Zur Rettung der Gastronomie: Die Regierung zahlt die Vorspeise, der Gast den Hauptgang – Briten speisen im Pub auf Kosten des Staats

In Grossbritannien speist die Bevölkerung dank eines weltweit einmaligen Corona-Unterstützungsprogramms des Schatzkanzlers zum halben Preis. Seiner Beliebtheit ist dies mehr als förderlich – aber wie lange?

Kevin Capellini
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Das Pub. Eine ur-britische Institution, die es zehntausendfach gibt im Vereinigten Königreich – ob in der Stadt, im Dorf oder auf dem Land.

Das Pub. Eine ur-britische Institution, die es zehntausendfach gibt im Vereinigten Königreich – ob in der Stadt, im Dorf oder auf dem Land.

Keystone

Die Pubs gehören zu Grossbritannien wie die Queen, die roten Doppeldeckerbusse und die Bobbies. Doch eben jene Pubs leiden unter den Folgen des Lockdowns: Gut zwei Monate waren in Grossbritannien im Kampf gegen das Coronavirus sämtliche Gaststätten geschlossen. Wie in der Schweiz haben nun die meisten Gastrobetriebe auf der Insel mit den Folgen der Zwangsschliessung und der ausbleibenden Gäste zu kämpfen. Viele sind in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Um dem in Grossbritannien äusserst wichtigen Gastronomiesektor schnell unter die Arme greifen zu können, hat sich London ein Instrument einfallen lassen, das es sonst nirgends auf der Welt gibt: auswärts Essen zum halben Preis – auf Kosten des Staates.

Auf diese Idee gekommen ist der britische Schatzkanzler (Chancellor of the Exchequer) Rishi Sunak. Dieser versucht mit seinem 30 Milliarden Pfund schweren Konjunkturpaket, Kurzarbeit für 10 Millionen Briten, Notkrediten über 50 Milliarden Pfund und Mehrwertsteuersenkungen über 4 Milliarden Pfund die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie auf der Insel abzuschwächen. Die gewaltigen Summen, die Sunak verteilt, brachten ihm bereits den Übernamen «The whatever it takes-Chancellor», also der «was auch immer nötig-Schatzkanzler» ein.

Doch ob diese Massnahmen funktionieren, muss sich erst noch zeigen. Bereits jetzt lässt sich mit Sicherheit sagen: Die Restaurant-Aktion ist für die Menschen ein Erfolg – und gleichzeitig nur ein Tropfen auf den heissen Stein für die Betriebe.

Seit Anfang August schossen die Reservationszahlen in Restaurants und Pubs durch die Decke. Die Briten lassen sich gerne von ihrem Staat einladen. Bereits wenige Tage nach Beginn der Aktion wurden 3,3 Millionen Suchanfragen für Restaurantreservationen verzeichnet, über 72'000 Restaurants meldeten sich bei der Regierung an, um teilnehmen und Essen vergünstigt anbieten zu können.

Der britische Schatzkanzler Rishi Sunak serviert als «Kellner Rishi» in einem asiatischen Restaurant um sein Förderprogramm zu bewerben.

Der britische Schatzkanzler Rishi Sunak serviert als «Kellner Rishi» in einem asiatischen Restaurant um sein Förderprogramm zu bewerben.

Foto: Her Majesty's Treasury / Twitter

Das Vorgehen indes ist einfach. Die Pubs registrieren sich zuerst beim Schatzamt. Alle Britinnen und Briten, die im August von Montag bis Mittwoch am Mittag oder Abend in einem der registrierten Restaurants oder Pubs speisen, zahlen nur die Hälfte der Rechnung – das Restaurant erhält die Entschädigung für den verbleibenden Betrag vom Staat zurückvergütet.

Mindestens 500 Millionen Pfund fürs auswärts Essen

Maximal darf pro Person für 20 Pfund (etwa 24 Franken) konsumiert werden, die Rückerstattung beträgt dann maximal 10 Pfund (etwa 12 Franken) pro Person. Alles was darüber hinaus geht, muss der Gast selber bezahlen. Alkohol ist von der Aktion ausgeschlossen.

