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Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer: «Wir wollten nie berühmt werden, wir wollten das Sterben auf dem Mittelmeer beenden»

Nach ihrer Freilassung ist die Kapitänin Carola Rackete massiven Drohungen ausgesetzt und befindet sich an einem geheimen Ort. Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer erklärt im Interview was ihr Fall für die zivilen Seenotretter bedeutet.
Sarah Serafini/watson
Die Sea-Watch 3 mitte Juni auf hoher See. (Bild: EPA)

Die Sea-Watch 3 mitte Juni auf hoher See. (Bild: EPA)

Am Dienstagabend wurde Carola Rackete aus dem Hausarrest entlassen. Wie geht es ihr?

Ruben Neugebauer: Carola geht es den Umständen entsprechend gut. Vor allem ist sie froh darüber, dass das italienische Gericht ihr Recht gab. Die Ermittlungsrichterin bestätigte, dass es rechtens war, in den Hafen von Lampedusa einzulaufen.

Der italienische Innenminister Matteo Salvini kündigte nach ihrer Freilassung an, sie müsse aus dem Land ausgewiesen werden, da sie eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstelle. Wo befindet sich Carola jetzt?

Wo sie sich befindet, können wir nicht bekannt geben. Wir wollen nicht, dass ihr jetzt alle nachspüren. Alles was wir dazu sagen können ist, dass sie an einem sicheren Ort ist und zur nächsten Vernehmung erscheinen wird.

«Wir müssen diese Bedrohungen ernst nehmen. Das ist auch der Grund, warum wir den Aufenthaltsort von Carola Rackete geheim halten.»

Gerüchten zufolge wurde Rackete nach ihrer Entlassung aus dem Hausarrest massiv bedroht. Können Sie das bestätigen?

Ja, vor allem im Internet. Die Urheber dieser Drohungen sind zum Teil dieselben, die auch schon im Fall des ermordeten CDU-Politikers Walter Lübcke Stimmung im Netz gemacht haben. Wir müssen diese Bedrohungen ernst nehmen. Das ist auch der Grund, warum wir den Aufenthaltsort von Carola Rackete geheim halten.

(Bild: AP)

(Bild: AP)

Zur Person

Ruben Neugebauer ist Mitgründer und Sprecher der zivilen Seenotrettungsorganisation Sea-Watch. Seit 2015 ist er im ständigen Einsatz an «Europas tödlichster Aussengrenze», wie Neugebauer die Zone am südlichen Mittelmeer nennt. Zusammen mit der Schweizer Humanitarian Pilots Initiaitve leitet Neugebauer zudem die Luftaufklärungsmission «Moonbird», das Migranten in Seenot von einem Kleinflugzeug aus sichtet.

Wird die Kapitänin bald wieder für die Sea-Watch an Bord gehen?

Dazu können wir noch nichts sagen. Nachdem unsere Kapitänin freigelassen wurde, warten wir nun darauf, dass wir auch unser Schiff zurückbekommen. Das ist nach wie vor beschlagnahmt. Danach müssen wir uns zuerst einmal sortieren und schauen, wie es weiter geht.

In ihrer Begründung widerspricht die italienische Ermittlungsrichterin dem eigenen Innenminister und dessen Dekret. Sie sagt, Libyen und Tunesien seien keine sicheren Häfen. Was bedeutet dieser Entscheid für die Seenotretter der Sea-Watch?

Damit bestätigte sie das, was wir seit Jahren wiederholen: Dass Libyen und Tunesien aus menschenrechtlicher Sicht keine sicheren Länder sind und wir deswegen deren Häfen nicht ansteuern können. Für uns ist das ein wichtiger Erfolg.

«Uns gibt es als Reaktion darauf, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken.»

Nicht fallen gelassen wurde allerdings der Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Migration. Dazu muss Rackete am 9. Juli zur Anhörung vor der Staatsanwaltschaft erscheinen.

Der Crew der Sea-Watch 3 wird vorgeworfen, auf ihrer Mission mit Schleppern zusammengearbeitet zu haben. Natürlich sind diese Vorwürfe haltlos. Doch die Ermittlungen dazu dauern noch an. Die Behörden haben all unsere Festplatten auf dem Schiff beschlagnahmt. Diese müssen sie nun auswerten und das kann dauern. Wir zeigen uns kooperativ und sind guter Dinge, da wir uns nichts vorzuwerfen haben. Wir hoffen jetzt, dass wir unser Material und insbesondere unser Schiff schnell zurückerhalten. Denn während die Sea-Watch 3 angekettet im Hafen liegt, wurde uns über Funk bereits drei neue Seenotfälle gemeldet. Es ist ein Skandal, dass diesen Menschen niemand Hilfe leistet.

