«Wie können wir glauben, dass sie tot sind?»

In Mexiko ist es auch gestern zu Protesten gekommen. Schon am Wochenende hatte es heftige Auseinandersetzungen gegeben, nachdem die Staatsanwaltschaft bekanntgegeben hatte, dass die 43 entführten Studenten ermordet wurden.

Sandra Weiss/Tonantzin Beltran
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In Mexiko ist es auch gestern zu Protesten gekommen. Schon am Wochenende hatte es heftige Auseinandersetzungen gegeben, nachdem die Staatsanwaltschaft bekanntgegeben hatte, dass die 43 entführten Studenten ermordet wurden. In der Hauptstadt versammelten sich Tausende zu einer Kundgebung im Stadtzentrum. Rund 20 Vermummte besprühten dabei den unter Denkmalschutz stehenden Nationalpalast mit den Worten «wir wollen sie lebend». Zudem versuchten sie, die Tür mit Molotow-Cocktails in Brand zu stecken. Zahlreiche Demonstranten forderten den Rücktritt des Präsidenten Enrique Peña Nieto und bezeichneten die Politiker pauschal als Mörder. Nieto, der am Sonntag zu einer Auslandsreise nach China und Australien aufbrach, verurteilte von unterwegs die Ausschreitungen: «Gerechtigkeit ist nicht durch Gewalt erreichbar.»

80 000 Tote im Drogenkrieg

Entzündet hatte sich die Empörung an einer lapidaren Bemerkung, die die Generalstaatsanwaltschaft nach der Rekonstruktion des Mordes im Anschluss an eine lange Pressekonferenz fallen liess. Er sei der Fragen langsam überdrüssig, sagte Jesus Murillo Karam. In den sozialen Netzwerken startete daraufhin eine Kampagne unter dem Motto «wir sind der Angst überdrüssig». Rund 80 000 Menschen starben in den vergangenen acht Jahren in Mexikos Drogenkrieg; mehr als 22 000 gelten als vermisst, seit Monaten werden im ganzen Land Massengräber gefunden. Die Schilderung des Tathergangs – untermalt von zahlreichen Fotos und gefilmten Geständnissen der Beteiligten – löste selbst in der an Gewalt gewöhnten mexikanischen Bevölkerung Schaudern aus. Murillo zufolge wurden die Studenten noch in der Nacht ihrer Entführung erschossen und ihre Überreste auf einem Abfallplatz verbrannt.

Anschliessend schaufelten die Täter die Asche und Knochenreste in Abfallsäcke und warfen sie in einen Fluss. Die Ermittler konnten zwei Säcke sicherstellen. Allerdings seien die Überreste derart verkohlt, dass es schwierig sei, DNA-Proben zu entnehmen, so Murillo. Die Asche wurde nun in ein Labor der Universität Innsbruck geschickt.

Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge handelt es sich um eines der schlimmsten Verbrechen der vergangenen Jahre in Lateinamerika; Amnesty International sprach von einem «Staatsverbrechen» aufgrund der Verwicklung staatlicher Institutionen. Iguala sei kein Einzelfall, sondern symptomatisch für die Zustände in Mexiko, wo nur fünf Prozent aller Straftaten zu einer Verurteilung führen.

In Iguala, wo die ermordeten Studenten lebten, ist die Trauer gross. «Mein Sohn ist sehr freundlich. Er tanzt gerne», erzählt eine Mutter und zeigt auf ihrem Handy ein Bild des jungen Manns. «Das ist das letzte Foto, das ich gemacht habe, bevor er zur Universität gegangen ist.» Wochenlang hatten die Familien der Vermissten auf dem Campus ausgeharrt. Psychologen der Organisation Ärzte ohne Grenzen betreuten die verzweifelten Eltern. «Wie können wir glauben, dass sie tot sind, wenn es keine Beweise gibt?», fragt ein Familienvater. «Keine Leichen, nur Asche.»

Brief an den geliebten Sohn

María Micaela Hernández hat ihrem Sohn Abel einen Brief geschrieben. «Mein geliebter Sohn. Ich verspüre einen Schmerz, so gross, dass er sich nicht mit Worten beschreiben lässt. Mein Herz wird immer kleiner und es zerreisst mich innerlich.» Die Eltern fühlen sich alleingelassen von einer Regierung, die sich nicht um das Schicksal der einfachen Leute kümmert. «Wer glaubt, weil wir arm sind, haben wir keine Gefühle, dem sage ich: Der Schmerz bringt mich langsam um.»

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