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Zum Überleben von Auschwitz

Gestern ist der ungarisch-jüdische Schriftsteller Imre Kertész in Budapest gestorben. Für seinen Auschwitz-Bericht «Roman eines Schicksallosen» hat er 2002 den Literaturnobelpreis erhalten.
Erika Achermann
Imre Kertész bei einer Veranstaltung an der Buch Basel 2007. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Imre Kertész bei einer Veranstaltung an der Buch Basel 2007. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

«Eine ganze Weile schon kann ich meinem Leben nicht mehr folgen, das sich mit kometenhafter Geschwindigkeit von mir entfernt, während ich verwundert hinterherstarre, wie es immer kleiner und kleiner wird . . .», schreibt Imre Kertész am 13. Oktober 2003 in sein Tagebuch. Er leidet an Parkinson. Gestern ist sein Leben zu Ende gegangen. Aber sein Werk wird ewig bleiben. Denn der mit 86 Jahren verstorbene jüdische Schriftsteller hat die tiefste Erniedrigung (Auschwitz) und die höchste Anerkennung (Nobelpreis) erlebt und Zeugnis abgelegt vom 20. Jahrhundert.

Dreissig Jahre nach Auschwitz

Am 9. November 1929 wurde er in Budapest geboren, 1944 nach Auschwitz und Buchenwald deportiert und nach Kriegsende aus dem KZ befreit. Nach seiner Rückkehr, Ungarn war bis 1989 noch Volksrepublik und über den Holocaust wurde geschwiegen, schlug sich Kertész als Autor von Unterhaltungsstücken fürs Theater durch und als Übersetzer von Nietzsche, Kafka, Canetti und Wittgenstein. Aus der Isolation seiner Einzimmerwohnung in Budapest schrieb er über die Erfahrungen des 14jährigen Köves im Vernichtungslager den «Roman eines Schicksallosen». Dreizehn Jahre lang, von 1960 bis 1973, hat er sich auf das Schreiben dieses Romans vorbereitet, 1975 ist er in Ungarn erschienen, wurde aber totgeschwiegen. Erst 1996 konnte man auf Deutsch lesen, wie Köves die KZ-Welt erlebte: eine Fiktion aus der Erfahrung des Autors als Jugendlicher in Auschwitz, ein Blick vom Inneren des KZ ohne Kommentar des Autors von aussen, dreissig Jahre danach.

Das echte Leben

2002 erhielt er für sein Werk den Literaturnobelpreis. Das offizielle Ungarn war unzufrieden; ein Jude habe den Preis bekommen, nicht ein Ungar. Kertész zog nach Berlin. Er ist ruhelos, klagt in den folgenden Jahren, dass wer Erfolg habe, nicht mehr sich allein gehöre. Die vielen «Auszeichnungen. Erstickend». Die vielen Verpflichtungen hinterlassen in ihm gemischte Gefühle. «Es kann und darf nicht sein, dass ich mich zum Sklaven meines eigenen Firmennamens machen lasse.» Kertész' Name ist untrennbar mit Auschwitz verbunden. «Wenn ich noch lange lebe, werde ich am Ende noch zur Kultfigur, obwohl ich nicht zum Segenspenden unter die Menschen gegangen bin, sondern um ihnen von meinen Erfahrungen zu berichten.» Imre Kertész bewahrte immer seine innere Freiheit: «Ich hatte immer ein geheimes Leben, das das echte war.»

Nicht die «letzte Wahrheit»

Man darf Kertész nicht auf den Holocaust reduzieren. Denn er ist auch ein ironisch-kritischer Selbstbeobachter, hat einen grossartigen Humor und das half ihm, sein Leben schonungslos zu beobachten: «Ich gelange nicht zu der letzten Wahrheit», notierte er. Er reflektierte seine Identität als Jude, das Geliebtwerden-Wollen und das Künstlertum. Es sind aufwühlende Dokumente, die Kertész hinterlässt, besonders hervorzuheben sind der «Roman eines Schicksallosen» und das «Galeerentagebuch». Sie vermitteln die Gewissheit, dass wir für das Leben selber verantwortlich sind. Nach 1990 äusserte sich Kertész auch zu europäischen Themen. Er folgerte aus seinem Nachdenken über Auschwitz, die Erfahrungen im stalinistischen Totalitarismus, das systematische Morden, dass er vielleicht dabei «paradoxerweise eher über die Zukunft als über die Vergangenheit» nachdenke. Auschwitz sei keine Ausnahmeerscheinung, schreibt er in seinem Essayband «Die exilierte Sprache», sondern «die letzte Wahrheit über die Degradierung des Menschen im modernen Dasein». Der Überlebende müsse begreifen, um zu überleben, begreifen, was er überlebt.» Nicht das Wegschauen sei Überlebenshilfe sondern die Auseinandersetzung mit dem scheinbar Unbegreiflichen.

Imre Kertész macht deutlich, «auf welche Weise die europäische Geschichte und die schrecklichen Zauberkisten der menschlichen Natur ineinander verschachtelt sind» (Peter Nadas). Weil er es wagte, von seinen Leiden Gebrauch zu machen. Dieser unvergessliche Schriftsteller und grossartige Denker ging versöhnlich von der Welt: «Alles ist gelungen, wonach ich in meinem Leben strebte.»

Die Werke von Imre Kertész sind bei den beiden Verlagen Rowohlt und Suhrkamp erschienen.

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