Kritiker sagen, Seenotretter würden sich zu Handlangern von Schleppern machen. Libysche Milizen schickten Migranten in dem Wissen aufs Meer, dass sie dort von europäischen Rettern an Bord geholt würden. Was sagen Sie zu solchen Vorwürfen?

Das stimmt einfach nicht. Uns gibt es als Reaktion darauf, dass im Mittelmeer Menschen ertrinken. Als die Sea-Watch 2015 gegründet wurde, gab es dort noch keine zivile Seenotrettung. In der Woche als unser erstes Schiff aus dem Hafen von Hamburg auslief, ertranken über 1000 Menschen im Mittelmeer. Die waren dort, obwohl es keine Seenotrettung gab. Ausserdem könnte man mit demselben Argument die Schweizer Rega abschaffen, weil sich durch die Existenz der Bergwacht Kletterer oder Skifahrer ermutigt fühlen, Risiken einzugehen. Wäre es besser, wenn man zur Abschreckung die Rega abschafft? Das ist doch Unsinn!

«Die Todesrate, also der Anteil der Toten, ist derzeit so hoch wie noch nie.»

Seit Italien 2017 einen Deal mit der libyschen Übergangsregierung einfädelte ist die Zahl der Migranten, die über das Meer kommen eklatant gesunken. Auch die Zahl der Todesopfer hat sich im Vergleich zu vor drei Jahren um das siebenfache minimiert. Ist das nicht ein Erfolg?

Absolut nicht. Die Todesrate, also der Anteil der Toten, ist derzeit so hoch wie noch nie. Zudem ist die Dunkelziffer der Toten gestiegen. Jetzt wo Seenotrettung aktiv verhindert wird und niemand von uns vor Ort ist, kann kaum festgestellt werden, wie viele Menschen tatsächlich ertrinken. Wir wissen auch von Fällen, wo die libysche Küstenwache Todeszahlen zu vertuschen versuchte. Die offiziellen Zahlen sind darum mit Vorsicht zu geniessen.

Es ist nicht das erste Mal, dass einem Schiff von Seenotrettern die Einfahrt in einen europäischen Hafen verwehrt blieb. Warum sorgte der Fall von Carola Rackete nun für so grosse Aufmerksamkeit?

Weil unsere Kapitänin Eigenverantwortung übernommen hat und sich gegen das Dekret von Innenminister Salvini durchgesetzt hat, nachdem sich die Lage an Bord derart zugespitzt hatte. In bisherigen Fällen war es immer so, dass nach Tagen oder Wochen immer irgendeine Lösung gefunden wurde und die Schiffe doch anlegen durften.

Die Verhaftung von Rackete hat eine grosse Welle der Solidarität ausgelöst. Nach dem Aufruf von Böhmermann kamen über eine Million Spendengelder zusammen. Was passiert mit dem Geld?

Wir werden davon das Verfahren von Carola bezahlen, das jetzt noch ansteht. Das restliche Geld werden wir sinnvoll in die Seenotrettung investieren. Wie genau müssen wir noch festlegen.

«Es wäre schön, wenn es uns eines Tages nicht mehr braucht.»

Die Sympathie von vielen Leuten scheint auf eurer Seite zu sein. Hat euch dieser Fall zuletzt mehr genützt als geschadet? Müsstet ihr Salvini gar noch dankbar sein, dass er euch zu diesem Stunt verholfen hat?

Wir wollten nie berühmt werden, wir wollten das Sterben auf dem Mittelmeer beenden. Uns wär es lieber, wenn es den Fall von Carola nicht gegeben hätte und die Menschenrechte auf dem Mittelmeer so oder so eingehalten werden. Wir brauchen eine Änderung in der Politik und wir brauchen ein Ende vom Sterbenlassen auf dem Mittelmeer. Davon sind wir leider noch weit davon entfernt. Es wäre schön, wenn es uns eines Tages nicht mehr braucht.


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