«Wir haben hier kein Leben»

EU-Kommissar Barrot inspiziert Flüchtlingsauffanglager auf Malta. Laut der UNO und Menschenrechtlern herrschen dort menschenunwürdige Bedingungen.

Ralph Schulze
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Valetta. «Freiheit, Freiheit», riefen die afrikanischen Flüchtlinge, als EU-Innenkommissar Jacques Barrot zur Inspektion in das Auffanglager auf den Inselstaat Malta kam. Ein mit hohem Zaun und Stacheldraht umzäuntes Areal, das einem Straflager gleicht und in dem manche Afrikaner bereits jahrelang festgehalten werden.

«Bitte, helfen Sie uns», stand auf einem Transparent, mit dem die Illegalen den EU-Kommissar empfingen. «Wir haben kein Leben auf Malta. Nicht einmal ein Dach über dem Kopf.»

Die Flüchtlingssituation in dem Zwerg-Inselstaat Malta, das kleinste EU-Mitglied, gilt als so explosiv wie sonst nirgendwo in der EU.

«Erschreckende Zustände»

Menschenrechtler und auch die UNO beklagen unhaltbare und «erschreckende» Zustände. Die Organisation «Ärzte ohne Grenzen» stellte aus Protest ihre medizinische Hilfe in dem Lager ein. Menschenunwürdige und hygienisch mangelhafte Bedingungen, Überbelegung und unzureichende Versorgung führten dazu, dass sich der gesundheitliche Zustand der Flüchtlinge durch den Lageraufenthalt verschlechtere. «Das ist frustrierend», sagen die Ärzte der Hilfsorganisation und sei «nicht akzeptabel». Auch Barrot, der Stunden zuvor bereits das ebenfalls überfüllte Flüchtlingszentrum auf der italienischen Insel Lampedusa unter die Lupe genommen hatte, forderte, dass die Zustände auf Malta dringend verbessert werden müssten. Er brachte das Versprechen mit, dass die EU dafür weitere Subventionen bereitstellen werde. Brüssel unterstützt schon seit längerem die Überwachung der EU-Aussengrenzen und die Unterhaltung der Auffang- und Abschiebelager in den Grenzstaaten mit millionenschweren Zahlungen.

Auch müsse die Zusammenarbeit der EU mit jenen nordafrikanischen Staaten ausgebaut werden, von deren Küsten die Bootsflüchtlinge Kurs auf Europa nehmen. Vor allem Libyen, wo mehr als eine Million Schwarzafrikaner auf eine Chance zur Flucht übers Mittelmeer warten sollen, sei bisher nicht sehr kooperationsbereit. Aber auch die Zusammenarbeit mit Tunesien, Algerien und Marokko müsse ausgebaut werden.

EU-Hilfe für die afrikanischen Länder solle künftig noch stärker an die Kooperationsbereitschaft im Kampf gegen die illegale Einwanderung gekoppelt werden. Unter Maltas 400 000 Einwohnern wächst derweil die Angst vor einer «Invasion» durch afrikanische Flüchtlinge. Im vergangenen Jahr kamen mit 2775 illegalen Afrikanern, davon über die Hälfte aus dem Bürgerkriegsland Somalia, so viele Flüchtlinge auf die kleine Insel wie noch nie.

Und alles deutet darauf hin, dass es in 2009 noch mehr werden. Allein in den ersten zwei Monaten des Jahres strandeten schon wieder 750 Illegale in dem Kleinstaat. Gemessen an der Zahl der Einwohner ist der Druck der illegalen Einwanderung auf Malta um ein Vielfaches höher als etwa in Italien oder Spanien.

Rassistische Haltung wächst

Die Malteser fühlen sich dabei von der EU alleingelassen. Fremdenfeindliche und antieuropäische Parolen vergiften zunehmend das Zusammenleben. EU-Kommissar Barrot war entsprechend besorgt über die wachsende «rassistische Haltung» auf der Mittelmeerinsel, berichteten italienische Medien. «Malta kann nicht noch mehr Migranten aufnehmen», warnte Barrot. Er hoffe, dass andere europäische Länder dem Beispiel der französischen Regierung folgen werden, die sich bereit erklärte, 80 afrikanische Flüchtlinge von Malta nach Frankreich zu überführen.

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