«Wir warteten darauf»

Dass Nizza Schauplatz eines der furchtbarsten Attentate der letzten Zeit wurde, war kein Zufall. Die Stadt ist seit längerem ein Nährboden für den Islamismus.

Stefan Brändle/Nizza
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Das Haus im Quartier des Abattoirs, in dem der Attentäter von Nizza lebte. (Bild: ky/Franz Chavaroche)

Das Haus im Quartier des Abattoirs, in dem der Attentäter von Nizza lebte. (Bild: ky/Franz Chavaroche)

Helles Lachen dringt bis zur Bushaltestelle. Zwei Mädchen amüsieren sich über eine Botschaft, die sie auf ihrem Handy lesen. Die beiden rund 15-Jährigen sitzen auf einer Treppe hier im Quartier Abattoirs. Kleines Detail: Beide tragen einen schwarzen Ganzkörperschleier, der nur ihre hübschen Gesichter offen lässt.

Hier oben, wo die Hügel des Hinterlandes von Nizza beginnen, gehört diese Kleidung bald schon zum Alltag. Ein paar Schritte weiter wohnte Mohammed Lahouaiej-Bouhlel, der an der Strandpromenade von Nizza letzte Woche mit einem Lastwagen 84 Menschen zu Tode fuhr. Die Promenade des Anglais ist hier etwa so weit weg wie der Mond. Dort unten, zwischen Casino Ruhl und Hotel Negresco, wo Paläste und Pailletten prangen, wo sich französisches Savoir-vivre mit italienischer Grandezza mischt – dort zeigen Frauen so viel braungebrannte Haut wie nur möglich.

Geistige Jihadisierung

Oben in der Banlieue-Zone wartet Imam Ahmed Boulaya vor dem Spital Pasteur-2. Er besucht verletzte Attentatsopfer, liest ihnen Passagen aus dem Koran vor. «Der Attentäter respektierte den Islam nicht», sagt er. «Der Islam ist unschuldig.»

Gutgemeinte Worte. Bloss hörten die Jugendlichen nicht mehr darauf, meint die klinische Psychologin Amélie Boukhobza in ihrer Praxis an der Avenue Félix Faure. Die schlanke, hochgewachsene Frau hat die Vereinigung «Entr'autres» gegründet, um gegen die «geistige Jihadisierung» anzukämpfen, wie sie sagt. Der Trend zur islamistischen Radikalisierung habe sich in Nizza seit 2012 stark beschleunigt. Auch wenn der genaue Bezug des Attentäters zu den Islamisten noch ungeklärt sei, ist Boukhobza keineswegs überrascht von dem Anschlag: «Wir warteten geradezu darauf. Es gab schon Messerattacken auf ein jüdisches Gemeindezentrum, und 2014 wurde ein Anschlag auf den Karneval von Nizza in letzter Minute vereitelt.»

In Marseille befehlen Drogenbanden

Doch warum Nizza, diese scheinbar reiche Stadt mit dem mediterranen Flair? Die Psychologin holt Atem und erzählt. In Marseille, der ärmeren und chaotischen Hafenstadt am anderen Ende der Côte d'Azur, seien die Nordquartiere noch berüchtigter. Dort verhinderten aber die Drogenbanden, dass sich die Salafisten breit machten. Im bürgerlichen Nizza habe die starke Polizei den Drogenhandel wirksam bekämpft. Nicht aber die Islamisten. Um die Jahrtausendwende seien viele Vertreter algerischer Islamistengruppen wie FIS oder GIA nach Nizza übersiedelt, einige auch jenseits der Grenze in Italien, um der französischen Polizei zu entgehen. Der bekannteste ist Omar Omsen, ein charismatischer Senegalese, früher für Mord verurteilt. Er habe hier gewohnt und in Nizza Dutzende von Jugendlichen zur Abreise nach Syrien oder Irak überredet. Seitdem er selber in Syrien sei, hätten andere Hassprediger seinen Platz eingenommen.

Gestörter Schulunterricht

«Sie agieren vor Moscheen, Sportclubs und Mittelschulen, und ihr Einfluss nimmt zu», erzählt Boukhobza. «Während des Ramadans wurde hier eine moslemische Kellnerin von Gästen geohrfeigt, weil sie Alkohol servierte. Viele Lehrer berichten uns, dass sie seit zwei, drei Jahren keinen normalen Unterricht mehr halten können. Im Musikunterricht wollten die Schüler keine Musik hören, im Zeichenunterricht keine nackten Figuren zeichnen. In der Biologie weigern sie sich, über Darwins Theorien zu sprechen, und im Fach Geschichte unterbrechen sie den Lehrer mit dem Hinweis, nein, der Islam sei die erste Weltreligion gewesen.»

Ältere Jugendliche würden zudem im Gefühl von Diskriminierung und Erniedrigung bestärkt und zur Rache angehalten, meint Boukhobza. «Dieser Opferdiskurs ist der Nährboden des Terrorismus. Es ist eine politische Ideologie mit einem religiösen Einschlag, die individuelle Motive von fragilen, gewaltbereiten Jugendlichen benützt.» Die Psychologin betont, der Antrieb sei politisch. «Das sind keine Psychopathen, die ihre suizidären Neigungen übertragen.» Von Vergleichen etwa mit dem Co-Piloten der Germanwings-Maschine, der andere Leute mit sich in den Tod riss, hält die Expertin nichts. «Diese Terroristen handeln politisch.»

Auch, wenn sie willentlich Kinder überfahren, wie nun in Nizza geschehen? «Durchaus», bekräftigt die Psychologin. «Sie sind überzeugt, für das Gute zu handeln, gegen die Korruption des Westens, gegen die Ungläubigen und persönlich für einen Platz im Paradies.»

Rock tragen ist tabu

Boukhobzas Verein leistet mühsame Feldarbeit in Schulen, Sozialdiensten und Polizeiwachen, um sie über diese Zusammenhänge aufzuklären. Eine bitternötige Mission hier an der Hügelflanke, wo entlang der gesamten Buslinie 6 kein einziger Polizist zu sehen ist. Während an der Strandpromenade das Militär patrouilliert, ist sogar das ehemalige Wohnhaus des Attentäters unbewacht.

Das ärgert auch eine junge Frau, die allein an der Haltestelle Vauban wartet. Wegen der Terrorgefahr nehme sie den Bus nur noch in Notfällen, meint die Senegalesin, die mit einem ärmellosen T-Shirt und zerrissenen Jeans gekleidet ist. Offenherzig schimpft sie über die «sogenannten Jihadisten», die ihrer Religion so viel Leid zufügten. Ob sie es wagen würde, in dem hiesigen Viertel einen Rock zu tragen? Darauf gibt die Frau keine Antwort mehr, denn jetzt kommen ein paar männliche Passanten an die Haltestelle.