Zurück zu den Wurzeln

Heute beginnt Barack Obama eine achttägige Afrikareise. Es ist erst seine zweite Visite auf dem Kontinent, auf dem der erste schwarze US-Präsident grosse Hoffnungen geweckt hatte.

Wolfgang Drechsler
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Willkommensgruss für die Obamas 2009 in Accra in Ghana. (Bild: ap/Rebecca Blackwell)

Willkommensgruss für die Obamas 2009 in Accra in Ghana. (Bild: ap/Rebecca Blackwell)

KAPSTADT. Die Wand mit dem schmalen Schlitz ist die Klagemauer der afrikanischen Diaspora. Boxweltmeister Muhammad Ali hatte vor ihr gekniet und minutenlang geweint. Und der Sänger James Brown wollte, wie er später erzählte, nach dem Verlassen des schummerigen Raumes auf den erstbesten Weissen losgehen und ihn niederschlagen. Doch nicht nur prominente Afroamerikaner kehrten im einstigen Sklavenhaus auf der Insel Gorée vor Senegal an der Westküste Afrikas ein. Kein US-Präsident besucht Afrika heute, ohne dem Eiland seine Aufwartung zu machen – zum Zeichen der Versöhnung mit den 30 Millionen Afroamerikanern, die ihre Wurzeln auf dem Schwarzen Kontinent wähnen.

Gedenken an den Sklavenhandel

Heute wird nun auch US-Präsident Barack Obama zum Auftakt einer achttägigen Afrikareise, die ihn über Senegal und Südafrika nach Tansania an der Ostküste führen wird, Gorée besuchen und dort des Sklavenhandels und seiner Folgen gedenken. Dass er erst jetzt an diese Wallfahrtsstätte vieler Afroamerikaner kommt und den Schwarzen Kontinent im Verlauf seiner ersten Amtszeit fast völlig ignorierte, ist bei vielen Afrikanern gar nicht gut angekommen. Schliesslich hatten sich viele gerade von Obama ein weit stärkeres Engagement für den Heimatkontinent seines kenianischen Vaters versprochen. Bislang war der erste schwarze US-Präsident ganze zwei Tage in Afrika – und damals, 2009, auch nur in Ghana, jenem Land, das 1957 als erstes in Schwarzafrika unabhängig wurde und heute zu den wenigen Stabilitätsankern zählt.

Kein amerikanisches Füllhorn

Auch Senegal gilt nun wieder als ein Hoffnungsträger: Seit der Wahl von Macky Sall im vergangenen Jahr hat das westafrikanische Land wieder einen Präsidenten, der die tiefen Probleme im Bildungs- und Gesundheitswesen anpackt. Auch hat er seine Regierung von 38 auf 25 Minister verkleinert und die eigenen Vermögensverhältnisse offengelegt – ein in Afrika geradezu revolutionärer Schritt für einen Staatschef. Nun will Sall vor allem den Kampf gegen die Korruption forcieren, die unter seinem überschätzten Vorgänger Abdoulaye Wade zuletzt völlig aus dem Ruder lief.

Senegal war der am weitesten westlich gelegene Verschiffungsort – und auf Gorée steht das am besten erhaltene Sklavenzentrum des Kontinents. Auch der benachbarte Zwergstaat Gambia hat vom Polittourismus aus den USA profitiert – vor allem vom Buch «Roots» des verstorbenen Autors Alex Haley, das in den späten Siebzigerjahren verfilmt wurde und die Sicht auf den Sklavenhandel im Westen nachhaltig geprägt hat.

Viele Afrikaner hatten nach dem Amtsantritt Obamas lange Zeit die naive Vorstellung gehegt, dass mit ihm ein wohlgesinnter reicher Onkel aus Amerika auf den Schwarzen Kontinent kommen und dort sein Füllhorn ausschütten würde. Doch dies hat sich als Irrglaube entpuppt.

Sicherheit im Vordergrund

In Westafrika, wo die Islamisten in Mali, aber auch in Nigeria auf dem Vormarsch sind, wird neben dem Handel auch diesmal vor allem die Sicherheit im Vordergrund stehen. Erst zu Jahresbeginn haben die USA mit dem Wüstenstaat Niger ein Abkommen über die Einrichtung einer Basis für Drohnen geschlossen, die unter anderem auch die Islamisten im Norden Malis überwachen sollen. Amerikas bislang einzige ständige Militärbasis in Afrika war in Djibouti im äussersten Osten – zu weit weg von den aktuellen Brandherden. Das Abkommen mit Niger ist auch deshalb wichtig, weil Frankreich im Zug seines Kampfeinsatzes gegen die Islamisten in Mali dringend einer genauen Aufklärung über Aufmarschgebiete und Trainingslager der Islamisten bedarf.

Kenia nicht auf der Reiseroute

Ein wichtiges Zeichen für seine künftige Afrikapolitik hat Obama bereits dadurch gesetzt, dass ihn auch seine zweite Visite auf dem Kontinent nicht in die kenianische Heimat seines verstorbenen Vaters führt, was dort Unmut erregte. Der Grund, weshalb Obama die Wirtschaftslokomotive im Osten des Kontinents umgeht, findet sich in der Anklage gegen Staatschef Uhuru Kenyatta und seinen Vize durch den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag. Beiden wird vorgeworfen, bei den Wahlen 2008 die blutigen Stammesunruhen mit angezettelt zu haben. Erst letzte Woche hatte der ICC den Prozessbeginn gegen Kenyatta auf den 12. November verschoben. Wäre es beim ursprünglichen Termin Anfang Juli geblieben, hätte Obama seinem kenianischen Gegenüber nur wenige Tage vor dem Prozess die Hand schütteln müssen. «Obama mag halb kenianisch sein, aber er ist darüber nicht sentimental», kommentierte Richard Dowden, Direktor der britischen Royal African Society, die harsche Absage.

Zum Abschluss in Südafrika

Am Wochenende wird Obama in Südafrika Station machen, wo alle Augen darauf gerichtet sein dürften, ob er in Pretoria den schwerkranken 94jährigen Nelson Mandela im dortigen Spital besuchen wird. Michelle Obama war während einer privaten Reise 2012 die letzte hochrangige Person aus dem Ausland, die Mandela besuchte. Damals lebte dieser noch in seinem Landhaus in Qunu, wohin er sich 2004 in den Ruhestand zurückgezogen hatte.