Wie Krieger Frieden suchen

Vietnam feiert zum 40. Mal den Sieg über das damalige Südvietnam und die USA. Freude und Stolz überwiegen, obwohl der Krieg hüben wie drüben nicht für alle vorbei ist.

Walter Brehm
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Veteranen und Veteraninnen vor der Parade zum 40. Jahrestag des Sieges in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). (Bild: ap/Na Son Nguyen)

Veteranen und Veteraninnen vor der Parade zum 40. Jahrestag des Sieges in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). (Bild: ap/Na Son Nguyen)

Herr Vu Khoun ist 78 Jahre alt. Und da er an der Universität Hanoi immer noch Ökonomie lehrt, doziert er gerne über die Entwicklung seiner Heimat. «Vierzig Jahre sind seit dem Krieg vergangen. Da unser Land während der vergangenen tausend Jahre oft besetzt war, lieben wir Freiheit und Unabhängigkeit über alles. Dafür haben wir gekämpft und das haben wir erreicht. Und nach dem Wechsel von der Kommunistischen Plan- zur Marktwirtschaft haben wir seit Mitte der Achtzigerjahre eine stabile wirtschaftliche Entwicklung. Aber jetzt fehlt noch der Wohlstand für alle.»

Doch Herr Vu ist nicht nur ein Wirtschaftswissenschafter. Er ist eine Art «Elder Statesman». In den 1970er-Jahren war er Beamter im Aussenministerium des damaligen Nordvietnam – und als solcher an den Friedensverhandlungen mit den USA in Paris beteiligt. Nach dem Krieg machte Herr Vu politische Karriere, brachte es bis zum Vize-Premier des nun vereinten Vietnams. «Das ist alles lange her», sagt er ausländischen Journalisten. Aber er fügt hinzu: «Die Erinnerung an den Krieg und die damals gemachten Erfahrungen sind noch nah und für alle Vietnamesen präsent.»

Der ferne Krieg ist doch so nah

All das ist nicht nur alten Politikern präsent, nah ist es auch den Soldaten und Freiheitskämpfern des Vietcongs, die Ende April 1975 in Saigon einmarschierten – und die damalige südvietnamesische Hauptstadt zu Ho-Chi-Minh-City machten.

Nah ist der Krieg aber auch für die heute 18jährige Pham Thi Thuy Linh, obwohl sie ihn gar nicht erlebt hat. Sie ist zwei Jahrzehnte danach, ebenfalls an einem 30. April, geboren worden – ohne Arme. Ihr Grossvater hatte in den 70er-Jahren in Saigon US-Kampfflugzeuge mit «Agent-Orange» beladen, dem Entlaubungs-Gift, mit dem die Amerikaner Vietnams Wälder besprühten, um der Vietcong-Guerilla die Tarnung zu nehmen. Heute arbeitet Pham Thi in einem Spital für «Agent Orange»-Opfer, in dem auch sie früher behandelt wurde. Ihre Patienten sind nicht alt. Es sind Kinder zwischen fünf und 15 Jahren. Noch immer werden in Vietnam schwerbehinderte Kinder geboren, Opfer der Spätfolgen des jahrelangen Gifteinsatzes der Amerikaner.

Zusammen mit Amerikanern

So prägt der lange vergangene Krieg Vietnam noch heute – obwohl Groll gegen die USA kaum zu hören ist. Die 21jährige Politik-Studentin Pham Bic-Tu sagt es so: «Wir sind stolz auf unseren Sieg und auf unsere Heimat. Der Krieg hat den Geist unserer Nation geprägt. Aber jetzt müssen wir nach vorne sehen – zusammen mit den Amerikanern.»

Zusammen mit den Amerikanern, das sagen heute fast alle Vietnamesen – nach etwa vier Millionen Kriegstoten, Verwüstungen im ganzen Land und Hunderttausenden «Agent-Orange»-Opfern bis heute.

Für Herrn Vu, den viele noch immer für einen der wichtigen Strippenzieher der regierenden Kommunistischen Partei halten, ist jetzt aber vor allem eines wichtig: die Bekämpfung der Korruption. «Das ist ein dunkles Erbe der Reformen und behindert heute den Sprung Vietnams in die Moderne. Wir versuchen das jetzt zu ändern.»

Das Leiden der US-Veteranen

Nicht nur in Vietnam sind der Krieg und seine Folgen noch immer präsent. Gäbe es so etwas wie eine Rangliste amerikanischer Kriegsveteranen, jene aus Vietnam stünden weit unten. Wayne Miller ist einer von ihnen. Er sagt: «Jeden Morgen ziehe ich Vietnam an und erst am Abend wieder aus.» Miller kümmert sich um Männer, die aus dem Krieg zwar heimgekommen sind, aber keinen Frieden finden. Über 60 000 von ihnen haben sich bis heute darob das Leben genommen – mindestes 2000 mehr, als im Krieg gefallen sind.

Als Wayne Miller 1969 als Verwunderter in die USA zurückgeflogen wurde, kam er in ein Land, das in heftigem Streit über den Krieg lag. Anders als die gefeierten Weltkriegs-Helden wurden die Vietnam-Soldaten oft zu Sündenböcken einer verfehlten Kriegspolitik Washingtons. Jahrzehnte später musste Präsident Barack Obama eingestehen: «Als ihr nach Hause kamt, haben wir euch alleingelassen. Wir hätten von Anfang an sagen sollen, ihr habt Euren Job gemacht.»

Der Staat aber, der die damals jungen Männer im Stich liess, lässt heute wieder amerikanische Soldaten allein. Viele Veteranen, die aus Kriegen in Afghanistan und Irak heimkamen, leben traumatisiert und sozial isoliert am Rande der amerikanischen Gesellschaft.

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