Einzige Bedingung bei der ganzen Sache: Die Bestellung muss im Restaurant oder im Pub verzehrt werden. Take-away wird nicht unterstützt. Denn die Briten sollen nicht die grossen Lieferketten, sondern die örtlichen Restaurants unterstützen, verlangt die Regierung.

Für die «Eat Out to Help Out»-Aktion – auf Deutsch etwa «auswärts Essen um finanziell auszuhelfen» – hat der Staat vorerst mindestens 500 Millionen Pfund budgetiert. Dazu kommen nochmals vier Milliarden Pfund für die Mehrwertsteuersenkung für Gastronomie- und Hotelleriebetriebe.

Das sind bis jetzt nur Prognosen. Wie teuer die Restaurant-Rettungsaktion am Ende sein wird, ist noch offen. Doch der britische Staat mobilisiert gewaltige Summen um seine Pubs und Restaurants in der aktuellen Corona-Krise zu unterstützen.

Schatzkanzler beliebter als der Premierminister

Das ist auch dringend notwendig. Der britische Gastronomie- und Hotellerie-Dachverband «UKHospitality» rechnet damit, dass die Hotels und Restaurants im Königreich während des Lockdowns Umsatzeinbussen von 30 Milliarden Pfund verbuchen mussten. Dass der Staat seinem Volk nun einen halben Znacht spendiert, bezeichnen britische Medien als eine «symbolische Geste», die der Branche jedoch eine «dringend benötigte Dosis Optimismus» verabreiche. Kritiker sind skeptisch, ob die vom Finanzministerium eingeleitete Pub-Offensive auch wirklich etwas bringt oder vielmehr ein teurer Moral-Booster für die Bevölkerung ist.

Ob erfolgreich oder nicht, im Volk kommt der umfangreiche Rettungsplan für die britische Wirtschaft und den Gastro-Sektor gut an. Auch wenn Rishi Sunak derzeit tief in die Tasche greift und Steuergelder – für eine Tory-Regierung – grosszügig verteilt, so steigen seine Beliebtheitswerte ins Unermessliche an.

Premierminister Boris Johnson (links) und Schatzkanzler Rishi Sunak sitzen zusammen auf der Regierungsbank im britischen Unterhaus.

Premierminister Boris Johnson (links) und Schatzkanzler Rishi Sunak sitzen zusammen auf der Regierungsbank im britischen Unterhaus.

UK Parliament

Mittlerweile überholte er in Sachen Beliebtheit sogar seinen Chef und Nachbar, Premierminister Boris Johnson und wird von vielen Medien bereits als der mögliche Nachfolger des Premierministers gehandelt. Die beiden, Johnson residiert in 10 Downing Street, Sunak lebt in 11 Downing Street, sind ein ungleiches Paar. Der Premierminister: laut, unorganisiert und teilweise tollpatschig wirkend, der Schatzkanzler: stylisch, ruhig und unaufgeregt.

Für Sunak hängt alles vom Erfolg seiner Massnahmen ab

Nachdem die Regierung für die verspätete und schlecht koordinierte Reaktion zu Beginn der Corona-Pandemie stark kritisiert wurde, versuchen Johnson und Sunak nun mit schon fast beispiellosen finanziellen Aufwändungen, wenigstens die wirtschaftlichen Folgen für die Bevölkerung abzuschwächen.

Zwar ist die Arbeitslosigkeit im Königreich im Moment noch recht tief aber das Lad steht vor der schlimmste Rezession der jüngeren Geschichte. Die nahe wirtschaftliche Zukunft sieht – auch im Zusammenhang mit dem Brexit – nicht rosig aus.

Für den Schatzkanzler und seine Beliebtheitswerte ist es daher entscheidend, dass die Milliarden, die er verteilt, wirtschaftlich auch etwas bringen und nicht nur teure Pflästerlipolitik sind. Die Zeit wird es zeigen. Und bis dahin lädt er seine Landsleute eben zum Znacht ein.