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Lord Mayor von London: «Wir werden uns mit der EU einigen»

Der Lord Mayor von London erwartet, dass es bei den Austrittsgesprächen Grossbritanniens mit der EU am Ende zu einem Deal kommen wird. London werde danach als Finanzzentrum aufblühen.
Felix E. Müller
Charles Bowman bildet bewusst einen Kontrast zur aufgeregten Brexit-Debatte. (Akintunde Akinleye/Reuters, Lagos, 28. Juni 2018)

Charles Bowman bildet bewusst einen Kontrast zur aufgeregten Brexit-Debatte. (Akintunde Akinleye/Reuters, Lagos, 28. Juni 2018)

Glaubt man der Berichterstattung in der Schweiz über den Brexit, dann steht Grossbri­tannien unmittelbar vor einer Apokalypse: Im Land herrsche Chaos, die Regierung sei handlungsunfähig, Boris Johnson schleiche als finsterer Verschwörer durch die Strassen von London, Premierministerin Theresa May könne täglich gestürzt werden. Und die Bürger legten Notvorräte an für die ersten Wochen nach dem Austritt aus der EU, weil dann die Wirtschaft kollabieren könnte und die Grund­versorgung nicht mehr funktionieren werde. Ein Land scheint um sein Überleben zu kämpfen.


«Zu 80 Prozent ist man sich einig»: Charles Bowman, Lord Mayor von London

Doch sitzt man dem Lord Mayor von London gegenüber, dann ist von all dem nichts zu spüren. Sein gelassenes Selbstbewusstsein ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass er der 690. Inhaber dieses Amts ist, das sich im Verlauf der Geschichte stark verändert hat. Heute ist die Funktion des Bürgermeisters über den Bezirk der City of London weitgehend zeremonieller Natur, ist dieser doch primär der Botschafter für dieses zentrale und wirtschaftlich hochbedeutende Viertel der Stadt London. Hier ver­fügen die weltweit wichtigsten Finanzinstitute über eine Präsenz. Vom Lord Mayor dürften in der jetzigen Situation in jedem Fall keine Aussagen zu erwarten sein, wonach in London wegen des Brexit bald alle Lichter gelöscht würden. Doch seine aufgeräumte Stimmung wirkt nicht gespielt, schliesslich war Charles Bowman bis zu seinem Amtsantritt vor knapp einem Jahr Buchprüfer und nicht Schauspieler.

Harte Brocken in der letzten Verhandlungsnacht

Dennoch ist der Kontrast zu den gängigen Brexit-Berichten frappierend. Der Lord Mayor sieht darin den Einfluss der britischen Medien, die am Drama interessiert seien und stets die Extreme betonen. Auf der einen Seite würden deswegen die Chancen eines zweiten Referendums überzeichnet, auf der andern Seite die Gefahren eines «No deal»-Austritts überhöht. Natürlich bereite man sich auf den Fall vor, dass es wirklich zu keiner Einigung zwischen London und Brüssel käme, meint Bowman. Aber zwischen den beiden Polen gäbe es viele vernünftige, pragmatische und an praktischen Lösungen interessierte Stimmen. Diese sähen den Brexit nicht einfach als Katastrophe, obwohl die City massiv dagegen gestimmt habe. Aber jetzt, da dieser ein Faktum sei, gelte es auch, die Chancen zu sehen, die sich für London eröffnen könnten. Zudem sei auch in der EU die Ansicht stark verbreitet, dass eine Trennung ohne Deal schlecht wäre. Denn die Unsicherheit, das Chaos, das die Folge eines No-Deals wären, könne nicht im Interesse der EU sein. «Deswegen bin ich sicher» sagt er, «dass wir uns mit der EU einigen werden.»

Diese Zuversicht basiert nicht zuletzt auf den bisherigen Erfahrungen mit dem Austrittsprozess. Es sei bisher noch immer gelungen, alle Wegmarken des Verhandlungsplans einzuhalten. Es wäre deswegen erstaunlich, wenn dies nicht auch für die Schlussetappe zutreffen würde, zumal die Verhandlungen weit fortgeschritten seien. Das eigentliche Scheidungsabkommen sei fertig verhandelt, weiss Bowman. Jetzt gehe es um die Gestaltung der künftigen Beziehungen zwischen der EU und Grossbritannien. Auch in diesem Punkt signalisiert er Optimismus: «Zu 80 Prozent ist man sich einig.» Die restlichen 20 Prozent umfassen die wirklich harten Brocken, in diesem Fall insbesondere die Frage der nordirischen Grenze, die künftig zwar eine richtige Grenze sein soll, aber eine, die man nicht spürt. Für solche Knacknüsse sei stets die ­finale Verhandlungsnacht reserviert, in der dann beide Parteien nochmals gewisse Zugeständnisse zu machen hätten. Das werde genau so ablaufen, meint der Lord Mayor.

