Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Wir haben alles verloren»

Die meisten syrischen Flüchtlinge in der Türkei fordern den Sturz des Regimes. Einige wollen jedoch zurück nach Aleppo, wo man um die Wiederherstellung von fragwürdiger Normalität bemüht ist.
Michael Wrase/Atmeh

«Bringen Sie Merkels Milliarden», sagt Hassan Khaled zur Begrüssung und zeigt auf den schäbigen Rohbau, in dem seine elfköpfige Familie seit drei Jahren auf die Rückkehr nach Syrien wartet. Wir sind in den Aussenbezirken von Reyhanli, der letzten grösseren türkischen Stadt vor der Grenze zu Syrien. Entlang der Ausfallstrassen wurden vor dem Beginn des Bürgerkrieges Hunderte von kleinen Ladengeschäften sowie Autowerkstätten für den Transitverkehr geöffnet. Das erwartete «grosse Geschäft» blieb jedoch aus. Die Shops verwaisten, bis Flüchtlinge wie Hassan einzogen, es sich auf «feuchten 18 Quadratmetern gemütlich machten», wie der aus Homs vertriebene Familienvater sarkastisch bemerkt.

Kettenrauchender Lehrer

Der vom kräftezehrenden Ausharren in der Fremde gezeichnete Syrer war Lehrer. In Reyhanli verbringt er den Tag meist vor dem Fernseher, verfolgt kettenrauchend die Nachrichten über die ständigen Brüche des Waffenstillstandes sowie fortgesetzte Offensiven der Assad-Armee. Das ist zumindest der Eindruck, den Orient TV vermittelt. Der syrische Oppositionssender berichtet an diesem Tag auch über den «Wiederbeginn der Freitagsdemonstrationen», mit denen die Intifada des syrischen Volkes vor fast genau fünf Jahren begonnen hatte. Die Bilder von friedlich für den Regimewechsel in Damaskus demonstrierenden Syrern bringen die Augen der Heimatvertriebenen zum Leuchten. «Dass solche Proteste jetzt wieder stattfinden, ist ein Fortschritt», freut sich Abdullah, der bis zu seiner Flucht vor vier Jahren Panzerfahrer in der syrischen Armee war. «Schauen Sie genau hin», ruft er euphorisch, «unsere Revolution geht weiter. Niemand kann sich ein Leben unter Assad vorstellen.» «Der Schlächter muss weg», betont auch Hassan mit geballter Faust.

Keine Kompromisse mit Assad

Den Einwand, dass Assad mit russisch-iranischer Rückendeckung womöglich nicht mehr zu besiegen ist, lassen die Heimatvertriebenen nicht gelten. «Wir können notfalls auch noch zehn Jahre warten. Schliesslich haben wir alles verloren», stellen die Flüchtlinge in Reyhanli klar. Kompromisse mit dem Assad-Regime sind für sie unvorstellbar. Dass bei den Genfer Friedensgesprächen ein Ausgleich zwischen Regime und Opposition angestrebt wird, ist für Abdullah «Verrat und Kapitulation».

So wie an den Ausfallstrassen von Reyhanli verlaufen die meisten Gespräche mit syrischen Flüchtlingen. Der Berichterstatter ist rasch von ihnen umringt. Ein Wortführer gibt die politische Richtung vor. Zwischentöne, die von der vorgegebenen Meinung abweichen, hört man daher nur selten. Es braucht viel Geduld, bis Flüchtlinge bereit sind, eigene Gedanken preiszugeben. Bereits die Aussage: «Wir müssen irgendwann auch über eine Rückkehr nach Syrien nachdenken», löst in grosser Runde einen Sturm der Entrüstung aus.

«Ausgerechnet nach Aleppo»

Von Reyhanli geht die Reise an diesem Nachmittag weiter nach Bukulmez. Das türkische Dorf liegt nur 300 Meter vom Flüchtlingslager Atmeh entfernt, das sich grösstenteils auf syrischem Territorium befindet. Nur wenige Zelte durften auf türkischem Gebiet errichtet werden. Es sind Behelfsunterkünfte für Syrer, die entweder weiter nach Norden oder, wie Harun und Latif, mit ihren Familien zurück nach Syrien wollen. «Nach Aleppo», wie sie uns etwas schüchtern verraten.

Ausgerechnet nach Aleppo? In eine von Assads Truppen belagerte Grossstadt? Tatsächlich werde nur der von der Opposition kontrollierte «kleinere Teil von Aleppo» von Regierungstruppen bedroht, erklärt Dschamila, Haruns Frau. «Im grösseren Teil» der ehemaligen syrischen Wirtschaftsmetropole sei ein «halbwegs normales Leben» inzwischen wieder möglich. Deshalb würden dort auch weit mehr als eine Million Menschen leben. «Glauben Sie etwa allen Ernstes, dass in der Türkei paradiesische Zustände herrschen?», sagt Dschamila. «Wir können nicht ewig auf Assads Sturz warten», sagt die junge Frau und sieht dabei ihren Ehemann herausfordernd an. Der schweigt. Es sieht so aus, als wäre es ihm peinlich, dass seine Partnerin nicht auf dem Sturz des Regimes besteht. «Mit sechs kleinen Kindern kommen wir nicht bis nach Deutschland», führt die Syrerin ein weiteres Argument für die Rückkehr nach Aleppo an.

Einen Tag später berichtet der oppositionsnahe Fernsehsender Al Arabija über die Wiederherstellung der Wasserversorgung in Aleppo. Von den Rebellen zerstörte Pumpstationen seien repariert worden. Auch die Stromversorgung soll langsam wieder zu funktionieren beginnen. Während in vielen Teilen des Landes der Waffenstillstand von der Assad-Armee gebrochen wird, bemüht sich das Regime in Aleppo um die Wiederherstellung von fragwürdiger Normalität.

Unbedingt nach Deutschland

«Das ist auch eine politische Botschaft an die Türken, an Herrn Erdogan», sagt Vehbi, ein aus Damaskus geflohener syrischer Internist, dem wir in Antakya, der Hauptstadt der türkischen Grenzprovinz Hatay, begegneten. «Mit der Übernahme von Aleppo könnte Assad den Krieg zumindest militärisch gewinnen», glaubt der Mediziner, der als Christ das Regime als «das kleinere Übel» betrachtet, dennoch aber «unbedingt nach Deutschland» weiter will. «Als Christ habe ich bei euch doch die besseren Chancen», schaut er uns fragend an und lächelt.

Ein Hirt und seine Schafe: Alltag an der türkisch-syrischen Grenze. (Bild: Michael Wrase)

Ein Hirt und seine Schafe: Alltag an der türkisch-syrischen Grenze. (Bild: Michael Wrase)

Ungewisse Zukunft: Eine syrische Flüchtlingsfamilie in der türkischen Grenzstadt Reyhanli. (Bild: ap/Emrah Gurel)

Ungewisse Zukunft: Eine syrische Flüchtlingsfamilie in der türkischen Grenzstadt Reyhanli. (Bild: ap/Emrah Gurel)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.