch Lebensmittel, welche die Köche wegwerfen. Ein blutiger Fischkopf ragt aus der weissen Plastiktüte. Law Laikuen muss in den fünften Stock und noch weiter. Auf dem Dach hat sie ihre Bleibe. Kabel schlängeln sich von einem Bambusstock zum nächsten, Holzbretter formen eine Art Zimmer. Am Ende des Ganges hat jemand eine Toilette gebaut und einen Schlauch als Dusche aufgehängt. Zehn Menschen teilen sich drei Verschläge in der Dach-Hütte, wie die illegalen Aufbauten in Hongkong heissen. Law Laikuen hat einst 20 000 Hongkong-Dollar dafür bezahlt. Sie hat hier drei Töchter grossgezogen und auch für zwei Enkel ein Zuhause geschaffen – auf vier Quadratmetern.

Ein Hochbett passt hinein, oben stapeln sich Tüten mit Kleidern, unten breitet Law Laikuen zwei Kissen aus. Wenn die Tochter aus Festlandchina vorbeikommt, zieht sich die Mutter auf den Fussboden zurück. Manchmal sitzen sie auch einfach auf dem Dach, die zweite Hütte hat der Besitzer des Hauses erst vor kurzem abgetragen. «Eine Wohltat. Nun haben wir frische Luft, früher waren es manchmal an die 50 Grad unter der Plane», sagt Law Laikuen. Wann es ihre Hütte trifft, ist nur eine Frage der Zeit. Kommt dann die nächste Kammer, ein Käfig gar? Law Laikuen hofft auf eine Sozialwohnung mit Klimaanlage. Sechs Jahre warten manche auf eine vom Staat zugeteilte Unterkunft. Law Laikuen hat vor zwei Jahren einen Antrag gestellt.

1,3 Millionen Menschen leben in Hongkong unter der Armutsgrenze, einer Stadt, die zu den reichsten der Welt zählt. Sie war schon immer das Mekka der Marktwirtschaft und ein Ort, der sich um die Schwächeren der Gesellschaft kaum scherte. «Wenn du Geld hast, dann machst du hier Geld, wenn nicht, dein Problem», heisst es oft. Die schlecht Ausgebildeten, die vor allem in den 1990er-Jahren, als die Fabriken schlossen und sich die Stadt immer mehr zu einer Dienstleistungsgesellschaft wandelte, hatten das Nachsehen. Sie haben es bis heute. Mehr als 170 000 Menschen leben in sogenannten «unterteilten Wohnungen». Sie bestehen aus mehreren Verschlägen, obwohl sie eigentlich für einen Haushalt gedacht sind. Die Hausbesitzer kassieren so mehr Miete, manche von ihnen stellen Käfige in die Wohnungen, in denen die Menschen teils nacheinander schlafen, weil das Geld nicht für mehr reicht.

«1000», flüstert Herr Yuen. 1000 Hongkong-Dollar, 136 Franken, zahlt der 55-Jährige für knapp zwei Quadratmeter. Er kriecht aus seinem Verschlag, einem abgetrennten Raum hinter der Küche. Eine Pritsche hat er dort, oben rattert der Ventilator, die Wände sind mit Kleidern zugehängt. Aus der oberen Wohnung tropft es manchmal. Wer seine Nachbarn sind, weiss er nicht genau. Der schwerhörige Wong sei da, noch so ein Alter, ein Pärchen, eine Familie, mit einem oder gar mit zwei Kindern? Seit zehn Jahren wohnt er hier. Seitdem hat der frühere Wachmann keine Arbeit. «Krank geworden, den Job verloren und nie wieder einen gefunden.»

Jedes vierte Kind lebt in Armut

Von seinen Söhnen habe er keine Hilfe zu erwarten, erzählt Herr Yuen. Stattdessen kommt Sozialarbeiterin Natalie Yau Puishan vorbei. «Ein Date mit Natalie lasse ich nie sausen.» Seit zwei Jahren besucht die junge Frau von der Gesellschaft für Gemeinschaftsorganisation (Soco) die Armen und Schwachen von Sham Shui Po, einem heruntergekommenen Stadtteil Hongkongs. Versiert läuft sie durch die Strassen, erkennt anhand von Klimaanlagen, welche Wohnung unterteilt ist. Sie informiert über die Angebote der Organisation und versucht, die Kinder aus der tristen Umgebung herauszuholen. Jedes vierte Kind lebt in Hongkong in Armut, fast so viele wie in Mexiko.

