Zehntausende in Todesangst

Mit massiver Unterstützung der russischen Luftwaffe erzielt die Armee des syrischen Machthabers Bashar al-Assad Geländegewinne im Umland der Stadt Aleppo. Der Angriff hat eine Massenflucht der Bevölkerung ausgelöst.

Michael Wrase
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Teile der syrischen Stadt Aleppo wurden bei Luftangriffen zerstört. (Bild: ap)

Teile der syrischen Stadt Aleppo wurden bei Luftangriffen zerstört. (Bild: ap)

ALEPPO. Als «unvorstellbar» beschreibt Moutasem Jamal das Bombardement der syrischen und russischen Armee im Süden von Aleppo. «Raketen und Granaten schlagen im Minutentakt ein. Dazwischen lassen die 500-Kilo-Bomben der Russen die Erde kilometerweit erzittern», berichtet der syrische Literaturstudent, der seit einem Jahr als Medien-Aktivist für die «Freie Syrische Armee» (FSA) arbeitet. Sie kontrollierte zusammen mit islamisch-extremistischen Rebellengruppen mehrere Ortschaften im Süden von Aleppo, die in den letzten Tagen von der Assad-Armee eingenommen wurden.

Flucht nach Westen

In den bitterarmen ländlichen Regionen um Aleppo geniessen die Rebellen hohes Ansehen. Entsprechend gross ist die Angst vor einer Rückkehr der Regierungstruppen und der besonders gefürchteten Geheimdienste, die vor mehr als zwei Jahren aus der Gegend vertrieben worden waren. Mit Unterstützung der russischen Luftwaffe sowie Schiitenmilizen aus Libanon und Irak will das Regime erst die südlichen und dann die nördlichen Versorgungsrouten der Rebellen nach Aleppo kappen. «Sie wollen uns umzingeln und dann aushungern», jammern die Flüchtlinge, die zu Zehntausenden nach Westen fliehen, in die mehrheitlich von Rebellen kontrollierte Provinz Idlib. Von dort sind es nur wenige Kilometer bis in die Türkei, die sich für eine erneute Massenflucht vorbereitet. Ein Grossteil der Landbevölkerung würde es allerdings vorziehen, mit den Rebellen in ihren Dörfern zu bleiben. Im Stadtgebiet von Aleppo hat das Regime dagegen noch viele Anhänger, was auch der Grund dafür ist, dass sich die syrische Armee im Norden des Landes noch behaupten kann.

Regime in Aleppo stabilisiert

Noch im Frühjahr des Jahres hatten Beobachter eine Kapitulation des Assad-Regimes in Aleppo nicht ausgeschlossen. Die Rebellen befanden sich an mehreren Frontabschnitten auf dem Vormarsch. Erschöpfte Regierungstruppen räumten oft kampflos ihre Stellungen. Den totalen Zusammenbruch der Armee hat die russische Luftwaffe mit ihrem massiven Eingreifen nun verhindern. Das Regime sei damit erst einmal stabilisiert worden, glauben westliche Diplomaten in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Ob die Armee in der Lage sein werde, die Rebellen auf breiter Front zurückzuschlagen, müsse freilich abgewartet werden. Skepsis ist angebracht.

Verdreifachung der Luftangriffe

Um den Vormarsch der Assad-Armee im Süden von Aleppo zu stoppen, haben die Türkei, Qatar und Saudi-Arabien den Rebellen offenbar panzerbrechende Waffen der amerikanischen Marke «Tow» zur Verfügung gestellt. Nach unbestätigten kuwaitischen Medienberichten bereiten sich die arabischen Golfstaaten inzwischen auch auf die Lieferung von schultergestützten Boden-Luft-Raketen vor. Glaubt man der britischen Zeitung «The Sunday Times», dann plant die russische Luftwaffe die Verdreifachung ihrer Luftangriffe in Syrien bis Ende November.

In den meisten Teilen Syriens werden dann winterliche Temperaturen herrschen. Schon jetzt könnten viele der Flüchtenden nicht ausreichend versorgt werden, warnte eine Sprecherin des UNO-Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten. Es fehlten Unterkünfte für die Vertriebenen, die auf Strassen, Bürgersteigen und Feldern schlafen würden. Ihre wichtigste Einnahmequelle, die Olivenbäume, mussten sie vollbehangen mit Früchten zurücklassen.