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Zurückgeben oder zurückkrebsen - Frankreichs Krux mit der Raubkunst

Emmanuel Macron versprach es, ein Regierungsbericht verlangt es nun konkret: Frankreich soll geraubte Kunstgüter aus der Kolonialzeit anstandslos zurückgeben. Dagegen meldet sich heftiger Widerstand.
Stefan Brändle, Paris
Ausstellung im Pariser Völkerkundemuseum Quai Branly. (Bild: Christophe Petit Tesson/EPA (23. November 2018))

Ausstellung im Pariser Völkerkundemuseum Quai Branly.
(Bild: Christophe Petit Tesson/EPA (23. November 2018))

Über eins herrscht Einigkeit: Die Empfehlungen sind radikal. Zwei von Präsident Emmanuel Macron einge­setzte Kunstexperten verlangen nichts weniger als die umfassende «Restitution afrikanischen Kulturerbes» an die Ursprungsländer. So lautet auch der Titel ihres Regierungsberichts, der am Freitag in Buchform veröffentlicht worden ist.

Betroffen sind in Frankreich schätzungsweise 90000 Kunstobjekte aus der Kolonialzeit. Zwei Drittel davon befinden sich im Pariser Völkerkundemuseum Quai Branly, das zum Bericht ­elegant schweigt. Kulturpolitisch gesprochen ist das alles Dynamit: Die Rückgabe auch nur einzelner Stücke, so 2009 im Fall antiker Fragmente an Ägypten oder 2012 via Maori-Köpfe an Neuseeland, hatte in Frankreich hitzige Polemiken ausgelöst.

Macron prescht vor

Macron will aber reinen Tisch machen. Nachdem er die Kolonialzeit bereits einmal en passant als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet hatte, versprach er 2017 in einer Uni-Aula in Ouagadougou (Burkina Faso) einen neuen Zugang zu dieser Frage. Um über eine Entscheidungsgrundlage zu verfügen, berief er ein Expertenduo, von dem er wusste, dass es zur Sache gehen würde. Der senegalesische Wirtschaftstheoretiker Felwine Sarr (46) ist mit dem Werk «Afrotopia» aufgefallen und der «indigenen» – früher sagte man eingeborenen – Sache zugetan. Die gleichaltrige Französin Bénédicte Savoy lehrt an der Technischen Universität Berlin Kunstgeschichte und ist beim Humboldt-Forum, wo die Raubkunst für rote Köpfe sorgt, mit Knalleffekt zurückgetreten. Ihre Vorschläge sind radikal, weil sie mit dem französischen – und in sich kolonialistischen – Prinzip der «Unveräusserlichkeit» musealer Objekte aufräumen wollen. Das würde eine Gesetzesänderung erfordern. Der Bericht fordert zweierlei:

Die Ausbeute von Kriegen und Kolonialexpeditionen seien ohne weiteres zurückzugeben.Die übrigen Kunstgegenstände, die in der Kolonialzeit (1885 bis 1960) namentlich aus Zentral- und Westafrika geholt wurden, sollen per bilateralen Abkommen an die afrikanischen Museen zurückerstatten.

Eine Ausnahme bestünde dann, wenn die Bezüger den Nachweis erbringen können, dass sie das Objekt «aus freien Stücken» – etwa als Geschenk für den Präsidenten – erhalten hatten.

«Zerstörung ganzer Sammlungen»

Wie brisant die Vorschläge sind, zeigt die kritische Aufnahme in Paris. Die Zeitung «Le Monde» befürchtet die «Zerstörung» ganzer Pariser Sammlungen. Selbst linke Magazine wie «L’Obs» ­reduzieren den Bericht auf eine «Auslegeordnung» und fragen unumwunden: «Können die afrikanischen Museen sie überhaupt aufnehmen?» Auch unterstellt die Zeitschrift, die Rückgabe von Raubgütern an die einzelnen Staaten würde zur Bildung «nationaler» Kunstsammlungen führen, was dem Prinzip universeller Museen zuwiderlaufe.

Die beiden Berichtsautoren kontern solche Argumente zornig: Sie hätten auf vorbereitenden Reisen in Afrika 500 aufnahmebereite Museen ausgemacht, die auch grosse Skulpturen oder wertvolle Objekte aufnehmen könnten, meint Felwine Sarr. Die betroffenen Konservatoren wollten die zurückerhaltenen Stücke keineswegs in ihre Museen einschliessen, sondern sie zirkulieren lassen, meint Sarr. Deshalb sei es «dumm» zu befürchten, dass der Westen seine afrikanischen Sammlungen verlieren werde: «Es geht nicht darum, die französischen Museen zu leeren!» Bénédicte Savoy macht zudem klar, dass nur öffentliche Museen betroffen wären, nicht Privatsammlungen.

Macron scheint die Tragweite des Berichts erst richtig zu erfassen. Vor allem zieht er heute auch bloss «temporäre» Rückgaben, also Leihgaben, in Betracht. Die negativen Reaktionen und das absehbare Zurückkrebsen des politisch geschwächten Präsidenten macht klar, dass die Rückgabe kolonialer Raubgüter noch nicht wirklich spruchreif ist. Solange Napoleons Raubzug durch die ägyp­tische Antike in Schulbüchern nach wie vor als «Wissenschaftsexpedition» ausgegeben wird, dürfte der Bericht faktisch wenig bewegen.

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