Manchmal streitet sie sich auch mit Vermietern. Vor ein paar Wochen noch hat Herr Yuen hier, im vierten Stock eines achtgeschossigen Hauses in Sham Shui Po, rund 100 Franken bezahlt. Dann aber drohte ihm der Hausbesitzer mit dem Rausschmiss. Der herzkranke Yuen beugte sich: Ein Fünftel seines Einkommens übergibt er nun dem Vermieter, den Rest braucht er für Medikamente, Spitalbesuche und Essen. 5000 Hongkong-Dollar bekommt er als Unterstützung vom Staat. «Gutes Geld», sagt er. Damit liegt der 55-Jährige knapp über der Armutsgrenze, welche die Stadtregierung 2014 definiert hat. Sie besagt, dass Menschen mit einem Monatseinkommen von 3750 Hongkong-Dollar (510 Franken) zu den Ärmsten der Armen zählen. Der Verwaltung waren sie lange Zeit egal. Hongkong hat viel zu spät ein Rentensystem eingeführt. Viele Alte leben von der Hand in den Mund; auf einen Platz im Pflegeheim warten manche bis zu ihrem Tod.

Wohlfahrt galt als Verschwendung

Der frühere Hongkonger Regierungschef Tung Cheehwa, der erste unter chinesischer Führung, sagte in den 1990er-Jahren noch Sätze wie: «Armen zu helfen, ist wie Sand ins Meer zu streuen, um Land urbar zu machen.» Wohlfahrt galt als Verschwendung, die Regierung überliess sie gern den NGO und Kirchen. Und doch hatte Tung das Wohnproblem der Stadt erkannt, versprach, 85 000 Wohnungen im Jahr zu bauen. Sein Nachfolger Donald Tsang Yamkuen stoppte das Programm. Erst der jetzige, von den demonstrierenden Studenten so verhasste Verwaltungschef Leung Chunying punktete zunächst mit seinem Einsatz für die Schwachen. Seine Regierung hat die Sozialhilfe um das Doppelte auf umgerechnet 270 Franken angehoben, hat eine Armutskommission ins Leben gerufen und versprochen, mehr Sozialwohnungen zu bauen. 23 000 neue Unterkünfte entstehen pro Jahr. 255 000 Bewerber warten auf eine neue Bleibe.

«Es müssen langfristige Pläne formuliert werden, da Hongkong weder eine Armutspolitik hat noch mit schlecht ausgebildeten Arbeitern umzugehen weiss», sagt Wong Chiyuen von Soco. Gerade einmal fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts gibt Hongkong für Soziales aus, der weltweite Durchschnitt, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ausgerechnet hat, liegt bei 19 Prozent. Das Büro von Soco in Sham Shui Po ist teils eine Spielwiese. In einem Raum krabbeln Kleinkinder umher, im anderen sitzen Schüler und brüten über ihren Englisch-Hausaufgaben. Ein Training in Sachen Sprache und Selbstbewusstsein. «Den Armutskreislauf zu durchbrechen ist in Hongkong eine unglaubliche Leistung», sagt Wong.

Law Laikuen hat es nicht geschafft. Seit mehr als 30 Jahren lebt sie nun auf dem Dach in Sham Shui Po. «Hier ist mein Zuhause», sagt sie, bevor sie den Fisch zu Suppe verarbeitet. «Meine Geschwister, die 1979 nicht den Sprung ins Wasser wagten und in China geblieben sind, haben es weitaus besser als ich.»

Herr Yuen in seinem Kabuff mit Pritsche.

Herr Yuen in seinem Kabuff mit Pritsche.

Law Laikuen lebt mit ihren Enkeln in einem Bretterverschlag auf dem Dach. (Bilder: Inna Hartwich)

Law Laikuen lebt mit ihren Enkeln in einem Bretterverschlag auf dem Dach. (Bilder: Inna Hartwich)