Zum Krieg der anderen geworden

Aus dem Volksaufstand in Syrien, der vor fünf Jahren begann, ist ein rücksichtsloser Stellvertreterkrieg der Gross- und der Regionalmächte geworden. Die Interessen des syrischen Volkes werden missachtet.

Michael Wrase
Merken
Drucken
Teilen

ATMEH/SYRIEN. «Wenn es Syrien in fünf Jahren nicht mehr gibt, dann wird es niemanden mehr interessieren, wie unser Volksaufstand angefangen hat», sagt Kajin, ein syrischer Kurde. Für den im südtürkischen Reyhanli lebenden Studenten begann «unsere Revolution» im syrischen Kurdistan. Am 12. März 2011 in Qamischli. In der ost-syrischen Stadt war es während eines Fussballspiels zu Zusammenstössen zwischen kurdischen Fans der Heimmannschaft und Anhängern der Mannschaft aus der arabischen Stadt Deir ez-Zor gekommen.

Die Polizei schoss sofort scharf. 30 Menschen, die meisten von ihnen Kurden, wurden getötet, über 120 schwer verletzt. In den westlichen Medien fand das Massaker kaum Beachtung. Sie konzentrierten sich auf die südsyrische Grossstadt Deraa, wo zwei Tage später Schüler regimekritische Graffiti auf die Mauer ihrer Schule sprühten.

Es begann friedlich

Inspiriert wurden sie durch den Arabischen Frühling, der in Ägypten die jahrzehntelange Mubarak-Diktatur beendet hatte und die Gewaltherrscher in Libyen, Jemen und Bahrain um ihre Macht zittern liess. Nur gegen Syriens Präsidenten Bashar al-Assad, so schien es zunächst, wagte niemand zu rebellieren. Auch die Schüler von Daraa dachten vermutlich nicht im Traum daran, dass sie mit ihrer mutigen Tat einen landesweiten Volksaufstand auslösen würden.

Nüchtern betrachtet waren es auch nicht sie, die dem Aufstand die gewünschte Richtung gaben, sondern die Schergen des Regimes. Sie hatten einen der Schüler gefoltert und dann ermordet, anschliessende Proteste gewaltsam aufgelöst und damit einen Kreislauf von blutiger Repression und neuen Protesten in Gang gesetzt, der fortan nicht mehr gestoppt werden konnte.

Schliesslich kannte – und kennt – das Regime in Damaskus nur die Logik der Gewalt. Jegliche Milde oder gar ein wenig Verständnis für die berechtigten Reformwünsche der Bevölkerung hätten als Schwäche interpretiert werden können.

Monatelang protestierte die Bevölkerung friedlich. Die Massen skandierten oder sangen «Ab heute gibt es keine Angst mehr» – und verunsicherten so die Staatsgewalt. Wie in Ägypten schienen auch in Syrien Armee und Polizei zunächst zu kapitulieren, als sie die zentralsyrischen Städte Homs und Hama dem Volk überliessen. Sie kamen jedoch mit Panzern zurück.

Was dem Volk zu Beginn seiner Revolution und auch heute noch fehlt, war ein Anführer, mit dem sich die Massen hätten identifizieren können. Nach Jahrzehnten massiver Unterdrückung war dies kein Wunder. Anstelle der zersplitterten Opposition versuchten daher die «arabischen Brüder» und die USA die syrische Revolution in die richtige Richtung zu lenken.

Aufstand veränderte sich

Lange hatten sie auf die Gelegenheit gewartet, das Regime in Damaskus zu stürzen. Zwei Wochen vor Beginn des Aufstands verabschiedete der US-Kongress den Syrian Freedom Support Act, in dem die US-Regierung aufgefordert wurde, Massnahmen für einen «demokratischen Übergang» zu unterstützen. Als Partner für den Regime Change wurden das undemokratische Saudi-Arabien und Qatar gewählt. Wie die USA hatten auch die beiden Wüsten-monarchien schon lange nach Wegen gesucht, um dem wachsenden Einfluss des schiitischen Iran in der Region entgegenzuwirken. Es war Assads Vater Hafis, der sich sofort nach der islamischen Revolution von 1979 mit Teheran verbündet hatte. Dieser strategische Schachzug sichert dem syrischen Regime bis heute sein Überleben.

Mit dem massiven Auftreten der arabischen Regionalmächte, denen sich bald die Türkei anschloss, veränderte sich der Aufstand. Um der Gewalt des Regimes Paroli bieten zu können, wurde die Freie Syrische Armee gegründet. Der gewünschte Effekt – der Zusammenbruch der regulären Armee – blieb trotz Tausender Desertionen aber aus. Um den militärischen Druck auf Damaskus zu erhöhen, stellten die Türkei und Jordanien fortan auch islamistischen Rebellen ihr Territorium als Aufmarschgebiet zur Verfügung. Auch Terrororganisationen wie der «Islamische Staat» und der Al-Qaida-Ableger Nusra-Front wurden für den ersehnten Machtwechsel instrumentalisiert.

Kampf um die Vormacht

Als das Regime zu wanken begann, mobilisierte Teheran die Kämpfer der libanesischen Hisbollah sowie schiitische Milizen aus Irak und Afghanistan. Ein iranischer General war es auch, der Wladimir Putin im letzten Sommer zu einer Intervention der russischen Luftwaffe in Syrien bewegte. «Seither haben wir es mit einem richtigen Stellvertreterkrieg in Syrien zu tun, bei dem es letztlich um nichts anders geht als um die Vormacht in der Region zwischen Saudi-Arabien und seinen sunnitischen Partnern auf der einen und dem schiitischen Teheran und Russland auf der anderen Seite», sagte Wolfgang Ischinger kürzlich. Für den Chef der Münchner Sicherheitskonferenz ist aus dem Aufstand gegen das Regime ein «sunnitisch-schiitischer Religionskrieg» geworden.

Sträflich ignoriert werden die Interessen des Volkes. Als letzte Woche in der von islamischen Extremisten kontrollierten Provinz Idlib Zehntausende für die «Fortsetzung der wahren Revolution» demonstrierten, wurden sie von der Nusra-Front mit Schusswaffen auseinandergetrieben. Sie sah in den Demonstrationen eine «Provokation».