Zivilisten als lebende Schutzschilde

Die Terrormilizen des «Islamischen Staates» haben in diesem Jahr rund ein Siebtel des von ihnen beherrschten Territoriums verloren. Nun zeichnet sich im irakischen Ramadi eine weitere Niederlage ab.

Michael Wrase
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BAGDAD. Nach monatelangen Vorbereitungen hat die irakische Armee gestern mit der Erstürmung des Zentrums der irakischen Stadt Ramadi begonnen, die 90 Kilometer westlich von Bagdad liegt. Die von proiranischen Schiitenmilizen sowie lokalen sunnitischen Stämmen unterstützten Streitkräfte sollen «an mehreren Fronten» vorgerückt sein. Ein Armeesprecher kündigte die vollständige Befreiung der Stadt «in den kommenden 72 Stunden» an. Der Widerstand, hiess es, sei «nicht mehr gross».

Stadt soll eingekesselt sein

Um den Vormarsch der Streitkräfte zu stoppen, sollen die IS-Jihadisten die noch verbliebenen 10 000 Einwohner von Ramadi zu menschlichen Schutzschilden gemacht haben. Die Bewohner waren am Wochenende von der Armee aufgefordert worden, die Stadt binnen 72 Stunden zu verlassen. Auf Flugblättern wurden ihnen sichere Fluchtrouten genannt. Der IS soll daraufhin allen Bürgern, die auf der Flucht erwischt wurden, mit der Sprengung ihrer Häuser oder gar mit der Ermordung gedroht haben. Anderen Berichten zufolge verlangen die IS-Terroristen in Ramadi eine «Ausreisesteuer» in Höhe von umgerechnet 5600 Euro.

Zwischen 600 und 1000 Jihadisten sollen sich noch im sunnitischen Ramadi verschanzen. Ihnen stehen rund 10 000 irakische Soldaten und Milizionäre gegenüber. Sie haben die Stadt anscheinend ganz eingekesselt. Die Erfolgsmeldungen der Armee sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Bereits Ende November waren die Einwohner der Stadt mit Flugblättern aufgefordert worden, sie innerhalb von drei Tagen zu verlassen.

Erhebliche Gebietsverluste

Sollte der Armee die Rückeroberung von Ramadi gelingen, würde das Territorium des «Islamischen Staats» weiter schrumpfen. Die Terrormiliz verlor nach einer Untersuchung des in den USA ansässigen Institutes IHS Jane's in diesem Jahr etwa 14 Prozent ihres Territoriums in Syrien und Irak. Dort musste der IS den Verlust der Städte Tikrit, der Geburtsstadt von Saddam Hussein, sowie der Raffinerie-Stadt Baiji hinnehmen. Auch die Autobahn zwischen den IS-Hochburgen Rakka und Mossul wird inzwischen von den ärgsten Feinden der Jihadisten, den irakischen und syrischen Kurden, beherrscht. Letztere konnten im Sommer die strategisch wichtige Stadt Tal Abjad an der syrisch-türkischen Grenze erobern und von dort aus weiter nach Süden und Osten vordringen. Zuvor hatten sich die Kurden in Kobane gegen den IS behauptet.

Unterstützt werden die syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) von der US-Luftwaffe, die östlich der syrischen Kurdenstadt Qamishli einen eigenen Stützpunkt aufbaut. Von der Basis aus sollen die im Herbst gegründeten «Demokratischen Streitkräfte Syriens» (SDF) mit Militärgerät beliefert werden. Erklärtes Ziel der kurdisch-arabischen Allianz ist die Rückeroberung von Rakka bis zum Sommer 2016. Am Kampf gegen den IS will sich dann auch die reguläre syrische Armee beteiligen, die mit russischer Luftunterstützung vor allem im Grossraum Aleppo in den letzten Wochen grössere Erfolge gegen Jihadistenmilizen vermeldete.

Anschläge an andern Orten

Die Verluste des IS in Syrien und Irak sind sicherlich einer der Gründe für die Verlagerung der Terroraktivitäten ins arabische und westliche Ausland. Mit den Anschlägen in Paris und Sharm el-Sheikh wollte die Jihadistenmiliz die erheblichen Gebietsverluste in ihrem sogenannten Kalifat kompensieren und gleichzeitig «Handlungsfähigkeit» demonstrieren. Aus der Sicht ihrer Anhänger scheint dies fürs erste gelungen zu sein. Ohne «Erfolge» kann der «Islamische Staat» auf Dauer nicht existieren. Sollte sich die Niederlagenserie an der «Heimatfront» im kommenden Jahr fortsetzen, dann könnte der IS erneut nach Europa oder in andere Weltgegenden ausweichen. Die gesuchte mediale Aufmerksamkeit ist dort garantiert.

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