«Zum Fremdschämen»: Fasnachtsscherz der deutschen CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer über Intersexuelle sorgt für heftige Kritik

Ein plumper Scherz an der Fasnacht gegen Intersexuelle: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sieht sich scharfer Kritik ausgesetzt. Dass sie gegen diese Minderheiten tritt, ist wenig überraschend.

Christoph Reichmuth, Berlin
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CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer sorgte mit ihrem Fasnachtswitz für Lacher und für Empörung. (Bild: Patrick Seeger/DPA, Staufen, 4. März 2019)

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer sorgte mit ihrem Fasnachtswitz für Lacher und für Empörung. (Bild: Patrick Seeger/DPA, Staufen, 4. März 2019)

Humor ist Geschmacksache. Man kann es lustig oder einfach auch nur doof finden, wenn jemand als «Putzfrau Gretel» verkleidet auf der Bühne steht und plumpe Witze reisst. Wenn gegen Minderheiten getreten wird, ist das schon fraglicher. Und wenn Annegret Kramp-Karrenbauer, AKK, gegen Minderheiten tritt, ist der mediale Aufschrei perfekt.

Die 56-Jährige ist seit Dezember CDU-Chefin und als solche in der Position, die mögliche nächste Kanzlerin Deutschlands zu werden. Bei einem Fasnachtsanlass am Bodensee hat AKK nun einen Spruch gegen Intersexuelle fallen lassen, der plump und – ganz nüchtern betrachtet – auch peinlich, weil einfach nicht lustig ist.

Sie leitete ihren Scherz mit einer Bemerkung über die im Rest des Landes oft mit Argwohn betrachtete Hauptstadt Berlin ein, die fast alles toleriert – dabei das Klischee der durch eine linksliberale Elite geprägten Stadt bemühend: «Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin?», fragte sie in die Runde. «Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen», fuhr die CDU-Chefin fort. Um dann zur Pointe anzusetzen: «Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.» Johlen und Applaus im Saal.

AKK empört nicht zum ersten Mal

Nun ist die Frage, ob peinliche Fasnachtsauftritte jedem zustehen und an Karneval ohnehin andere Gesetze gelten, was gesagt werden darf und was nicht. Dass die politische Korrektheit einfach mal beiseite geschoben werden darf. Oder ob hier eine rote Linie überschritten worden ist, welche die doch recht heftig aufgekommene Empörung in Medien und Politik rechtfertigt.

Seit Januar des letzten Jahres ist neben «männlich» und «weiblich» im deutschen Geburtenregister auch der Eintrag «divers» möglich. Seither gibt es in mehreren Bundesländern Vorschläge, in öffentlichen Gebäuden oder Restaurants etwa Toiletten für Intersexuelle bereitzustellen. Dass AKK – und mit ihr viele Konservative im Land – dieser gesellschaftlichen Öffnung kritisch gegenüber steht, ist kein Geheimnis. In gesellschaftspolitischen Fragen positioniert sich Angela Merkels Nachfolgerin an der CDU-Spitze deutlich konservativer als die seit 2005 amtierende Bundeskanzlerin.

Die Saarländerin machte schon vor längerer Zeit deutlich, dass sie auch der vom Bundestag im letzten Sommer beschlossenen Möglichkeit für die Ehe für alle nichts abgewinnen kann. Wie sie dagegen argumentiert hatte, sorgte indes selbst in den eigenen Parteireihen für manchen Kopfschüttler. AKK sagte:

«Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschliessen. Etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen.»

Homosexuellen-Verbände waren empört. AKK setze damit die gleichgeschlechtliche Ehe mit Inzest und Vielehe gleich.

Entschuldigung gefordert

Und nun ihr Spruch gegen Intersexuelle – der eigentlich ein satirisches Statement gegen die Liberalisierungstendenzen in der Gesellschaft sein sollte. «Wahnsinnig peinlich» sei der «billige Kalauer» auf Kosten von Minderheiten, twitterte der Grünen-Politiker Sven Lehmann.

Es dürfe vermutet werden, meinte Ralf Stegner vom CDU-Koalitionspartner SPD, dass nicht nur der Witz daneben ging, «sondern dass sie Positionen hat, die wir überhaupt nicht teilen». Der Bundesverband der Lesben und Schwulen in der Union forderte eine Entschuldigung der CDU-Chefin. «Man macht ja auch über andere Minderheiten keine Witze mehr», sagte der Verbandsvorsitzende Alexander Vogt. Ein FDP-Abgeordneter sprach von einem «Tag zum Fremdschämen».

Einige Parteifreunde eilten AKK indes zu Hilfe. Die Aufregung über den Fasnachtsspruch sei «völlig gaga», sagte der CDU-Politiker Kai Whittaker und forderte:

«Alle mal tief durchatmen und die Kamelle flach halten!»

Rechtsrutsch der CDU dürfte SPD freuen

Die Wogen werden sich wohl bald glätten. Selbst SPD-Vize Ralf Stegner meinte: «Eine Staatsaffäre ist das nicht.» AKK dürfte mit ihrem missglückten Fasnachtsscherz aber zumindest in jenen CDU-Kreisen gepunktet haben, die sich die letzten Jahre unter Angela Merkel an den Rand gedrängt gefühlt haben.

So oder so versucht Annegret Kramp-Karrenbauer, die Konservativen in der Partei wieder etwas mehr einzubinden. So hat sie als Parteichefin bereits eine Aufarbeitung von Merkels Flüchtlingspolitik 2015 initiiert, um die Konservativen milde zu stimmen. Medienberichten zufolge geht liberalen CDU-Mitgliedern AKKs Werben um die Konservativen schon wieder zu weit. Denn die CDU hat ihre Erfolge der letzten Jahre nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass sie sich als weit in die Mitte gerückte Kraft positioniert hatte.

Die SPD indes hätte kaum etwas dagegen, wenn AKK ihre Partei wieder etwas weiter rechts verschiebt und den Sozialdemokraten damit Raum zur Profilierung lässt. Auch wenn es nur ein Schenkelklopfer an einem Fasnachtsanlass der CDU-Chefin war. Vielleicht haben die Genossen dank AKK bald schon wieder etwas mehr zu lachen.

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