«Willkommen im Club der Verfolgten»

Wikileaks-Gründer Julian Assange fürchtet die Auslieferung in die USA. Deshalb sucht er nun Zuflucht bei Ecuadors Präsident Correa, einem scharfen Kritiker der USA.

Sebastian Borger
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Julian Assange (Bild: ap)

Julian Assange (Bild: ap)

LONDON. Nach monatelangem juristischem Tauziehen gibt es jetzt auch diplomatischen Streit um Julian Assange. Kurz vor seiner Auslieferung nach Schweden, wo ihm Sexualdelikte zur Last gelegt werden, hat der Wikileaks-Gründer in der Londoner Botschaft von Ecuador Zuflucht gesucht und Asyl in dem südamerikanischen Land beantragt. Als Unterzeichner der UNO-Menschenrechtskonvention werde sein Land «den Antrag prüfen und analysieren», sagte Aussenminister Ricardo Patino. Scotland Yard konstatierte am Mittwoch eine Verletzung von Assanges Auflagen und kündigte dessen neuerliche Verhaftung an. Den prominenten Unterstützern des Internet-Aktivisten droht der Verlust von umgerechnet rund 360 000 Franken Kaution.

Wie zwei Freunde

Ecuadors Präsident Rafael Correa zählt auf seinem Kontinent zu den schärfsten Kritikern der USA. Hohe Offizielle liessen ihre Sympathien durchblicken, als Wikileaks im November 2010 Hunderttausende geheimer US-Dokumente im Internet veröffentlichte. Letztes Jahr wurde die US-Botschafterin aus Quito auf der Grundlage eines solchen Dokuments ausgewiesen, weil sie an Correas Regierung Kritik geäussert hatte. Im April trat Correa in Assanges Talkshow auf dem russischen TV-Sender «Russia Today» auf. Die beiden schienen sich glänzend zu verstehen. «Willkommen im Club der Verfolgten», rief der Präsident seinem damaligen Gastgeber zu.

Nun sind die Rollen vorläufig vertauscht. Der neue Wohnsitz von Assange liegt im Londoner Stadtteil Knightsbridge, gleich hinter dem Warenhaus Harrods. Die letzten 18 Monate hatte er auf dem Landsitz eines Freundes in Ost-England verbracht. Dort musste er seinen Gerichtsauflagen zufolge stets die Nacht zwischen 22 Uhr und 8 Uhr verbringen und sich regelmässig auf der örtlichen Polizeistation melden.

Weil er diese Bedingungen nun nicht mehr erfüllt, wäre neuerliche Auslieferungshaft die Folge. Allerdings hat die Londoner Kriminalpolizei keinen Zugang zur Botschaft, bei der es sich um exterritoriales Gelände handelt.

Keine Anklageschrift

Anscheinend beabsichtigt Assange mit dem jüngsten Manöver, auf die fragwürdige Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens gegen ihn hinzuweisen. Schwedens Justiz wirft ihm sexuelle Nötigung sowie einen Fall von «minderschwerer Vergewaltigung» vor. Die angeblichen Delikte an zwei Ex-Sympathisantinnen geschahen während seines Aufenthalts in Stockholm im Sommer 2010. In seiner unautorisierten Autobiographie beschrieb der selbsternannte Vorkämpfer für die Datenfreiheit die Begegnungen als konsensualen Sex: «Ich habe diese Frauen nicht vergewaltigt.» Schweden hat keine Anklageschrift vorgelegt, sondern mittels des EU-Haftbefehls Assanges Auslieferung verlangt.

Handlanger der USA?

Aus Assanges Umfeld heisst es, Schweden agiere nur als Strohmann für die US-Strafverfolgungsbehörden, die seit mehr als einem Jahr an einer Anklage gegen ihn arbeiten. Womöglich will Assange auf dem Umweg über Ecuador von Stockholm eine Garantie erzwingen, dass er in Schweden nur wegen der angeblichen Sexualdelikte zur Rechenschaft gezogen und anschliessend auf freien Fuss gesetzt wird.

Die Wikileaks-Depeschen gehen mutmasslich auf den US-Gefreiten Bradley Manning zurück, der im September vor Gericht gestellt werden soll. Die US-Justiz verdächtigt Assange, er habe den jungen Soldaten zum Kopieren der 250 000 diplomatischen Akten angestiftet.

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