«Willen braucht man – und Zigaretten»

Der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt ist 96jährig gestorben. Bis zuletzt kommentierte der starke Raucher das Weltgeschehen. Seine Kanzlerschaft war geprägt durch den Terror der linksextremen RAF. Einen im Jahr 1975 begangenen Fehler wiederholte er 1977 nicht.

Christoph Reichmuth
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Auch im Zigarettennebel behielt der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt stets den Überblick und war nie um eine scharfzüngige Analyse verlegen. (Bild: epa/Jozef Kudica)

Auch im Zigarettennebel behielt der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt stets den Überblick und war nie um eine scharfzüngige Analyse verlegen. (Bild: epa/Jozef Kudica)

Helmut Schmidt starb gestern in seinem Haus in Hamburg. Der ehemalige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland (1974 bis 1982) hatte zuletzt wegen eines Infekts hohes Fieber. Schmidts Popularität war gigantisch. 2008 wählten ihn die Deutschen zum «coolsten Kerl Deutschlands», 2013 hievte ihn eine Mehrheit auf den ersten Rang bei der Frage nach den bedeutendsten Bundeskanzlern der Geschichte – noch vor Konrad Adenauer, «Einheitskanzler» Helmut Kohl oder dem ersten SPD-Kanzler Willy Brandt.

Beliebt wurde er erst später

Diese Beliebtheit wurde dem 1946 der SPD beigetretenen Ökonomen erst Jahre nach seinem Abgang von der politischen Bühne zuteil. Während seiner Kanzlerschaft und in seiner politischen Tätigkeit zuvor – Schmidt führte die SPD-Bundestagsfraktion und war in der Regierung Willy Brandts Verteidigungs- und Wirtschaftsminister – galt Schmidt eher als arrogant und intellektuell abgehoben. Erst Jahrzehnte nach seiner Kanzlerschaft wurde Schmidt zur Ikone. Eingeladen in Talkshows und zu Diskussionsabenden, analysierte der Mitherausgeber der «Zeit» messerscharf und provokativ das Weltgeschehen. Die multikulturelle Gesellschaft bezeichnete er als «eine Illusion von Intellektuellen», den Atomausstieg als ebenso falsch wie den Umgang des Westens mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine-Krise. Auch in seiner Partei hatte Schmidts Wort bis zuletzt grosses Gewicht. So machte er sich 2012 für eine Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück stark. Der passionierte Zigarettenraucher liess sich bei öffentlichen Auftritten selbst von strikten Rauchverboten nicht von seiner Leidenschaft abbringen. «Willen braucht man – und Zigaretten», sinnierte der scharfzüngige Altkanzler vor einigen Jahren.

Standhaft im «Deutschen Herbst»

Geprägt war Schmidts Kanzlerschaft durch die Ölkrise, die Vorbereitung auf ein europäisches Währungssystem und den Nato-Doppelbeschluss. Vor allem aber fiel in die Regierungszeit des Hamburgers der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF). Die linksextreme RAF hatte 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt, zeitgleich wurde durch die palästinensische Terrorgruppe «Volksfront zur Befreiung Palästinas» die Lufthansa-Maschine «Landshut» gekidnappt. Mit der Entführung des Flugzeuges und des Arbeitgeberpräsidenten, der wegen seiner SS-Vergangenheit ins Visier der Linksterroristen geraten war, sollten mehrere Mitglieder der ersten Generation der RAF freigepresst werden. Die Regierung Schmidt ging auf die Forderung nicht ein. Die «Landshut» wurde erfolgreich und ohne zivile Opfer befreit, Schleyer ermordet. «Alles, was wir im Falle Schleyer getan haben, war unvermeidlich richtig. Es gibt im Laufe des Lebens Stationen, in denen man sich zwischen zwei unerträglichen Übeln entscheiden muss», sagte Schmidt 2013. Die Witwe Schleyers machte Schmidt für den Tod ihres Mannes verantwortlich. Doch der Politiker wollte den Fehler von 1975 nicht wiederholen. Damals war der CDU-Politiker Peter Lorenz von der «Bewegung 2. Juni» entführt worden. Schmidt schloss sich der Bewertung seines Krisenstabes an. Die Regierung ging auf die Forderung nach Freilassung von Gesinnungsgenossen im Tausch mit der Geisel ein. Einige der Freigelassenen waren später an der Ermordung politischer Gegner beteiligt. Schmidt selbst hat dieses Vorgehen im Nachhinein als kapitalen Fehler bezeichnet. 1982 wurde Schmidt nach einem Streit mit dem Koalitionspartner FDP durch ein Misstrauensvotum abgesetzt, es begann die Ära von CDU-Kanzler Helmut Kohl. Schmidt schied 1986 aus dem Bundestag aus.

Von 1942 bis zu ihrem Tod war Schmidt 68 Jahre lang mit Hannelore Glaser, genannt «Loki», verheiratet. 2012 gab Schmidt bekannt, dass er eine neue Lebensgefährtin habe, seine ehemalige Mitarbeiterin Ruth Loah. «Sie hat mich wieder zu einem normalen Menschen gemacht», sagte Schmidt.

«Geachtet, aber nicht geliebt»

Der renommierte «Spiegel»-Autor und Mitgründer der Berliner «Tageszeitung», Michael Sontheimer, lernte den Altkanzler während seiner Zeit als Redaktor bei der «Zeit» in den 1980er-Jahren kennen. Seine Bedeutung als Kanzler werde überschätzt, resümiert Sontheimer. «Die grossen Kanzler waren Adenauer, Brandt, Kohl und jetzt Merkel, sicher nicht Helmut Schmidt.» Wenn die Westdeutschen nach dem Krieg einen Kanzler geliebt haben, dann war dies Willy Brandt, der das Utopisch-Idealistische in die Politik eingebracht hatte, so der Historiker. «Schmidt war ein geachteter, aber nicht geliebter Kanzler. «Er war der Krisenmanager, der anti-ideologische Macher und Pragmatiker, der in Extremsituationen die Nerven behielt. Damit war er Angela Merkel sogar sehr ähnlich.» Dass Schmidt heute populärer sei als Kohl, liege nicht zuletzt an seinen intellektuellen Fähigkeiten und seiner menschlichen Art.

Rückschläge und Wirbel um seine Person haben den Schmidt nicht aus dem Tritt gebracht. «Mir hat im Leben eigentlich immer die Gelassenheit geholfen», sagte er vor wenigen Jahren. «Ich glaube nicht an den Gott, ich glaube nicht ans Nirwana, ich glaube an die Ratio. Und ich glaube an das Gewissen des einzelnen Menschen.» Das Wichtigste im Leben sei, dass er sich niemals Vorwürfe zu machen brauche «wegen eines unanständigen Verhaltens», sagte Schmidt. Er spüre das Alter, vergesse schneller, höre nicht mehr gut. «Aber», schloss der Altkanzler und griff zur Zigarettenschachtel: «Die Zigarette schmeckt mir noch immer.»

Der amerikanische Präsident Jimmy Carter und Helmut Schmidt im Jahr 1978. (Bild: ap)

Der amerikanische Präsident Jimmy Carter und Helmut Schmidt im Jahr 1978. (Bild: ap)

Mit «Loki» war Helmut Schmidt 68 Jahre verheiratet. (Bild: dapd/Roland Magunia)

Mit «Loki» war Helmut Schmidt 68 Jahre verheiratet. (Bild: dapd/Roland Magunia)