Wie zwei Frauen Geschichte geschrieben haben

Am Nachmittag des 15. Juli 1953 stirbt in Zimmer 307 des Hotels Croce Bianca in Lugano ein Mann namens Eugenio Balzan. Er ist 79 Jahre alt und bei guter Gesundheit, und er hat viele Pläne. An diesem Tag aber fühlt er sich nicht wohl und ruft einen Freund zu sich.

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Preisstifterin: Angela Lina Balzan (Bild aus: Renata Broggini: «Eugenio Balzan»)

Preisstifterin: Angela Lina Balzan (Bild aus: Renata Broggini: «Eugenio Balzan»)

Am Nachmittag des 15. Juli 1953 stirbt in Zimmer 307 des Hotels Croce Bianca in Lugano ein Mann namens Eugenio Balzan. Er ist 79 Jahre alt und bei guter Gesundheit, und er hat viele Pläne. An diesem Tag aber fühlt er sich nicht wohl und ruft einen Freund zu sich. Man bringt ihn zu Bett, er bekommt Beruhigungsmittel. Zwei Ärzte halten seinen Zustand nicht für besorgniserregend. Sie irren sich.

Ein «Ende in Einsamkeit»

Es ist «ein Ende in Einsamkeit», stellt Arnaldo Sartori fest, einer seiner vielen Freunde. Zum Begräbnis schickt Italiens Staatspräsident Luigi Einaudi ein Schreiben, im Mailänder «Corriere della Sera» erscheint ein umfangreicher Nachruf. Denn mit diesem «Corriere della Sera» hängt Eugenio Balzans Leben und Schicksal im Innersten zusammen – und auch sein Reichtum rührt von dort. Als Korrektor hat er in jungen Jahren dort angefangen, ist aufgestiegen zum Redaktor, zum Starreporter, schliesslich zum Verlagsleiter und Miteigentümer. Bis er sich mit den Mussolinis überwirft und 1933 das Land in Richtung Schweiz verlässt. Nach dem Krieg lehnt er alle Angebote zur Rückkehr ab, stattdessen pendelt er in der Schweiz umher, verwaltet erfolgreich seine Geldanlagen, kauft Bilder und unterstützt Projekte in seiner norditalienischen Heimatstadt Badia Polesine. Zum Begräbnis aber taucht Angela Lina auf, seine Tochter, und niemand kennt sie. Ein Freund Eugenio Balzans beschreibt sie als «eine Frau von ungefähr sechzig Jahren, gross und vornehm».

Ein «eher distanziertes Verhältnis»

Eugenio Balzan war sehr jung, als Angela Lina zur Welt kam. Er sorgte auch nach seiner Scheidung für sie, gleichwohl hatten die beiden zeitlebens ein «eher distanziertes Verhältnis», sagt seine Biographin Renata Broggini. Nun aber wird Angela Lina seine Nachlassverwalterin, was umso wichtiger ist, als Eugenio Balzan keinen letzten Willen hinterlassen hat. Sie führt seine Wohltätigkeitsprojekte fort. Und, sagt Renata Broggini, «sie setzt die Idee einer Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur um». Den Anstoss gegeben hat Paola Pilogallo, die Tochter von Eugenios Schwester Maria.

Balzanpreis und Nobelpreis

Am 3. Februar 1957 wird die Stiftung offiziell konstituiert, am 1. März stirbt Angela Lina Balzan. Die von ihr mit dem Geld des Vaters gestifteten und seit 1962 vergebenen Preise aber sind diesen Donnerstag vom italienischen Staatspräsidenten (siehe oben) vergeben worden. Der Balzan-Preis hat sich über die Jahre ein grosses Ansehen erworben, einige seiner Empfänger haben später auch einen Nobelpreis erhalten – zuletzt der 2010 ausgezeichnete japanische Genforscher Shinya Yamanaka.

Auch am Nobelpreis übrigens hat eine Frau mitgewirkt. Nicht als Stifterin wie im Falle des Balzanpreises, sondern als anregende Kraft.

Alfred Nobels Plan

Die Rede ist von der Friedensaktivistin Bertha von Suttner, deren Leben letztes Jahr Brigitte Hamann in einem im Brandstätter-Verlag erschienenen Buch festgehalten hat. Zwei Wochen lang hat sie dem schwedischen Industriellen Alfred Nobel als Privatsekretärin gedient, seither reisst die Beziehung nicht ab. Die beiden schreiben sich Briefe, in denen es vor allem um die Frage geht, wie der Friede unter den Völkern gesichert werden kann – ob durch schreckliche Waffen (Nobels Plan) oder durch Friedenskongresse und Abkommen (Bertha von Suttners Plan). Ihre Ideen gehen auseinander und haben doch ein gemeinsames Zentrum: Wie könnte man den Frieden wirksam fördern? 1893 skizziert Nobel den Plan jenes Preises, den Bertha von Suttner 1905 dann selber bekommt.

Preisträgerin: Bertha von Suttner (Bild: epa)

Preisträgerin: Bertha von Suttner (Bild: epa)