«Zeit für ein neues Libyen»

Najmeddin Abobaker kämpfte als Student gegen das System Gadhafi - intellektuell, nicht mit Waffen. Studienkollegen bezahlten mit dem Tod dafür. Irgendwann musste auch Najmeddin Abobaker fliehen, weil ihn Gadhafis Schergen suchten. Im Exil in der Schweiz erzählt er seine Geschichte. Philippe Reichen

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Die libyschen Widerstandskämpfer hoffen auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. (Bild: ap/Kevin Frayer)

Die libyschen Widerstandskämpfer hoffen auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. (Bild: ap/Kevin Frayer)

Ein Haus mit Einschusslöchern, verriegelte Fensterläden hinter denen sich Aufständische verschanzen, dazu ein Reporter, der sagt: «Gadhafis Truppen haben das Gebäude schon mehrere Male einnehmen wollen, doch die Festung hält.» Der TV-Sender Al Jazira zeigt die Bilder aus einer menschenleeren libyschen Stadt in der Endlosschlaufe. Najmeddin Abobaker schaut sie sich in seiner Wohnung in Bern immer und immer wieder an. Es scheint, als könnte er sie stundenlang auf sich wirken lassen.

Studenten wollten Freiheit

Es ist einer der vielen Momente der letzten Tage und Wochen, in denen sich der 54-Jährige mit seiner Utopie und seiner Sehnsucht am Ziel sieht: der Sehnsucht nach einem freien Libyen ohne Muammar al-Gadhafi und dessen Regime. Auch wenn die Rebellen von den Regierungstruppen zurückgedrängt werden und Terrain hergeben müssen: Seine Hoffnung bleibt ungebrochen. Denn Najmeddin Abobaker war auf die Revolution vorbereitet. Er wusste, sie würde niemals friedlich sein können. Einen Gewaltherrscher wie Gadhafi würde man nur mit Gewalt vertreiben können. Das kostet Menschenleben.

Tripolis, Mitte der 1970er-Jahre. Najmeddin Abobaker studiert an der Universität. Er will Flugzeugingenieur werden. Die Studenten sprechen nicht nur über ihre Studienfächer. Sie politisieren, diskutieren über Freiheit, Gleichheit, Demokratie, eine Verfassung. Das alles passiert im Untergrund. Auf der Strasse wäre das nie möglich, weil Revolutionsführer Muammar al-Gadhafi solche Gedanken mit allen Mitteln bekämpft. Informanten hat er überall. Maulwürfe gibt es auch unter den Studenten. So erfahren Gadhafis Leute von den Gesprächen. Sie stilisieren die Gruppe zum «Revolutionskomitee» empor.

Am 7. April 1976 tauchen Gadhafis Schergen in der Universität auf und zitieren wahllos Studenten aus den Vorlesungssälen. Ihre Kommilitonen werden später in den Innenhof gerufen und sehen sie tot an Galgen hängen. Niemand darf schreien, alle müssen Gadhafi bejubeln.

Ärzte ohne Uni-Abschluss

Auch wenn Najmeddin Abobaker heute mit scheinbarer Gelassenheit über dieses Erlebnis spricht: Dieser Moment ist der Nährboden für seinen Hass auf das Regime. Jeder Student muss für sich selbst entscheiden: Entweder er wird Teil des Systems Gadhafi und macht Karriere oder er geht in die Opposition. Bald lässt sich nicht mehr verheimlichen, wer sich wofür entschieden hat. «Ein Kommilitone ist heute Verkehrsminister», sagt Najmeddin Abobaker. Andere wurden Geschäftsführer staatlicher Firmen. Der Libyer trifft wiederholt Ärzte ohne Universitätsabschluss. Er hat Glück: 1982 kommt er als Ingenieur beim staatlichen Flugzeugunternehmen Libyan Airlines unter. Es schickt ihn sogar für ein Jahr nach Hamburg.

Flucht in die Schweiz

Doch Gadhafi und seine Leuten lassen seine Familie nicht in Ruhe. Najmeddin Abobakers Bruder und sein Schwager verschwinden für Jahre im Gefängnis. Leute aus seinem Umfeld werden verschleppt, andere öffentlich exekutiert. Im Gegenzug gibt es Mordanschläge auf Offiziere, selbst auf Gadhafi. Najmeddin Abobaker spricht am Telefon nur noch verschlüsselt. Die Polizei nennt er «mein Nachbar», Autos werden zu «Röcken»: diese können kurz, lang, weiss, rot oder brau sein.

