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Zur Ablenkung eine Brücke

Sebastian Borger, London

Grossbritannien Ausgerechnet Brexit-Galionsfigur Boris Johnson möchte gern zum Brückenbauer werden. Am Rande der britisch-französischen Regierungskonsultationen schlug der Aussenminister am Donnerstagabend eine Strassenverbindung über den Ärmelkanal vor. Dass zwei der grössten Volkswirtschaften der Welt nur durch zwei Eisenbahngleise verbunden seien, bezeichnete Johnson als «verrückt». Ähnlich äusserten sich Architekten und Schiff­fahrtsexperten über die Idee des Politikers. An seiner engsten Stelle ist der Ärmelkanal 34 Kilometer breit. Der bestehende Eisenbahntunnel zwischen Folkestone und Coquelles ist insgesamt 50 Kilometer lang, wobei 38 Kilometer bis zu 40 Meter unter dem Meer liegen. Ähnlich lange Brücken gibt es anderswo auch. Allerdings queren sie nicht die meistbefahrene Schifffahrtsstrasse der Welt, durch die 400 bis 500 Schiffe pro Tag passieren.

Die Lobbygruppe Shipping UK beurteilte das Bauprojekt gestern mit vornehmer Zurückhaltung als «problembehaftet». Der Liverpooler Architekturprofessor Alan Dunlop brachte in der BBC einen Preis von 175 Milliarden Franken ins Spiel: «Es wäre einfacher und billiger, Frankreich näher zu rücken.» Hingegen begeisterten sich Ingenieure wie Dave Parker vom Fachmagazin «New Civil Engineer» an der Vorstellung von zwei Brücken zu zwei künstlichen Inseln sowie einem Strassen­tunnel dazwischen.

Politische Nebelkerze

Boris Johnson gilt als Freund ­gewaltiger Bauprojekte. Als Lon­doner Bürgermeister redete er einem neuen Grossflughafen auf einer künstlichen Insel in der Themsemündung («Boris-Insel») ebenso das Wort wie einer Gartenbrücke über die Themse. Beide Ideen scheiterten kläglich.

Politische Beobachter wie «Times»-Kolumnist Matt Chorley verdächtigten den Aussenminister, er sei weniger Brückenbauer als politischer Nebelkerzenwerfer. Tatsächlich nahm die Brücke in britischen Medien grösseren Raum ein als die eindeutige Absage Macrons an ein wichtigeres britisches Projekt. London will zwar den harten Brexit samt Austritt aus Binnenmarkt und Zollunion, wünscht aber privilegierten Zugang zum Binnenmarkt. So etwas komme nicht in Frage, sagte Macron bei seinem Besuch: «Wer Zugang zum Binnenmarkt haben will, muss ins Budget einzahlen und die europäische Recht­sprechung anerkennen.»

Sebastian Borger, London

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