«Wollen die Regierung ablösen»

Peer Steinbrück ist Kanzlerkandidat der SPD im Bundestagswahlkampf 2013. Dies verkündete gestern Parteichef Sigmar Gabriel. Steinbrück sei «der beste Kanzler, den Deutschland finden kann».

Fritz Dinkelmann
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Will die Richtung vorgeben: Peer Steinbrück, seit gestern Kanzlerkandidat der SPD. (Bild: ap/Fabian Bimmer)

Will die Richtung vorgeben: Peer Steinbrück, seit gestern Kanzlerkandidat der SPD. (Bild: ap/Fabian Bimmer)

BERLIN. Etwas nervös wirkte Sigmar Gabriel im Willy-Brandt-Haus in Berlin schon, als er nach der Lobpreisung Peer Steinbrücks gefragt wurde, warum die Troika monatelang mit der K-Frage gerungen habe, um dann doch plötzlich zu entscheiden. Ursprünglich sollte erst im November bekannt werden, wer Angela Merkel herausfordert. «Weil das Leben halt manchmal so ist», sagte Gabriel etwas schroff, merkte es und fügte hinzu, «wir haben uns vor zwei Wochen getroffen.» Mit wir ist neben Gabriel und Steinbrück auch Fraktionschef Frank Walter Steinmeier gemeint, der sich nach den Sommerferien entschieden hatte, nicht anzutreten. Er selbst, so Gabriel, habe das schon vor längerer Zeit ausgeschlossen.

Ziel: Keine Grosse Koalition

Nachdem die Gerüchteküche gestern überschwappte und Steinbrücks Kandidatur schon verkündet wurde, ehe es dafür einen Termin gab, entschloss sich die SPD-Spitze kurzfristig, ihn auch offiziell ins Rennen zu schicken. Er oder sie, alles oder nichts: die Sozialdemokraten wollen hoch zu Ross in den Bundestagswahlkampf ziehen, mit einem Reiter, der sich nach seiner Kür so selbstbewusst zeigte wie immer: «Wir wollen diese Bundesregierung ablösen», aber nicht nur «teilweise», sagte er und formulierte damit das Wahlziel der SPD: Regierungswechsel und nicht Grosse Koalition.

Dafür scheint Steinbrück, der Polarisierer, der geeignete Mann zu sein. Klar ist, dass der SPD-Kanzlerkandidat – vordergründig – auf alles oder nichts spielt. Schon vor Wochen hatte er gesagt: «Bevor ich in das Kabinett von Frau Merkel eintreten würde, wäre ich lieber Finanzminister in Griechenland.» Obwohl, in Merkels Regierung war er das schon einmal, aber – alles fliesst, und es gibt nur eine Konstante: «In der SPD ist alles wie früher», sagte Gabriel, «am Ende behält Helmut Schmidt immer recht.» Tatsächlich hat Schmidt der Partei stets empfohlen, mit Steinbrück anzutreten, seinem Schachpartner.

Noch nie eine Wahl gewonnen

Die SPD hat lange ein überzeugendes Wahlkampfthema gesucht. Es lag vor der Tür, und da stand schon Steinbrück, ihr Meister in Finanz- und Wirtschaftsfragen, ein Politiker, der Kompliziertes pointiert und ironisch formulieren kann: «An der Börse sind 2 und 2 niemals 4, sondern 5 minus 1», sagte er einmal. Mit Steinbrück haben die Sozialdemokraten einen Kandidaten, der die Wahlstrategie der SPD verkörpert: Kampfansage an die anonymen Finanzmärkte, die demokratische Kontrolle zurückerobern, für Gerechtigkeit sorgen.

Wunschkandidat der Parteilinken ist er aber nicht, als beharrlicher Verteidiger der schröderschen Hartz-Reformen. Erstaunlich nur, dass die Konservativen anscheinend bis zuletzt glaubten, Merkel werde gegen Steinmeier antreten. Der aber verzichtete und sagte gestern: «Ich werde mich in diesem Wahlkampf so engagieren, als wär's mein eigener.» Steinbrück inszeniert sich als Sieger, obwohl er noch nie eine Wahl gewonnen hat. Trotzdem muss Merkel ihn ernst nehmen, denn dieser Herausforderer kann auch in der Mitte der Gesellschaft punkten und an Stammtischen.

Angela Merkel liegt weit voraus

Anderseits ist sie die Staatsfrau, die in Umfragen Welten vor Steinbrück liegt, die (meisten) Stimmen der Ostdeutschen hat und, erstaunlich, auch bei jüngeren Wählern weit vorn liegt. Sie wird den Stier nicht bei den Hörnern packen, der «wie Schröder» kämpfen will. Staatsfrau Merkel hat gestern gar nichts gesagt.

«Sein grösster Nachteil ist seine Arroganz», schrieb gestern ein Kommentator und meinte, dafür auch einen Beleg zu liefern: «Auch aus stilistischen Gründen» wolle er mit den Medien erst reden, nachdem er sich am Montag dem Parteivorstand präsentiert habe, sagte Steinbrück. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin begrüsste die Kandidatur, und der liberale Wolfgang Kubicki sagte: «Ich glaube, dass Peer Steinbrück für die FDP neue Optionsräume eröffnet.» Rot-Grün-Gelb? Die Liberalen wieder einmal das Zünglein an der Waage? Vielleicht, wenn die nötigen fünf Prozent drauf liegen.