Zu früh geöffnet: Auf Israel rollt die zweite Coronawelle zu

Bis vor wenigen Tagen galt Israels Anti-Corona-Strategie als vorbildlich, auch die Taskforce des Bundes fand lobende Worte. Doch jetzt häufen sich die Fälle wieder. Was ist passiert?

Pierre Heumann aus Tel Aviv
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Scheint sich verkalkuliert zu haben: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Er öffnete früh - jetzt steigen in dem Land die Coronazahlen wieder.

Scheint sich verkalkuliert zu haben: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Er öffnete früh - jetzt steigen in dem Land die Coronazahlen wieder.

Sebastian Scheiner / Pool / EPA

In Israels Krankenhäusern werden die Corona-Abteilungen wieder geöffnet. Sie waren erst vor einigen Wochen geschlossen worden, nachdem der Kampf gegen die Epidemie erfolgreich verlaufen war. Aber aufgrund steigender Fallzahlen hat das Kabinett eine Reihe von Massnahmen beschlossen, die es eben erst gelockert hatte.

Dazu gehören eine Verdoppelung der Busse auf umgerechnet rund 140 Franken für diejenigen, die sich über das Gesichtsmasken-Gebot hinwegsetzen. Die Zahl der Teilnehmer bei öffentlichen Veranstaltungen soll reduziert werden. In Diskussion ist auch der Einsatz von Überwachungs-Apps, um Ansteckungsketten zu unterbinden. Stadtteile oder Gemeinden, in denen sich die Epidemie gefährlich stark ausgebreitet hat, wurden bereits abgeriegelt.

Besser bewertet als die Schweiz

Bis vor wenigen Tagen hatte Israels Anti-Corona-Strategie als vorbildlich gegolten. In einem Vergleich des «Economist» erhielt Israel zusammen mit Ländern wie Deutschland, Neuseeland oder Norwegen das Prädikat «sehr gut», während die Politik der Schweiz lediglich mit «angemessen» benotet wurde.

Israel setzte früh und ohne Rücksicht auf ökonomische Verluste harte Medizin ein: Die Grenze wurde bereits anfangs März geschlossen, die Bewegungsfreiheit der Bürger stark eingeschränkt, Gesichtsmasken für obligatorisch erklärt und Coronahotspots systematisch abgeriegelt. Dass der Lockdown eine tiefe Rezession und eine hohe Arbeitslosigkeit verursachte, müsse man angesichts der Gesundheitsrisiken hinnehmen, hiess es in Jerusalem.

Der Erfolg an der Gesundheitsfront gab ihr recht: Bei einer Bevölkerung von neun Millionen wurden in Israel seit Beginn der Krise bisher 305 Todesfälle registriert, deutlich weniger als in Ländern vergleichbarer Grösse.

Die zweite Welle rollt an

Jetzt aber droht eine zweite Welle. Die Fallzahlen steigen und gelten bereits als Beispiel für die Folgen einer verfrühten Öffnung, wie neulich beispielsweise Taskforce-Ökonomin Monika Bütler in einem Interview mit CH Media anmahnte. Wurden in Israel Mitte Mai noch 16 Neuinfektionen pro Tag gezählt, sind es mittlerweile über 300.

Ein neuer landesweiter Lockdown stehe derzeit zwar nicht zur Diskussion, heisst es im Gesundheitsministerium. Bei einer Arbeitslosenquote von derzeit über 20 Prozent wäre das kaum zu rechtfertigen. Aber falls die Zahl der Neuinfektionen weiter ansteigt, droht Premier Benjamin Netanjahu mit neuen einschneidenden Massnahmen. Dazu würde zum Beispiel auch die Schliessung der Strände, Theatersäle oder Kinos gehören.

Ende Juli 1000 Infizierte pro Tag?

Ein am Wochenende publizierter Bericht des militärischen Geheimdienstes, der im Auftrag des Gesundheitsministeriums die Informationen von der Coronafront zusammenträgt und analysiert, war ein dramatischer Weckruf. Bis Ende Juli, so die Experten, könnte die Zahl der Infizierte auf über 1000 pro Tag steigen, und es wäre mit «vielen hundert Toten» zu rechnen.

Die Zahlen sind zwar umstritten. Sicher ist aber, dass die Öffnung der Wirtschaft chaotisch wirkte und einem widersprüchlichem Muster folgte. Die Exit-Strategie entsprach «klassischem israelischen Denken», meint Nadav Eyal, der die Krise für eine TV-Station analysiert: «Ein bisschen Information, viel öffentlicher Druck, eine Prise Populismus, Tempo und am Ende Improvisation.»

Dieses Mal trifft es die Schulen

Das Virus Sars-CoV-2 befällt im zweiten Anlauf eine andere Bevölkerungsschicht als zuvor. Während in den Monaten März und April vor allem Altersheime und Wohngegenden der Ultra-Orthodoxen als Infektionsherde identifiziert wurden, sind es dieses Mal die Schulen, die sich als Virenschleudern entpuppen.

Seit anfangs Juni wird jede Schule geschlossen, sobald in einer Schulklasse auch nur ein einziger Fall registriert wird. Viele Eltern lassen ihre Kinder zu Hause und verlassen sich auf ihre eigene Einschätzung der Ansteckungsgefahr. In den Klassenzimmern, in denen bis zu 40 Schüler unterrichtet werden, können Abstandsregeln nicht eingehalten werden.

Wegen den langen Sommerferien, die für einen Teil der Schüler bereits begonnen haben, ist die Gefahr «Schule» bis zum 1. September fürs erste gebannt. Um sie auch künftig als Infektionsherd auszuschalten, will das Erziehungsministerium für das nächste Schuljahr vermehrt auf die Option Fernunterricht setzen.

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