Im Juni 1998 entschliessen sich Gadhafis Sicherheitsleute, eine neue Welle der Repression in Gang zu setzen. Auch Najmeddin Abobaker wird zur Zielscheibe. Noch weiss er nichts davon.

Wie jeden Sommer verbringt er mit seiner Familie Strandferien 60 Kilometer ausserhalb von Tripolis. Die Fussball-WM ist im Gang. Sohn Abdurrahman sieht sich gerade das Spiel Deutschland gegen Kroatien an, als das Telefon klingelt. Mutter Mofeda Emehemed nimmt ab. Ein Mann meldet sich. Er stellt sich als Hauptmann und Freund ihres Mannes vor und sagt: «In einer Stunde bin ich da.» Mofeda Emehemed weiss: «Mein Mann hat keinen Freund, der Hauptmann ist. Irgendetwas stimmt da nicht.»

Im letzten Augenblick gelingt es ihr, ihren Mann zu warnen. Dann trifft die Polizei ein. Mofeda Emehemed zählt 16 Polizeiautos. Die Polizisten durchsuchen das Haus. Der Hauptmann kann seinen «Freund» nicht finden. Er lässt bei Verwandten weitersuchen. Auch hier finden sie Najmeddin Abobaker nicht. Dieser hat sich nämlich entschieden, Libyen sofort zu verlassen. Er flieht mit den Kleidern, die er auf dem Körper trägt, seinem Reisepass und 300 Dollar.

Dank der Hilfe eines Freundes schafft er es über die Grenze nach Tunesien, von da gelangt er über Ägypten nach Malta. Nach mehreren Tagen Flucht erreicht er die Schweiz. Hier trifft er auf gutausgebildete Landsleute: Ärzte, Buchhalter und Ingenieure – Oppositionelle wie er.

Der Staat hört mit

Ein Jahr später flieht auch seine Familie. Mofeda Emehemed weiht nur ganz wenige Leute in ihren Fluchtplan ein. Ihrer Familie sagt sie, sie habe einen Arzttermin; den Kindern verspricht sie einen Ausflug. Dieser endet vier Tage später in der Schweiz. Die Familie ist wieder vereint.

Aber ist Najmeddin Abobaker nun sicher? Er weiss von Fällen, in denen Gadhafi Libyer im Ausland hat umbringen lassen. Die libysche Botschaft in Bern versucht ihn bald zu kontaktieren und an Informationen zu kommen. Najmeddin Abobaker hält sich bedeckt. In die Heimat kann er nicht telefonieren, weil der Staat mithört und er damit auch die Familie gefährden würde. Die Familie wagt sich erst nach sechs Jahren zurück nach Libyen, um dort ihre Ferien zu verbringen. Najmeddin Abobaker sieht seine Heimat nach acht Jahren wieder.

«Bis zum Himmel bauen»

«Es ist Zeit für ein neues Libyen», sagt der 54-Jährige heute. Er hofft auf die Ausdauer und die Durchschlagskraft der Widerstandskämpfer und auf die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft. Etliche Exil-Libyer sind für den Befreiungskampf in ihre Heimat zurückgekehrt. Ein Familienvater aus Zürich-Seebach sei im Februar bei einer Beerdigung auf einem Friedhof getötet, ein 18jähriger Kollege aus Bern sei angeschossen worden, weiss Abdurrahman Abobaker, der Sohn.

Der 23-Jährige, der eine Lehre als Käser gemacht hat, kann sich gut vorstellen, nach Libyen zurückzukehren. Er würde als erstes die Strassen vom Schutt befreien und danach helfen, das Land wieder aufzubauen. «Bei null beginnen und bis zum Himmel bauen»: So stellt er sich seinen Beitrag vor.

Auch der Vater weiss, was er will. Seine Wunschliste ist in den letzten Tagen gewachsen. Er wünscht sich «Freiheit, Demokratie, eine Verfassung, eine funktionierende Infrastruktur mit Strassen und Autobahnen, Parteien und unabhängige Gerichte». Doch zuerst muss die Revolution gewonnen werden. Ein Sieg wäre eine Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte.

Najmeddin Abobaker mit Sohn. (Bild: phr)

Najmeddin Abobaker mit Sohn. (Bild: phr)