«Wir haben Vertrauen eingebüsst»

Die britische Labour-Party formiert sich neu: Ed Miliband ist neuer Parteichef und damit Oppositionsführer geworden. Mit Hilfe der Gewerkschaften hat er seinen älteren Bruder David knapp geschlagen.

Sebastian Borger
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Die konkurrierenden Brüder: Am Ende lag Ed Miliband vorn (rechts) vor seinem Bruder David. (Bild: ap/Tim Hales)

Die konkurrierenden Brüder: Am Ende lag Ed Miliband vorn (rechts) vor seinem Bruder David. (Bild: ap/Tim Hales)

london. Nach seiner Wahl mit hauchdünnem Vorsprung hat der neue Vorsitzende der britischen Labour-Party, Ed Miliband, zu innerparteilicher Geschlossenheit aufgerufen. Unter seiner Führung würden die Sozialdemokraten «verantwortliche Oppositionspolitik betreiben und nicht grundsätzlich alle Regierungsvorlagen ablehnen», sagte der 40-Jährige gestern in Manchester.

Mit der Bildung seines Schattenkabinetts will der neue Oppositionsführer warten, bis die Unterhaus-Fraktion kommende Woche dessen Mitglieder bestimmt hat.

Gewerkschaften entscheidend

Am Ende eines komplizierten Auswahlverfahrens durch Fraktion, Partei-Mitglieder und so genannte Assoziierte, vor allem Gewerkschafter, hatte der frühere Energie-Minister Miliband am Samstag mit 50,65 Prozent knapp die Nase vorn vor seinem älteren Bruder David.

Der Ex-Aussenminister lag bei den Erst-Präferenzen vorn; selbst in der letzten Runde, als die Stimmen der anderen drei Konkurrenten unter die Milibands verteilt worden waren, genoss David mehr Unterstützung in Fraktion und Partei. Für Ed gaben die Gewerkschaften den Ausschlag.

Aus Sicht des neuen konservativen Premiers David Cameron und seiner Partei hat damit der angenehmere Miliband-Bruder das Rennen gemacht.

Der frühere enge Mitarbeiter von Ex-Premier Gordon Brown hatte sich in den letzten Monaten von den 13 Labour-Regierungsjahren distanziert und sich als Kandidat der gemässigten Partei-Linken etabliert. In seiner Dankesrede sprach Miliband all jene Themen an, mit denen er bei den überwiegend linken Aktivisten von Partei und Gewerkschaften Punkte gemacht hatte: New Labour habe zu lang die Sorgen der kleinen Leute ignoriert, sich nicht um den Billiglohn-Sektor, die Einwanderung sowie den sozialen Wohnungsbau gekümmert.

«Ich weiss, dass wir Vertrauen und Bürgernähe eingebüsst haben.» In Zukunft werde Labour wieder mehr für soziale Gerechtigkeit eintreten.

Schwierige Einigung

Eines der wichtigsten Themen für den neuen Parteichef wird sein, seinen älteren Bruder David und dessen Anhänger in die Oppositionspolitik einzubeziehen. David Miliband war in den letzten Jahren zweimal davor zurückgeschreckt, den glücklosen Premier Brown herauszufordern.

Im Herbst lehnte er mit Blick auf dessen Nachfolge die Möglichkeit ab, der erste EU-Aussenminister zu werden. Jetzt steht der 45-Jährige vor den Trümmern seiner Karriere-Planung. Im Kongress-Saal von Manchester kämpfte der Kandidat des Partei-Establishments mit den Tränen, als Ed ihm für seine «Stärke und Grosszügigkeit» dankte und ihm zurief: «David, ich liebe Dich als Bruder über alles.»

Trotz Aufstachelungsversuchen der Medien haben sich die insgesamt fünf Kandidaten in den vergangenen Monaten einen insgesamt fairen Wahlkampf geliefert. Aufregung bewirkte David Milibands Appell, die Partei müsse «aus der gemütlichen Ecke» kommen – eindeutig eine versteckte Kritik am Bruder und dessen Gewerkschafts-Nähe. Trotz ihrer weitgehenden Zähmung durch die frühere Regierungschefin Margaret Thatcher gelten die Arbeitnehmer-Vertreter auf der Insel noch immer als unversöhnliche Klassenkämpfer.

Der ältere Miliband unterliess deshalb jede Anbiederung – eine taktische Entscheidung, die der Niederlage den Weg bereitete. Der Sieger versuchte gestern, seine Eigenständigkeit zu betonen. «Ich bin mein eigener Herr», sagte Ed Miliband der BBC.

Neues Schattenkabinett

Im Schattenkabinett will der neue Chef «alle Talente versammeln». Bruder David erhalte bei der Postenvergabe «freie Wahl», sagte ein Vertrauter des Parteivorsitzenden dieser Zeitung.

Allgemein wird damit gerechnet, dass David sich weiter um Aussenpolitik kümmert. Mitbewerber Ed Balls könnte die Zuständigkeit für die Innenpolitik erhalten, dessen Frau Yvette Cooper wird als Schatten-Finanzministerin gehandelt.