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Ukraine steht nach vorgetäuschtem Journalistenmord in der Kritik

Die Ukraine sieht sich nach dem vorgetäuschten Mord an dem kremlkritischen russischen Journalisten Arkadi Babtschenko heftiger Kritik ausgesetzt. Journalistenverbände zeigten sich empört über die Irreführung.
Stefan Scholl, Moskau
Schriftsteller Arkasy Babtschenko (Mitte) und Ukraine-Präsident Petro Poroschenko (links) in Kiew. (Bild: Mykola Lazarenko/EPA (29. Mai 2018))

Schriftsteller Arkasy Babtschenko (Mitte) und Ukraine-Präsident Petro Poroschenko (links) in Kiew. (Bild: Mykola Lazarenko/EPA (29. Mai 2018))

Man lauerte ihm im Treppenhaus auf, schoss ihm dreimal in den Rücken. Unklar war, ob er vor seinem Tod im Notarztwagen noch einmal zu Bewusstsein kam. Am Dienstagabend wurde in Kiew ein Mordanschlag auf den russischen Schriftsteller, Kriegsberichterstatter und Blogger Arkadi Babtschenko verübt. So schien es zumindest.

Einen Tag später trat das vermeintliche Opfer auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Staatssicherheitsdiensts SBU auf. Dabei stellte sich heraus, dass das Attentat vom ukrainischen Geheimdienst inszeniert worden war. «Soweit ich weiss, wurde diese Operation zwei Monate vorbereitet», sagte Babtschenko. «Mich informierte man vor einem Monat.» Wie SBU-Chef Wasili Grizak mitteilte, habe der russische Geheimdienst einen ukrainischen Donbass-Veteranen angeworben, um Babtschenko für 30000 Dollar zu ermorden, insgesamt sollten etwa 30 Menschen umgebracht werden. Babtschenko selbst erklärte, die Ermittler hätten ihm ein beschlagnahmtes Passfoto und andere amtliche Dokumente gezeigt, die allein in seinem Moskauer Passamt existierten. «Diese Informationen konnten nur von russischen Staatsorganen beschafft werden.»

Ukrainischer Präsident bedankte sich persönlich

Babtschenko entschuldigte sich bei seiner Frau und seinen Kollegen. Seine «Wiederaufstehung» hat heftige internationale Debatten ausgelöst. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete sie gestern als «zumindest sonderbar». Das sei ein Spektakel, um neue Stereotype über das angeblich aggressive Wesen Russlands aufzubauen, sagte der russische Senator Franz Klinzewitsch.

Aber auch Christoph Deloire, Generalsekretär der «Reporter ohne Grenzen», beschwerte sich: Es sei immer gefährlich, wenn ein Staat mit den Fakten spiele, «erst recht auf Kosten von Journalisten». Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko jedoch bedankte sich persönlich bei Babtschenko und erklärte, der Anschlag sei von Russland aus organisiert worden, um «einen zu töten, den Russland am meisten von allen fürchtet». Allerdings herrscht in der Ukraine Ungewissheit über die Identität der Hintermänner und ihre Kontakte nach Russland, auch wird heftig über den Sinn der fingierten Erschiessung gestritten. SBU und Staatsanwaltschaft gelten bei den Ukrainern als korrupt und willkürlich. «Jetzt wirft man uns überall in der Welt vor, wir produzierten Fake-News», beklagt sich ein ukrainischer Diplomat anonym. «Ein gefundenes Fressen für alle im Westen, die etwas gegen die Ukraine haben.»

Der krimtatarische Blogger Ajder Muschdabajew, ein enger Freund Babtschenkos, sagte unserer Zeitung, die Geheimdienstler, die die Operation durchführten, hätten wesentlich professioneller gearbeitet als die PR-Abteilung des SBU. «Sie täuschten einen Datschenaufhalt Arkadis und ein verstauchtes Bein vor, um den geplanten Mordversuch zu verzögern.» Der «Killer» selbst kooperierte laut der Nachrichtenagentur Unian bereits seit Monaten mit dem SBU. Und Babtschenko freute sich auf Facebook, dass die Gegenseite nun mehrere Monate damit beschäftigt sei, Schuldige für den Fehlschlag zu suchen und danach die Organisation eines neuen Mordversuchs vorzubereiten. «Ein paar Monate ohne Paranoia habe ich also.»

Arkadi Babtschenko, russischer Schriftsteller, Kriegsberichterstatter und Blogger, gilt als nervenstark. 2014 schlugen ihn bei der Belagerung der Rebellenhochburg Slawjansk ukrainische Fallschirmjäger zusammen, stülpten einen Sack über seinen Kopf und simulierten seine Erschiessung. Das alles, weil sein Gefährte, ein Kiewer TV-Journalist, gegen die Vereinbarung verstossen hatte, keine Fotos mit den Gesichtern der Soldaten im Internet zu veröffentlichen. «Ein Krieger», schreibt das Internetportal meduzu.io. Aber auch Pazifist und Rebell, bei den Moskauer Anti-Putin-Protesten 2012 versuchte Babtschenko vergeblich, gewaltfrei ein Zeltlager der Oppositionellen vor dem Kreml aufzuschlagen. Seit 2010 nutzte er soziale Netzwerke journalistisch, versammelte eine Leserschaft von 190000 Abonnenten, wurde zum heimlichen Meinungsführer der demokratischen Minderheit Russlands, wobei er immer härter argumentierte.

«Ich spüre weder Mitgefühl noch Bedauern», schrieb er im Dezember 2016 nach dem Absturz einer russischen Militärmaschine auf dem Flug nach Syrien, bei dem 98 Menschen umkamen, meist Mitglieder einer Gesangs- und Tanzgruppe der Armee. «Sie flogen nach Syrien, um vor Piloten zu singen und zu tanzen, zur Hebung ihres Kampfgeistes, damit sie noch besser bombardieren.» Danach startete ein staatlicher Fernsehsender eine Petition, Babtschenko auszubürgern, er landete als «Russophober» auf Platz 10 einer schwarzen Liste des nationalistischen TV-Kanals Zargrads. Der Blogger entschied sich, Russland zu verlassen, kam über Prag nach Kiew, wo er eine Sendung des krimtatarischen Fernsehsenders ATR moderierte. Er kämpfte weiter gegen das Regime in Russland, erweiterte seine Kollektivschuldvorwürfe auch auf die liberale Opposition.

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