WOLOKOLAMSK: Eine Stadt erstickt im Abfall

Das System Putin hat den politischen Protest in Russland verstummen lassen. Wenn der Alltag aber schwer wird, wachsen die sozialen Spannungen im Land. Ein Besuch an einem Ort, der den Menschen die Luft zum Atmen nimmt.

Inna Hartwich
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Die Abfalldeponie in Wolokolamsk hat immense Ausmasse angenommen. Mittlerweile hat sie eine Höhe eines zehnstöckigen Hauses angenommen. Täglich bringen 300 Lastwagen und Traktoren neuen Kehricht. (Bild: Anton Velikzhanin/Alamy Stock Photo (25. März 2018))

Die Abfalldeponie in Wolokolamsk hat immense Ausmasse angenommen. Mittlerweile hat sie eine Höhe eines zehnstöckigen Hauses angenommen. Täglich bringen 300 Lastwagen und Traktoren neuen Kehricht. (Bild: Anton Velikzhanin/Alamy Stock Photo (25. März 2018))

Inna Hartwich

Die Maske muss sein. Alexander Lwow kramt in seinem Auto, zieht den weissen Atemschutz über die Nase und steigt aus. Die Luft ist schneidend, die Augen brennen, der Gaumen ist in Sekundenschnelle trocken, der Hals schmerzt, die Hände jucken. «Jadrowo» steht auf einem Schild vor ihm, eine Kehrichtdeponie, die immer mehr in die Höhe wächst. Und die vor allem Gase absondert, die hier, nur drei Kilometer von der Stadt Wolokolamsk, eineinhalb Autofahrstunden von Moskau entfernt, den Menschen das Leben schwer macht.

Manche fallen einfach auf der Strasse um, Bewusstlosigkeit. Manche husten, als hätten sie eine schwere Form von Bronchitis. Manche erbrechen und ertragen den Kopfschmerz kaum. Als vor wenigen Tagen knapp 150 Kinder gleichzeitig wegen Unwohlseins in das Zentrale Bezirksspital der Stadt eingeliefert worden waren, reichte es auch Alexander Lwow. «Wir ertragen alles, die schlechte Infrastruktur, die schlechte Bildung, die nicht vorhandene politische Freiheit bei uns im Land, aber wie sollen wir leben, wenn uns die Luft zum Atmen fehlt? Die Luft!»

Niemand informiert die Leute über die austretenden Gase

Der 25-jährige Taxiunternehmer kommt nun oft hierher, vor das «Polygon Jadrowo». Auch sein vierjähriger Sohn Mark leidet an tiefrotem Ausschlag, der vor allem Knie und Hände bedeckt. Der Junge kratzt sich die Wunden bis auf das Fleisch auf, schreit, erbricht. Die Ärzte diagnostizieren: Infektion der oberen Atemwege. Den vermehrten Gasaustritt auf der Kehrichtdeponie erwähnen die Mediziner lediglich in persönlichen Gesprächen als Grund für die gesundheitlichen Probleme, auf amtlichen Diagnosedokumenten bestätigen sie das nicht. Niemand informiert die Menschen über die austretenden Gase, niemand sagt ­ihnen, was nun gemacht werde mit der Deponie, die die gleichen Probleme verursacht wie andere Deponien im Land – ob das Kosmodemjanski-Polygon in der Enklave Kaliningrad, die Wolowitschi-Müllkippe in Kolomna unweit von Moskau oder die Breite-Flüsschen-Fläche in Jekaterinburg am Ural. Quer durchs Land beschäftigt die «Müllkrise» die Menschen. Auch die Wolokolamsker fühlen sich von den Behörden alleingelassen – und gehen auf die Strasse.

Manche stehen vor dem Deponie­eingang ein paar Minuten, manche ganze Tage hintereinander. Manchmal sind es nur 15 Menschen, manchmal auch 500. Russlands Polizeispezialeinheit Omon bewacht die 10 Hektar grosse Fläche, vor dem Eingang patrouillieren vier Wagen der Strassenpolizei. Die Protestierenden lassen sich nicht vertreiben. Sie wollen zeigen: «Wir haben es satt, wir wollen leben, wollen atmen.» Das ist ihr Motto der täglichen Kleinproteste für die Schliessung der Deponie, die mittlerweile so hoch wie ein zehnstöckiges Haus ist. Nicht selten kippen an einem Tag bis zu 300 vollbeladene Lastwagen ihre Fracht auf «Jadrowo» aus.

Die Grenzwerte werden massiv überschritten

Was sie bringen, wissen die Menschen nicht. Das Kehrichtdeponie-Unternehmen, eine Aktiengesellschaft, teilt es ihnen nicht mit. Die Bezirksregierung bleibt ebenfalls stumm. Die Wolokolamsker riechen nur, wie die Deponie lebt. Wie die Mikroorganismen sich mit den Bakterien vermischen, wie die daraus entstehenden Gase entweichen: Methan, Kohlenstoffdioxid, Schwefelwasserstoff. An manchen Tagen übersteigt die Konzentration hier den zulässigen Wert um das Siebenfache. Das sind die offiziellen Angaben, die in der Stadt kaum einer glaubt, weil jeder die Situation als schlimmer empfindet.

