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Zerstörte Städte, zerstörte Leben, zerstörte Hoffnungen

Der türkische Staat dreht in den Kurdengebieten immer stärker an der Schraube der Repression. Der Polizeiwillkür sind Tür und Tor geöffnet, in der Bevölkerung wächst der Hass auf den Staat.
Jürgen Gottschlich
Am liebsten würde der türkische Staat die Bewohner der zerstörten Städte ganz vertreiben – aber die Kurden wollen bleiben. (Bild: Cagdas Erdogan/Getty (Nusaybin, 25. Februar 2016))

Am liebsten würde der türkische Staat die Bewohner der zerstörten Städte ganz vertreiben – aber die Kurden wollen bleiben. (Bild: Cagdas Erdogan/Getty (Nusaybin, 25. Februar 2016))

Nusaybin/Diyarbakir Abdülkerim Can ist ein gebrochener Mann. Er hat sein Haus verloren, seinen gesamten Besitz, seine Freunde und seine Familie, die jetzt über die Türkei verstreut ist. Abdülkerim Can ist 62 Jahre alt. Noch an seinem 60. Geburtstag fühlte er sich als gemachter Mann, der zufrieden auf sein Lebenswerk schauen konnte. Er besass in der Grenzstadt Nusaybin ein dreistöckiges Haus, mit einem kleinen Supermarkt im Erdgeschoss und einer Schneiderei im Keller. Sein ältester Sohn betrieb die Schneiderei, ein anderer seiner sechs Söhne den Supermarkt.

«Wir hatten alles, was wir brauchten», erzählt er, «es ging uns gut, wir waren zufrieden.» Jetzt steht Abdülkerim Can buchstäblich vor den Trümmern seines Lebenswerkes. Hinter einem hohen, massiv gesicherten Zaun erstreckt sich eine Trümmerlandschaft, die noch vor einem Jahr das Zentrum von Nusaybin darstellte. «Dort», sagt Abdülkerim Can aufgebracht, «dort war das Spital.» Von dem ehemals fünfstöckigen, grossen Betonkomplex ist nur noch eine zerschossene Ruine übrig. «Da gegenüber, das rot gestrichene Gebäude, das war mein Haus.» Das Haus ist in sich zusammengefallen, es sieht aus wie nach einem Erdbeben.

Das umzäunte Gebiet, flächenmässig ungefähr die Hälfte des gesamten Stadtgebietes, darf von den ehemaligen Bewohnern nicht mehr betreten werden. Offiziell, weil die «Terroristen» der PKK in den Trümmern Bomben und Minen versteckt haben. Tatsächlich lässt die Regierung sämtliche Gebäude im umzäunten Gebiet nach und nach komplett abreissen, auch Häuser, die noch intakt sind. Was mit der riesigen Brache dann passieren soll, weiss Abdülkerim Can nicht. Ob er jemals wieder dort wohnen wird? Er zuckt resigniert mit den Schultern. Er weiss es nicht und niemand sagt ihm etwas. Wie Tausende andere Betroffene auch hat er seine Besitzurkunde und andere Dokumente im Büro des Gouverneurs eingereicht. Doch von dort kommt keine Antwort. Abdülkerim Can geht jetzt regelmässig zum Treffpunkt der kurdisch-linken HDP, die vor Ausbruch der Kämpfe in Nusaybin die Bürgermeisterin stellte. Doch auch die HDP kann ihm nicht helfen.

Die Bürgermeisterin von der HDP, Sara Kaya, sass mehrere Monate im Gefängnis und durfte nach ihrer Entlassung ihr Amt nicht wieder antreten. Seit einem Monat wird die Stadt von einem in Ankara treuhänderisch eingesetzten Verwalter regiert. Der gewählte Stellvertreter von Sara Kaya und der gewählte Stadtrat sind von ihrem Amt wegen möglicher Unterstützung einer Terrororganisation suspendiert. «Mit uns reden die gar nicht mehr», erzählt Sara Kaya im Büro der HDP.

Immer häufiger tauchen nachts Anti-Terror-Polizisten auf

Der Albtraum begann Mitte letzten Jahres. Bei den Wahlen am 7. Juni 2015 gelang zum ersten Mal in der Geschichte der türkischen Republik einer kurdisch dominierten Partei, der kurdisch-linken HDP, mit 13 Prozent der Wählerstimmen der Sprung ins nationale Parlament. Der Wahlsieg der HDP kostete der regierenden AK-Partei auch ihre absolute Mehrheit, mit der sie zuvor 12 Jahre lang unangefochten regiert hatte.

Aus Sicht Erdogans und der AKP-Regierung waren an der Niederlage die «Friedensgespräche» mit der kurdischen PKK-Guerilla schuld, die von vielen AKP-Wählern offenbar missbilligt wurden. Während Erdogan deshalb begann, gegenüber der PKK und der kurdischen Bewegung insgesamt wieder auf eine repressive Linie umzuschwenken, präsentierten zeitgleich mehrere kurdische Bürgermeister und Bürgermeisterinnen im Überschwang des Sieges der Öffentlichkeit so genannte «Autonomieerklärungen», mit denen sie ihre Gemeinden für unabhängig erklärten. Eine dieser Bürgermeisterinnen war Sara Kaya, die Chefin von Nusaybin.

