Wieder einmal abgeschaltet

Frankreichs ältestes Atomkraftwerk Fessenheim ist nach einem Zwischenfall vom Netz genommen worden. Die Stilllegung ist hingegen unsicherer denn je.

Stefan Brändle
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PARIS. Fessenheim kommt nicht aus den Schlagzeilen. Gestern musste «Electricité de France» (EDF) bekanntgeben, der elsässische Atommeiler nahe Basel sei wegen eines «technischen Defektes» abgeschaltet worden. Laut EDF versagte eine Dichtung in einem Maschinenraum, der ausserhalb des nuklearen Kreislaufs liege. Zu einer Gefahr sei es in keinem Moment gekommen; der Betrieb solle «in den nächsten Tagen» wieder aufgenommen werden.

Knackpunkt Fessenheim

Der Zwischenfall erfolgt nach einem ersten und ähnlichen Dichtungsdefekt im April 2014. Er ereignete sich am Samstag, wenige Stunden nachdem EDF den zweiten der beiden 900-Megawatt-Reaktoren zu Wartungszwecken vom Netz genommen hatte. Ob es dabei einen Zusammenhang gab, wollte EDF nicht sagen. Nicht gerade bekannt für ihre transparente Informationspolitik, vermied die AKW-Betreiberin damit jeden Hinweis auf die Altersanfälligkeit des Doppelreaktors.

Das Elsässer Kraftwerk war 1978 in Betrieb genommen worden. Einen Kilometer von der Grenze zu Deutschland und 35 Kilometer von der Schweiz entfernt, stösst der in einer Erdbebenschneise und einem Überschwemmungsgebiet liegende Meiler seit Jahren auf Widerstand im Dreiländereck.

Im Atomland Frankreich ist Fessenheim heute das Symbol, ja der Knackpunkt der Energiedebatte. Präsident François Hollande hatte bei seiner Wahl 2012 – also noch unter dem Eindruck der Fukushima-Katastrophe – den endgültigen Fessenheim-Stop bis 2017 angekündigt. Das war Teil seines Wahlversprechens, den Anteil der Atomkraft an der französischen Stromproduktion bis 2025 von heute 75 auf 50 Prozent zu verringern.

Die einflussreiche Atomindustrie – zu der auch die heilige Kuh der Atomwaffen gehört – arbeitet hinter den Kulissen zugunsten von Fessenheim. Das neue Energiegesetz von 2014 erwähnt das umstrittene AKW oder ein Schliessungsdatum mit keiner Silbe. Wenn die Regierung den neuen Druckwasserreaktor in Flamanville (Normandie) wie geplant 2017 in Betrieb nehmen will, muss sie als Ausgleich zwei alte Reaktoren abschalten.

Umweltministerin zögert

Am naheliegendsten wäre dabei Fessenheim. Doch Umweltministerin Ségolène Royal sagte kürzlich, es kämen auch andere Reaktoren in Frage. Welche, sagte sie nicht. Auch drückt sie sich darum, das Schliessungsdatum zu bestätigen. Nach 2017 könnte es aber zu spät sein: Wenn Hollande 2017 nicht wiedergewählt wird, dürfte sein Nachfolger wieder den traditionellen Atomkurs steuern. Sollten die Arbeiten für die Stilllegung von Fessenheim bis zur Präsidentschaftswahl noch nicht irreversibel sein, könnte es gut sein, dass das AKW weiter besteht. Die EDF hintertreibt alle Vorarbeiten für den Abbau, dessen Kosten sie mit fünf Milliarden Euro beziffert.

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