XENIA SOBTSCHAK: Die Putin-Herausforderin

Die TV-Moderatorin wird als mögliche Gegenkandidatin Wladimir Putins bei den Präsidentschaftswahlen im März gehandelt. Dieser würde davon nur profitieren.

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«Xenia Sobtschak als Präsidentin, das wäre ein Supergag», sagte Xenia unlängst dem Journal «Glamour». «Ein Artprojekt auf höchstem Niveau.» Xenia Sobtschak, 35, TV-Moderatorin, kann selbstironisch sein, bescheiden ist ­sie nicht. Dafür umso launischer.

Seit Wochen lässt Xenia die russische Öffentlichkeit zappeln: Wird sie bei den Präsidentschaftswahlen 2018 kandidieren oder nicht? Anfang September hatte ein anonymer Kremlbeamter diese Möglichkeit in den Raum gestellt, seitdem herrscht Aufruhr. Laut BBC hat die Sobtschak schon mehrere demokratische Topjournalisten und Menschenrechtler gebeten, ihren Wahlkampfstab zu leiten, alle haben abgelehnt. Alexei Nawalny, der bisher einzige demokratische Herausforderer Putins, wirft ihr vor, sie spiele die «liberale Witznummer» in «einem ziemlich widerlichen Spiel des Kremls». Während der Politologe Stanislaw Belkowski sie schon als die «junge Version eines russischen Trumps» bezeichnet.

Kein ganz schräger Vergleich. Trump moderierte schliesslich auch Fernsehshows und wurde als Salonlöwe gehandelt. Aber Xenia Sobtschak fehlt bei aller Selbstsicherheit Trumps politische Manie. Eine langbeinige, blauäugige Blondine mit Elitehochschuldiplom, die weder singen noch tanzen kann, dafür aber schwatzen. Xenia versuchte sich als Filmschauspielerin, moderierte Modell-, Heirats- oder Dschungelcamp-Shows, schrieb auch ein Buch: «Einen Millionär heiraten oder Ehe von Feinstem». Immerhin, 2011 schloss sie sich den Strassenprotesten gegen Wladimir Putin an, sorgte bei einer TV-Preisverleihung für einen Skandal, als sie der Schauspielerin Tschulpan Chamatowa deren Wahlwerbeclip für Putin vorhielt. Heute ist Xenia Star-Interviewerin beim gemässigt oppositionellen Internetkanal TV Doschd. Russlands führendes It-Girl, vorsichtig demokratisch, verheiratet, ein Kind, sie wird aber regelmässig mit neuen schönen Männern gesehen.

Die mehrfache Dollarmillionärin gehört zu Moskaus Establishment. Die einzige Tochter Anatoli Sobtschaks, des inzwischen verstorbenen Bürgermeisters von Sankt Petersburg, der Wladimir Putin zu seinem Vize machte. Und den Putin später vor massivem Korruptionsverdacht rettete. Dass die «Blondine in Schokolade», wie sie sich selbst in einer TV-Show betitelte, bei diversen Staatssendern ganz oben anfing, ist kein Zufall. Auch dass sie Putin persönlich immer wieder verteidigt, als einen ursprünglich «überzeugten Demokraten» mit «unglaublicher Arbeitsfähigkeit», der «in historischen Massstäben denkt». Nawalny hat wohl recht, wenn er behauptet, sie werde nicht gegen Putin kandidieren, sondern als sein Spoiler. «Sie weiss, dass sie keine Chance hat. Aber sie kann Nawalny bei den Wahlen Stimmen abnehmen. Gleich­zeitig erhöht schon die Debatte um ihre Kandidatur Sobtschaks Medienpräsenz enorm», sagt der Politologe Alexei Muchin. Das sei für sie als Showstar das Wichtigste. Schon gehen Gerüchte über eine neue Reality-Show Sobtschaks. «Die Kandidatin», natürlich mit Xenia Sobtschak in der Hauptrolle, räsoniert Polina Kostylewa, Nawalnys Stabschefin in Petersburg.

Im Juni interviewte Sob­tschak Nawalny noch für TV Doschd. Sie warf ihm dabei vor, ihm fehle eine eindeutige Meinung zur Krim, ausser seinem Kampf gegen die Korruption habe er nichts, was ihm gegenüber Putin Profil verleihe: «Sie wissen doch, in der Politik, vor allem wenn es um Millionen Wähler geht, gewinnt immer die klarere Position.» Damit wären ihre eigenen Wahlchancen minimal. Denn wenn jemandem in der russischen Politik eine eigene Position fehlt, dann ist es Xenia Sobtschak.

Stefan Scholl