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Russland testet einen neuen Raketentyp von umstrittenem Nutzen

Präsident Wladimir Putin freut sich über ein revolutionäres Hyperschall-Raketensystem, über dessen Nutzwert sich Militärfachleute allerdings streiten.
Stefan Scholl, Moskau

Manchmal gerät auch Wladimir Putin ins Schwärmen. «Das neue System Awangard ist unangreifbar für die heutigen Antiraketen- und Luftabwehrwaffen potenzieller Gegner. Das ist ein grosser ­Erfolg und ein grosser Sieg.» Am zweiten Weihnachtsfeiertag befehligte Wladimir Putin persönlich im Moskauer Kontrollzen­trum des Verteidigungsministeriums einen Test des neuen strategischen Raketensystems Awangard. Das Interkontinental-Geschoss startete aus einem Schacht bei Dombarowski im Süd-ural, nach offiziellen Angaben schlug es auf dem knapp 6100 Kilometer entfernten Manövergelände Kura auf Kamtschatka ein.

Laut Wladimir Putin wird man die ersten Awangard-Raketen 2019 in Dienst nehmen. «Das ist», so Putin, «ein bemerkenswertes und hervorragendes Neujahrsgeschenk für das Land.» Der Präsident hatte die Rakete schon vergangenen März bei einer Videoshow während seiner Rede zur Lage der Nation präsentiert, zusammen mit anderen «völlig neuartigen» Kernwaffensystemen. Jetzt feiert auch die kremlnahe Öffentlichkeit den Test euphorisch: «Awangard ist eine militärische Revolution», verkündet die Zeitung «Komsomolskaja Prawda». Sie sei vergleichbar mit dem ersten Düsenjet oder der Erfindung des Maschinengewehrs.

Wladimir Putin (5. von links) verfolgt mit hohen Militärs den erfolgreichen Test der «Awangard»-Raketen in einem Moskauer Kontrollzentrum. (Bild: M. Klimentjew/EPA; 26. Dezember 2018)

Wladimir Putin (5. von links) verfolgt mit hohen Militärs den erfolgreichen Test der «Awangard»-Raketen in einem Moskauer Kontrollzentrum. (Bild: M. Klimentjew/EPA; 26. Dezember 2018)

Unterwegs mit 20-facher Schallgeschwindigkeit

Nach Angaben russischer Medien hat die Rakete eine Reichweite von 5000 bis 8000 Kilometern, trägt Gefechtsköpfe von über zwei Megatonnen TNT Sprengkraft, mehr als das Doppelte der meisten existierenden Atomraketen. Aber vor allem soll sie mit 20-facher Schallgeschwindigkeit viermal schneller als die amerikanische Konkurrenz und mit steuerbarer, also für den Gegner unberechenbarer, Flugbahn unerreichbar für alle US-Abwehrsysteme sein. «Superwaffe 2018», so urteilt die staatliche Agentur Tass.

Allerdings glauben keineswegs alle russischen Fachleute, dass mit Awangard-Raketen schon ein Atomkrieg zu gewinnen ist. «Ihr Sinn ist es nicht, feindliche Raketenschächte zu vernichten, sondern Infrastruktur und Grossstädte», sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin unserer Zeitung. «Sie sollen abschrecken.» Bisher ist unklar, wie viel die Mach-20-Rakete kostet und in welcher Stückzahl sie in Stellung geht. Laut Litowkin wird das erste Awangard-Regiment im Südural zwei Raketenschächte bedienen. Und Litowkins Kollege Alexander Golz bezeichnet das System nicht ohne Ironie als «Wunderwaffe». Sie durchbreche eine amerikanische Raketen­abwehr, welche nur in den Köpfen der russischen Führung existiere. «Wenn es wirklich gelungen ist, einen Gefechtskopf zu entwickeln, der noch in der Fallphase steuerbar ist, stellt das einen enormen technischen Erfolg dar.» Aber die USA besässen zurzeit nur 34 Abwehrsysteme gegen Interkontinentalraketen in Kalifornien und auf Alaska.

Von denen seien zwei bis fünf nötig, um bei einem nuklearen Schlagabtausch zumindest einen herkömmlichen russischen Atomgefechtskopf auszuschalten. «Sie würden also höchstens 15 der insgesamt 1550 gewöhnlichen strategischen Sprengköpfe Russlands vernichten.» Golz hält die neuen Hyperschallraketen schlicht für überflüssig. Sie seien noch zu ­Sowjetzeiten geplant worden, als Antwort auf Ronalds Reagan verkündetes, aber nie errichtetes US-Abfangsystem im All.

Bedrohungsszenario nach Putins Weltbild

Der neue Antiraketenschild der USA in Osteuropa eigne sich ­dagegen lediglich dafür, einzelne Mittelstreckenraketen zu stoppen. «Aber unserem Verteidigungsministerium ist es gelungen, ein Bedrohungsszenario zu entwickeln, das genau der spe­zifischen, ‹inneren› Vorstellung der Welt Wladimir Putins entspricht, die auch Angela Merkel schon erwähnt hat», so Golz. Das könne im Extremfall traurig enden.

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