«Zum ersten Mal hatte ich Angst»

Die Pariser Vorstadt Sarcelles war einst bekannt für ein buntes, einigermassen friedliebendes Völkergemisch. Nun aber greift die Gewalt des Nahostkonflikts auf sie über. Attackierte Synagogen proben die Selbstverteidigung.

Stefan Brändle
Drucken
Teilen
In Krawalle ausgeartet: Nach einer Anti-Israel-Demonstration in Sarcelles. (Bild: ap/Thibault Camus)

In Krawalle ausgeartet: Nach einer Anti-Israel-Demonstration in Sarcelles. (Bild: ap/Thibault Camus)

SARCELLES. Sarcelles tut, als habe sich nichts verändert. Es ist Markttag, sogar Zirkustag: Ein Lastwagen führt in einem Käfig einen müden Löwen durch die Banlieue-Strassen und wirbt zu flotter Blasmusik für die nächste Vorstellung des «Cirque de Paris». Aber die Passanten achten nicht darauf. Schnellen Schrittes gehen sie am Einkaufszentrum Les Flanades vorbei, wo ein beissender Rauchgeruch in der Luft hängt. An der Stelle der ältesten Apotheke von Sarcelles klafft ein schwarzes Loch. Am Sonntag hatten vermummte Jugendliche Feuer gelegt. Die Pizzeria ist durch eine Holzwand vernagelt; der Lebensmittelladen Naouri eine Ruine. Die Randalierer leisteten ganze Arbeit. Ein gezieltes Vorgehen. Alle Besitzer der Geschäfte sind Juden. Dazu wurde einem christlichen Türken der Tabakladen geplündert.

Von Schlägern vereinnahmt

Das hat in Sarcelles alles verändert. Ein halbes Jahrhundert lang hatten sephardische Juden aus Nordafrika, katholische Chaldäer aus der Türkei, dazu Spanier, Westafrikaner, Maghrebiner, Inder und Russen friedlich zusammengelebt. Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 waren Tausende von Immigranten über das Mittelmeer nach Sarcelles nördlich von Paris gekommen. Schachbrettartig wurden die Wohnblöcke aus den Feldern gestampft, für Immigranten aus knapp 100 Ländern. Wer zwischen dem Boulevard Albert Camus und der Place Salvador Allende zirkuliert, wähnt sich vielleicht in Frankreich, aber keineswegs in Europa.

Letzte Woche tauchten an den Bushaltestellen Flugblätter auf: «Kommt ausgerüstet! Granatwerfer, Feuerlöscher, Schlagstöcke. Besuch des jüdischen Viertels.» Zuvor hatten Pro-Palästinenser und Linksparteien zu einer friedlichen Anti-Israel-Kundgebung aufgerufen. Die Polizei untersagte die Demonstration wegen der Flugblätter. Die Schläger kamen trotzdem. Sie steckten Autos, Abfallcontainer und Geschäfte in Brand, zertrümmerten öffentliche Einrichtungen, verletzten Polizisten.

«Wir verteidigen uns selbst»

Dann machten sie sich auf den Weg zur wichtigsten Synagoge von «Petite-Jérusalem», wie das jüdische Viertel im Volksmund heisst. Die Einheiten der Bereitschaftspolizei waren in der Stadt unterwegs, um den Brandstiftern nachzujagen. «Da boten wir 200 unserer eigenen Jungs auf», erzählt David Haik, ein jüdischer Toningenieur, der in der Nähe wohnt. «Sie stellten sich mit Stöcken bewaffnet vor die Synagoge und stimmten die Marseillaise an, als die Krawallmacher anrückten. Die 15 verbliebenen Polizisten hatten fast mehr Angst als wir. Wir sagten ihnen: <Wir sind Franzosen und Republikaner, wenn ihr euch zurückzieht, verteidigen wir uns selbst.>» Schliesslich rückte polizeiliche Verstärkung an, die Synagoge blieb intakt – anders als in einzelnen Pariser Vororten, wo Molotow-Cocktails gegen jüdische Gotteshäuser geworfen wurden.

Innenminister Bernard Cazeneuve besuchte Sarcelles am Montag und erklärte: «Wenn man eine Synagoge angreift oder einen Laden anzündet, weil er einem Juden gehört, begeht man einen antisemitischen Akt.»

Georges Haddad, Ehrenpräsident des jüdischen Fussballclubs Maccabi Sarcelles, relativiert allerdings: «Sie wollten Juden verprügeln, aber sie warfen am Sonntag auch Brandsätze gegen eine Polizeiwache und eine Renault-Garage. Vor einem Jahr verwandelten die gleichen Krawallmacher die Meisterfeier des Clubs Paris-Saint-Germain in einen Krawall. Beim Freundschaftsspiel Frankreich - Algerien pfiffen sie die Marseillaise aus. Der Nahostkonflikt ist nur ein weiterer Vorwand.»

Wirtschaftliche Not

Das ändert nichts an der Gewalt und am Hass, die in Sarcelles aufgebrochen sind – ob sie sich nun gegen jüdische oder französische Symbole richten. Auch Mamadou Gassama, der Vorsteher des moslemischen Vereins von Sarcelles, meint: «Wenn sich viele Jugendliche mit Palästina identifizieren, erklärt das nicht alles. Die neuen Spannungen rühren auch von der Wirtschaftskrise in Frankreich her. Sie trifft zuerst die Schwächsten, die weder zur Schule gehen noch arbeiten; und sie nährt über die Medien den sozialen Neid.»

Gassama erklärt, sein Verein versuche alles, um die Hitzköpfe zu beruhigen. Besonders zuversichtlich klingt er nicht. Zu explosiv ist der Banlieue-Mix aus Nahostkonflikt und Wirtschaftsnot. «Diese Schläger haben am Sonntag auch unsere Wohnsiedlung heimgesucht», sagt Bechir, ein junger Tunesier, der vor der Apotheke für eine Sicherheitsfirma Wache schiebt. «Es war nicht das erste Mal, aber erstmals hatte ich selber Angst.»

Neue Demonstrationen geplant

Angst – sie ist das neue Gefühl in Sarcelles. «Ich fürchte, dass sie zurückkommen», sagt auch Marc, der vor der Synagoge diskutiert. «Die nächste Anti-Israel-Demonstration ist von der Regierung zugelassen; ich frage mich, ob das die Randalierer beruhigt.» Für morgen Samstag sind in vielen französischen Städten weitere Kundgebungen gegen Israel geplant.

Aktuelle Nachrichten