Die 20'000-Einwohner-Stadt – mit einem hübschen Kreml im Zentrum und dem Denkmal für die Widerstandskraft der Stadt im Zweiten Weltkrieg – ist in Aufruhr. «Wir sind nun alle Aktivisten», sagen die Menschen vor «Jadrowo» wie aus einem Mund. Sie haben dicke Filzstiefel an und Ohrenmützen. Es ist kalt in der Stadt, der Boden um die Deponie herum aber ist oft nicht zugefroren, weil immer wieder schwarze Flüssigkeit austritt. Selbst wenn der Wunsch der Protestler in Erfüllung geht und «Jadrowo» schliesst, dauert es lange, um die Deponie zu rekultivieren. Auch zehn Jahre später sei teils noch mit austretenden Gasen zu rechnen, sagen Experten. «Wir schlafen besorgt ein, weil wir Angst haben, wegen der Gase nicht mehr aufzuwachen», sagt die resolute Nadeschda Kaskewitsch, die seit bald zwei Monaten jeden Tag vor «Jadrowo» steht. «Es muss sich doch etwas ändern hier.»

Politischen Protest hat das System Putin längst verstummen lassen. Oppositionelle haben es schwer, Kritik am Regime zu üben. Das Vertrauen in die Institutionen fehlt. Wird der Alltag aber schwer und die Ohnmacht vor dem Apparat gross, wachsen die sozialen Spannungen im Land und lassen die hohen Zustimmungswerte für den alten wie neuen Präsidenten Wladimir Putin hohl erscheinen. In ganz konkreten Fällen, wo es um Wohl und Leben der Menschen geht, begreifen sie, dass sie durchaus politische Subjekte sind. In Wolokolamsk fordern sie die Schliessung der Deponie, in der westsibirischen Stadt Kemerowo, wo am vergangenen Wochenende mehr als 60 Menschen, darunter viele Kinder, beim Brand in einem Einkaufszentrum starben, die Aufklärung des Falles. Sie kommen plötzlich in Massen zusammen und begreifen, dass sie die Wut auf das System eint. Die örtlichen Regierungsvertreter schaffen es kaum, die Menschen zu besänftigen.

Als sich in Wolokolamsk das Bezirksoberhaupt vor dem Krankenhaus zeigte, in dem die wegen Vergiftungserscheinungen eingelieferten Kinder behandelt wurden, griffen ihn die Eltern mit Schneebällen und harschen Worten an. Wenige Tage später setzte ihn der Gouverneur des Moskauer Gebiets ab. Der neue Verwaltungschef versprach den Menschen sogleich eine «Verbesserung der Lebensverhältnisse bis zum Ende des Jahres». Es sollen Löcher in den Abfallhaufen gebohrt werden, die Gase sollen so entweichen können. In einigen Wochen soll «Jadrowo» tatsächlich schliessen. Nur: Wenige Meter weiter, noch näher an die Stadt heran, öffnet schon vorher eine neue Deponie. Doppelt so gross.

Es ist die typische russische Symptombekämpfung, die Verwaltung improvisiert ohne Strategie. Das «Polygon ­Jadrowo» besteht seit 1979, doch erst vor einem Jahr, als «Kutschino», eine 50 Hektar grosse Mülldeponie im Osten Moskaus, auf Ukas Putins medienwirksam schliessen musste, wurde es zu einem Problem für die Wolokolamsker. Der Abfall, der einst auf «Kutschino» landete, wird nun auf andere Deponien im Moskauer Umland verteilt, auch in Wolokolamsk. Allein die russische Hauptstadt, wo knapp 20 Millionen Menschen leben, produziert 11 Millionen Tonnen Abfall jährlich, in ganz Russ- land sind es offiziellen Angaben zufolge 70 Tonnen jährlich. Er verteilt sich offiziell auf 14'000 Deponien im Land, 90 Prozent des Hausmülls werden auf Müllkippen abgelagert, auf jede legale kommen dabei zwei illegale. «Sie brennen, verteilen Gase und Staub. Erst nach und nach verstehen viele, dass wir viel zu viel Kehricht produzieren», sagt der Greenpeace-Umweltgift-Experte Alexej Kisseljow in seinem Moskauer Büro. ­Bereit, wirklich etwas Wesentliches zu ändern, seien aber nur wenige.

Lediglich 4 Prozent des russischen Abfalls werden recycelt. Mülltrennung gibt es nur vereinzelt, Flaschen, Windeln, Essensreste landen auf einem Haufen – und später auf Deponien wie «Jadrowo», wo Bagger Erde auf den Abfall schütten und Traktoren die Mischung feststampfen.

Um der mafiösen Strukturen der bis heute zwielichtigen Kehrichtbranche Herr zu werden, regelt seit 1998 das «Gesetz Nummer 89» die Aufsicht über die Deponien, den Schutz der Natur und legt die gesundheitlichen Normen fest. Aber es schafft keine Grundlage für die wirtschaftlichen Anreize, um die Abfallberge zu reduzieren. Vor knapp vier Jahren passte das Parlament das Gesetz an. Weg von den Deponien ist der Ansatz. «Dennoch wachsen die Abfallberge jedes Jahr um 3 Prozent», sagt Alexej Kisseljow von Greenpeace. Die Lösung? «Das Bewusstsein der Menschen muss sich ändern. Wir müssen durch den schmerzhaften Prozess der Abfalltrennung hindurch. Es muss reguliert werden, was, wie und womit verpackt werden darf.»

In Wolokolamsk redet erst einmal niemand über Abfalltrennung. Sie wollen einfach wieder atmen – und sich ­später Gedanken darüber machen, die Plastikberge, die sich in Russland nach jedem Einkauf auftun, zu reduzieren. Vielleicht.

M9H77D Moscow Oblast, Russia. 25 March, 2018. People gather to demand the closure of the Yadrovo solid waste landfill in Volokolamsk. (Bild: Anton Velikzhanin/Alamy Stock Photo)

M9H77D Moscow Oblast, Russia. 25 March, 2018. People gather to demand the closure of the Yadrovo solid waste landfill in Volokolamsk. (Bild: Anton Velikzhanin/Alamy Stock Photo)