Mehr Arbeitsplätze als vor dem Brexit-Votum

Der Lord Mayor sitzt auch deswegen nicht in Endzeitstimmung vor einem, weil er weiss, dass bis jetzt der Verlust an Arbeitsplätzen ­wegen Verlagerungen in die EU sehr überschaubar gewesen ist. Er werde ja häufig mitleidsvoll auf die vermeintliche Massenabwanderung nach Frankfurt, Paris oder Amsterdam angesprochen. Doch davon könne keine Rede sein. Im schlimmsten Szenario, das seine Behörde errechnet habe, werde die City 10 000 Jobs verlieren. Aber die Chancen ständen sehr gut, dass wegen des Stellenwachstums in verwandten Branchen überhaupt kein Nettoverlust an Arbeitsplätzen eintrete. Schon zählt die City mehr Arbeitsplätze als vor der Brexit-Abstimmung. Dies zeige, sagt Bowman, dass die City mit Zuversicht in die Zukunft blicken könne.

Wie erklärt er sich diese Robustheit? London verfüge über grundsätzliche Vorteile, meint er, die sich nicht so einfach an an­dere Orte transferieren liessen. Aufgrund der geografischen La­ge, die an einem Arbeitstag eine Kommunikation rund um den Erdball ermögliche, aufgrund der günstigen Steuern, aufgrund der dichten Präsenz internationaler Firmen, aufgrund der grossen Attraktivität der Stadt für talentierte Zuwanderer, aufgrund dieser multikulturellen Arbeitnehmerschaft werde London auch künftig das einzige wirklich globale Finanzzentrum der Welt sein. Daraus ergeben sich für den Lord Mayor zwei zentrale Chancen. Die erste bestehe darin, dass London die Zukunft der Finanzbranche entscheidend prägen werde. Diese befinde sich unter dem Einfluss der Digitalisierung in einer dramatischen Umwälzung, was man sehr summarisch unter dem Begriff Fintech (Finanztechnologie) zusammenfasst. London sei immer ein Zentrum kreativer Aktivitäten gewesen, führend in Blockchain, künstlicher Intelligenz, in nachhaltigem Investieren oder islamischem Banking. Auf dieses Pferd wolle man nach dem Brexit noch entschiedener setzen: London als Innovationszentrum der Finanzbranche.

Britisches Selbstverständnis

Zweitens habe man den Ehrgeiz, die regulatorischen Standards zu setzen, nach denen künftig die globale Finanzindustrie arbeite. Dabei sollen nicht alle Länder identische Gesetze einführen, sondern bei einer Gleichwertigkeit der Resultate einer Gesetzesanwendung diese gegenseitig anerkennen. Darauf basierend würde man sich gegenseitig den Marktzugang gewähren. Äquivalenz heisst hierfür der Fachbegriff, ins Schweizer Politvokabular spätestens eingegangen mit dem Zwist um die europaweite Zulassung der Schweizer Börse.

Um Verbündete für dieses zweite Anliegen zu finden, reiste der Lord Mayor kürzlich für zwei Tage nach Genf, Bern und Zürich. «Grossbritannien und die Schweiz zeichnen sich dadurch aus, dass sie wirtschaftspolitisch von ähnlichen Überzeugungen, von einer vergleichbaren DNA geleitet werden», sagt er. Beide Länder würden sich für offene Volkswirtschaften, Freihandel, globale Märkte und für liberale regulatorische Bestimmungen einsetzen. Sie müssten nach dem Brexit diese Position noch pointierter vertreten, am besten gemeinsam. Das bilde dann auch eine ideale Voraussetzung für eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen den beiden Finanzzentren in der Zukunft.

Als Botschafter der City of London ist der jetzige Lord Mayor eine gute Besetzung. Vielleicht ist sein Optimismus eine Spur zu unangefochten, vielleicht ist er in der Diskussion der Brexit-Schwierigkeiten eine oder zwei Spuren zu zurückhaltend. Seine Überzeugung, dass es zu einem geregelten Austritt Grossbritanniens aus der EU kommt und die City nachher nicht am Ende sein wird, scheint echt. Fassbar wird aber auch das auf einer grossen Geschichte basierende Selbstverständnis eines Landes, das sich immer noch etwas grösser fühlt als es tatsächlich ist. Dieses Selbstbild hat sicher zur Zustimmung zum Brexit beigetragen. Es dürfte jetzt helfen, mit den Folgen dieses Entscheids umzugehen, ohne von Selbstzweifeln und Ängsten zerfressen zu werden. «Keep calm and carry on», lautet das britische Motto auch in diesem Fall.

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