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Afghanistan: Wo Skateboarden
klar Frauensache ist

Welche Stadt hat die höchste Dichte von weiblichen Skateboardern weltweit? Mazar-e-Sharif. Grund dafür ist die Organisation«Skateistan», die Mädchen auf Rollbretter stellt und dadurch ihre Leben umkrempelt.
Ulrike Putz, Singapur
Schülerinnen auf ihren Skateboards in den Strassen der afghanischen Hauptstadt Kabul. Hier nahm der Hype seinen Anfang im Land. Bild: S. Sabawoon/ EPA (21. Juni 2011)

Schülerinnen auf ihren Skateboards in den Strassen der afghanischen Hauptstadt Kabul. Hier nahm der Hype seinen Anfang im Land.
Bild: S. Sabawoon/ EPA (21. Juni 2011)

Mazar-e-Sharif wirkt nicht wie eine Stadt, die als Zentrum einer hochaktiven Skateboard-Szene taugt. Zwar gilt die 500 000-Einwohner-Stadt als eine der schönsten in Afghanistan, aber Stadtparks, in denen Jugendliche ihre Sprungtechnik verfeinern könnten, sucht man vergeblich. Die Strassen sind voller Schlaglöcher und zu unsicher, als dass man sie entspannt entlangrollen könnte.

Und doch hat sich Mazar, wie es die Einheimischen lässig nennen, zu einer veritablen Kapitale des Rollbrett-Sports entwickelt. Woche um Woche trainieren hier 1000 Kinder und Jugendliche ihre Skate-Künste. Die mit Rampen und Halfpipes vollgestellte Halle, in der sie sich treffen, ist die grösste Indoor-Sportanlage in Afghanistan.

Australier brachte die Bretter nach Kabul

Man stellt Kinder – vor allem Mädchen – auf Skateboards und schubst sie mit Schwung in Richtung einer besseren Zukunft: So etwa lässt sich die Idee hinter «Skateistan» zusammenfassen. Die Nichtregierungsorganisation wurde 2007 vom Australier Oliver Percovich in Kabul gegründet. Der passionierte Skater hatte drei Bretter im Gepäck, als er seine in der afghanischen Hauptstadt arbeitende damalige Freundin besuchte. Als ein paar neugierige Kindern darum bettelten, dass er ihnen das Skaten beibringt, war eine Idee geboren: Was, wenn man das Skaten als Köder benutzt, um den Kindern dringend benötigte Bildung angedeihen zu lassen? Und was, wenn man so vor allem die im erzkonservativen Afghanistan immer zu kurz kommenden Mädchen fördert? Elf Jahre später betreibt seine von Spenden finanzierte Organisation Skate-Schulen in Kabul und Mazar, in Südafrika und Kambodscha. Mazar sei die Stadt mit der grössten Skateboarderinnen-Dichte weltweit, heisst es in Skaterkreisen.

«Eine Stunde Unterricht erkauft eine Stunde Skateboarden», erklärt Zainab Husseini, Direktorin der Skateistan-Niederlassung in Mazar, das Konzept der NGO. Auf dem Stundenplan stehen dabei Themen, die an den öffentlichen Schulen Afghanistans zu kurz kommen.» Wir sprechen über Menschenrechte und andere Länder und Kulturen, aber bringen den Kindern auch ganz praktische Dinge bei. Kartenlesen zum Beispiel. Die wenigstens Afghanen können eine Landkarte lesen. Das wollen wir ändern», sagt die 29-Jährige.

Es sei wunderbar mit anzusehen, wie vor allem die Mädchen durch das Programm aufblühten, sagt Husseini. «Man kann förmlich zusehen, wie sie Selbstbewusstsein entwickeln.» Skateboard sei der ideale Sport für afghanische Mädchen, sagt Jessica Faulkner, Sprecherin von Skateistan. «Man fällt am Anfang dauernd runter. Das macht einen zäh und widerstandsfähig. Man hat aber auch schnell Erfolg, das ermutigt.» Dass Skateboarden in Afghanistan nahezu unbekannt war, bis Percovich seine Bretter auspackte, hat sich als Vorteil erwiesen.»Da keiner Skateboarden kannte, konnte auch keiner sagen: Das ist kein Sport für Mädchen.»