«Wegen dieser Presseerklärung wurde ich verhaftet», erzählt sie. Doch nicht nur Sara Kaya landete im Gefängnis. Immer häufiger tauchten jetzt nachts in Nusaybin Einheiten der Anti-Terror-Polizei auf, um vermeintliche oder tatsächliche HDP-Aktivisten und PKK-Sympathisanten zu verhaften. Das führte dazu, dass kurdische Jugendliche begannen, in ihren Vierteln Barrikaden zu errichten und Gräben auszuheben, damit die Polizei dort nicht mehr eindringen konnte. Versuchte sie es dennoch, wurde sie beschossen und mit Molotow-Cocktails angegriffen.

Diese Barrikadenkämpfe weiteten sich schnell auf die meisten kurdischen Kommunen vor allem entlang der türkisch-irakischen Grenze aus. Selbst in der kurdischen Millionenstadt Diyarbakir verbarrikadierten jüngere kurdische Bewohner Teile der Altstadt innerhalb der historischen Stadtmauern. Monatelang blieb es bei Scharmützeln zwischen den kurdischen Kämpfern und der Polizei, ohne dass eine Seite die Oberhand gewann. Das änderte sich nach der Wiederholung der Parlamentswahl Anfang November letzten Jahres, als Erdogan und seine AKP die absolute Mehrheit zurückgewannen. Am 1. Dezember setzte Erdogan die Armee in Marsch, um die verbarrikadierten Städte und Stadtviertel zurückzuerobern. Vorherige gelegentliche Ausgangssperren wurden jetzt flächendeckend und zeitlich unbegrenzt verhängt.

Für die Polizei ist jeder Kurde ein potenzieller Terrorist

Abdülkerim Can, der Mann, der alles verloren hat, kann gar nicht aufhören, die Schrecken dieser Wochen und Monate zu schildern. «Es gab keinen Strom, kein Wasser und kaum etwas zu essen. Ich kann euch gar nicht erzählen, wie viele Leute vor meinen Augen erschossen wurden. Ihr könntet Bücher damit füllen.» Offizielle Zahlen über getötete Kämpfer und Zivilisten gibt es nicht. Abdülkerim spricht von 350 in Nusaybin. «Die Leichen wurden weggebracht und verbrannt», sagt er.

Die noch übrig gebliebene Stadt gleicht heute einem Heerlager von Polizei und Gendarmerie. Mit der Verhängung des landesweiten Ausnahmezustandes infolge des Putschversuches vom 15. Juli ist der Polizeiwillkür Tür und Tor geöffnet. Überall sind gepanzerte Polizeifahrzeuge unterwegs. Seit die PKK dazu übergegangen ist, gezielt Polizeiposten und selbst Hauptquartiere der Sicherheitspolizei in den ehemals umkämpften Städten mit Selbstmordattentätern und Autobomben anzugreifen, sind sämtliche Polizeistationen mit Betonwällen umgeben, die fatal an die Berliner Mauer erinnern. Trotzdem tötet die Guerilla jeden Tag irgendwo in den kurdischen Gebieten Polizisten und Soldaten. Nachdem die türkische Armee Ende August auch auf syrisches Gebiet vorgedrungen ist und nun die Kämpfe um Mossul begonnen haben, ist noch mehr Militär in die Grenzregion verlegt worden. Entsprechend steigt die Spannung.

Für die Sicherheitskräfte ist jeder Kurde in Städten wie Nusaybin, Cizre oder Sirnak mittlerweile ein potenzieller Terrorist. Am liebsten würde man die Bevölkerung ganz vertreiben, doch die klammert sich an ihre Heimat. Selbst in Sirnak, wo sogar 80 Prozent der ganzen Stadt zerstört sind, weigern sich die meisten Bewohner, zu gehen, und campieren stattdessen in Sichtweite der zerstörten Stadt.

Von Politik und Polizei als «Terroristen» abgestempelt, wächst in den zerstörten Städten der Hass auf den türkischen Staat. Dabei hätte auch alles ganz anders kommen können. Der Kurde Abdülkerim Can war vor noch gar nicht langer Zeit ein begeisterter Anhänger Präsident Erdogans. «Ich habe jahrelang AKP gewählt», erzählt er. «Vor Jahren kam Erdogan hierher zu uns und sprach davon, wie er das Kurdenproblem mit friedlichen Mitteln lösen wollte, wie die Region wirtschaftlich entwickelt werden könnte.» Zur Frage, wann und warum er denn sein Vertrauen in Erdogan verloren habe, muss er nicht lange nachdenken. «Beim Kampf um Kobane, der kurdischen Stadt auf der syrischen Seite der Grenze unweit von Nusaybin, da hat er uns verraten. Da hat er uns an den IS verkauft.»

Sara Kaya Ehemalige Bürgermeisterin

Sara Kaya Ehemalige Bürgermeisterin

Abdülkerim Can Kurde (Bilder: Frank Nordhausen)

Abdülkerim Can Kurde (Bilder: Frank Nordhausen)

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