«Wir waren völlig unvorbereitet»

Als einziger hielt der israelische Panzergrenadier Zvika Greengold zu Beginn des Jom-Kippur-Krieges während 30 Stunden ununterbrochen die Stellung auf den Golanhöhen.

Susanne Knaul
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Zvika Greengold Träger der höchsten israelischen Tapferkeitsmedaille (Bild: pd)

Zvika Greengold Träger der höchsten israelischen Tapferkeitsmedaille (Bild: pd)

Herr Greengold, in diesen Tagen jährt sich der Jom-Kippur-Krieg zum 40. Mal. Wie ist das für Sie?

Zvika Greengold: Es wird immer schwerer. Ich sitze in Veranstaltungen und Konferenzen und Interviews. Um ehrlich zu sein: Es steht mir bis zum Hals.

Interviews zu geben oder sich mit dem Thema befassen zu müssen?

Greengold: Das Thema. Kriege. Ständig laufen im Fernsehen diese Filme mit Panzern und Soldaten. Das kann einem die Laune verderben.

Wir müssen trotzdem drüber reden. Wie war das mit der «Truppe Zvika»?

Greengold: Der Überraschungsangriff führte dazu, dass die Brigade 188, die im Nordsektor stationiert war, in den ersten Tagen allein drei syrischen Divisionen gegenüberstand. Ich hatte meine Brigade ein paar Tage vorher verlassen und sollte nach den Feiertagen in eine neue Einheit kommen. Trotzdem bin ich sofort los und meldete mich. Ein Kommandant wies mir ein paar Leute und zwei Panzer zu, die erst gesäubert und repariert werden mussten. Die Gefallenen waren noch in den Panzern.

Sie hatten zwei Panzer, die drei Divisionen gegenüberstanden?

Greengold: Nicht ganz. So funktioniert das nicht. Da waren noch andere, es kam ja immer wieder Nachschub, aber es wurden auch immer wieder Panzer abgeschossen. Wir waren völlig unvorbereitet auf die syrische Armee. Im Sechstagekrieg 1967 war die Armee sehr schwach. Die Syrer sassen dort an der Grenze, von dort aus konnten sie ab und zu die Kibbuzim beschiessen, mehr aber nicht. Dann kamen die Russen, die haben den Syrern eine brandneue Armee aufgebaut für umsonst. Sie lieferten eine Artillerie, die in der Lage war, schnell vorzupreschen, Anti-Panzer-Geschütze, eine Marine und eine komplette Luftwaffe mit Luftabwehrgeschützen, die sehr erfolgreich waren.

Glauben Sie, dass der Krieg anders ausgegangen wäre, wenn die Syrer Centurions gehabt hätten oder M-60?

Greengold: Völlig anders. Den Syrern mangelte es ausserdem an der Moral. Sie waren keine guten Soldaten, nicht aus professioneller Sicht als Panzerbrigadiere, noch hinsichtlich ihrer Motivation. Das war unser Glück.

Auf israelischer Seite gab es keinen Motivationsmangel?

Greengold: Wir wussten, dass der Staat Israel auf dem Spiel stand. Jeder einzelne dort an der Front war ein Held. Jeder stand hinter seinem Felsen und kämpfte, bis er fiel. Verlieren war keine Option.

Was bedeutete es für Sie, mit der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet zu werden?

Greengold: Als ich hörte, dass ich Kandidat für einen Orden bin, dachte ich zuerst: Wieso das? Es waren so viele Menschen gestorben und wir sassen noch immer in einem Armeelager auf dem Golan. Es muss Dezember 1973 gewesen sein. Wir waren verängstigt, verunsichert und traurig. Für uns war der Krieg noch nicht vorbei. Es gibt Leute, für die ist der Krieg bis heute nicht vorbei. Was sollte ich mit einer Auszeichnung anfangen? Das passte überhaupt nicht. Aber meine Freunde sagten, dass ich die Auszeichnung stellvertretend für alle bekam und deshalb annehmen sollte.

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