Die meisten Sportanlagen sind nur für Männer

Sport für Mädchen: So etwas gibt es selten in Afghanistan. Unter den Taliban, deren islamistische Diktatur erst 2001 mit dem Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan endete, war es Frauen untersagt, ohne Burka und Eskorte eines männlichen Verwandten das Haus zu verlassen. Die Zeiten sind zwar vorbei, doch Afghanistan ist immer noch ein Land, in dem Frauen die zweite Geige spielen. «Es gibt in Mazar einen Pool, einen Fussballplatz, eine Bowlingbahn und einen Billardsalon. Alles nur für Jungs und Männer», sagt Husseini.

Zwar gäbe es private Gymnastik- und Yoga-Studios, doch seien die teuer und für die meisten Frauen unerschwinglich. Selbst Joggen zu gehen ist für Frauen in Mazar kompliziert, wie Husseini aus eigener Erfahrung weiss: 2015 meldete sich die begeisterte Athletin beim Ultramarathon durch die Wüste Gobi an. Um sich auf die 5 Tage lange Tortur, in der 250 Kilometer gelaufen werden müssen, vorzubereiten, lief Husseini in der Skateistan-Halle unzählige Male im Kreis herum. «Draussen zu laufen wäre zu gefährlich gewesen.» Trotz des mangelhaften Trainings hielt Husseini das ultraharte Rennen durch. «Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich nie mitgemacht», sagt sie mit einem Lachen.

Sozialarbeiter leisten Überzeugungsarbeit

«Sport ist ein Aspekt, der in Afghanistan immer noch zu kurz kommt», sagt Orzala Nemat, Direktorin der Kabuler Denkfabrik «Afghanistan Research and Evaluation Unit». Dabei seien kulturelle Aktivitäten wie Sport und Theater enorm wichtig für die Entwicklung Afghanistans. «Die ganze Dynamik in den Familien ändert sich, wenn ein Mädchen anfängt, Sport zu treiben.»

Die Kinder, die zu Skateistan kommen, sind zwischen 5 und 17 Jahren alt und meist aus einfachen Familien. Ein Teil von ihnen sind Vertriebene, die vor dem Krieg in Afghanistan aus ihren Städten und Dörfern nach Mazar geflohen sind. «Viele dieser Kinder arbeiten auf der Strasse, etwa als fliegende Händler.» Um die Eltern davon zu überzeugen, dass eine wöchentliche Skateboard-Stunde keine Zeitverschwendung ist, setzen die Macher auf einen einfachen Trick: Der Transport im Minibus zum Training ist gratis und nachher gibt es Abendessen, auch umsonst. «Das überzeugt auch zögerliche Eltern.»

Das erste Mädchen, das einen Kick-Flip landete

Natürlich gibt es immer wieder Fälle, in denen sich Eltern querstellen, wenn ihre Töchter von Skateistans Sozialarbeitern eingeladen werden, am Programm teilzunehmen. Im Fall der 14-jährigen Atefa liess ihr Vater sie erst mitmachen, verbot es aber wieder, als die Nachbarn zu tuscheln begannen. Drei Monate lang sass Atefa deprimiert zu Hause und zeichnete Skateboards in ihre Hausaufgabenhefte. «Ich war so traurig und verwirrt. Ich war gut im Skateboarden, warum sagte mein Vater auf einmal, das sei nur was für Jungs.» Erst, als ein Sozialarbeiter ihren Vater durch den Skate-Park führte und zeigte, dass Mädchen und Jungs strikt getrennt trainieren, änderte er seine Meinung wieder. Inzwischen darf auch Atefas Schwester skaten. Und Atefa kann von sich sagen, der erste Mensch in Afghanistan zu sein, der einen Kick-Flip gelandet hat.

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