Wie ein Sonnenbrand im Körper

Aus dem Kraftwerk Fukushima 1 entweichen radioaktive Substanzen. Gefährlich sind dabei vor allem Jod, Cäsium, Strontium und Plutonium, welche über die Haut, Atmung oder Nahrung in den Körper gelangen können. Die menschlichen Zellen haben aber Abwehrkräfte.

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Im Kernkraftwerk Fukushima 1 hat es gestern gebrannt. (Bild: ap/Digital Globe)

Im Kernkraftwerk Fukushima 1 hat es gestern gebrannt. (Bild: ap/Digital Globe)

Fukushima wird einst zum geflügelten Wort werden, wie Tschernobyl, obwohl die beiden Kernkraftanlagen nicht vergleichbar sind. Gestern spitzte sich die Lage im Kraftwerk Fukushima 1 allerdings zu: Am Morgen kam es im Reaktor 2 zu einer weiteren Explosion, bei der laut der Regierung erstmals eine innere Reaktorhülle beschädigt worden ist. Zudem soll es im Reaktorblock 4 zu einem Brand von gebrauchtem Brennstoff gekommen sein. Gemäss der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA entweicht dort Radioaktivität in die Atmosphäre.

Wie ein «Sonnenbrand»

In der beschädigten Anlage selbst wurden Radioaktivitätswerte von bis zu 400 Millisievert pro Stunde gemessen. Die Masseinheit Sievert legt die biologische Wirkung der ionisierenden Strahlung, also der Radioaktivität, am Menschen fest. Der Arzt Jürg Schädelin vom Forum Medizin und Energie erklärt die Wirkung von Radioaktivität auf den Menschen. «Primär wirkt sich diese wie ein Sonnenbrand aus», sagt Schädelin. Allerdings geht dieser «Sonnenbrand» durch den ganzen Körper.

Der Mensch spürt davon nichts, obwohl dabei Nukleinsäuren und Chromosomen in den menschlichen Zellen geschädigt werden können. «Durch die Radioaktivität kann eine Entzündung ausgelöst werden. In der Folge sterben jene Zellen ab, die sich gerade teilen, was in unserem Körper laufend geschieht.» Die genau dosierte Bestrahlung der Zellen ist deshalb eine medizinische Therapie, die gegen Krebszellen eingesetzt wird.

Von der Radioaktivität werden jene Organe am schwersten geschädigt, die immer wieder sehr viele neue Zellen brauchen. «Das ist in erster Linie das Blut, also die Blutplättchen.» Sensibel sind zudem der Darm und das Hirn. Wegen eines besonderen Mechanismus im Körper ist auch die Schilddrüse gefährdet. Die Schilddrüse sucht im Körper laufend Jod für die Hormonbildung. Nimmt der Mensch radioaktives Jod auf, sammelt sich das in der Schilddrüse, was später zu Krebs führen kann.

Einnahme vermeiden

Deshalb werden jetzt in Japan Jodtabletten verteilt, damit die Schilddrüse zufrieden ist und nicht nach kontaminiertem Jod sucht. Das ist nur eine der möglichen Schutzmassnahmen. Nach Schädelin besteht der wichtigste Schutz darin, nichts Verstrahltes einzunehmen. Denn über die Nahrung finden verstrahlte Zellen den Weg in den menschlichen Körper und bleiben dort. Cäsium lagert sich wie Jod vorwiegend in der Schilddrüse ein – mit ähnlichen Folgen. Strontium bleibt im Knochengewebe, weil es dort mit Kalzium verwechselt wird.

Alle möglicherweise kontaminierten Lebensmittel müssen deshalb identifiziert und aus dem Verkehr gezogen werden. Auch Staubpartikel müssen von Kleidern entfernt werden, um auf Nummer sicher zu gehen. Das gilt vor allem für jene Techniker, welche nun im Kraftwerk Fukushima 1 zur Reparatur angestellt sind.

Diese Techniker im Kraftwerk sind auch jene Menschen, die am meisten gefährdet sind.

Denn es gilt zu unterscheiden zwischen einer direkten Bestrahlung, von der nur Rettungskräfte oder Kraftwerkmitarbeiter betroffen sind, und einer allfälligen, aber viel kleineren Gefahr durch radioaktive Stoffe, die über die Luft weitertransportiert werden. Und: Bei der direkten Bestrahlung nimmt die Schwere des Schadens proportional zur Dosis und zur Dauer zu.

Die Auswirkungen durch radioaktive Stoffe im Körper sind anders – dort wird durch die höhere Dosis nur die Eintretenswahrscheinlichkeit von Krebs erhöht.

Die Gefährlichkeit der radioaktiven Wolke nimmt mit der Distanz zum Reaktor nämlich schnell ab. Noch vorgestern war die Radioaktivität nach Schädelin bereits beim Tor der Anlage in Fukushima kleiner als jene durch die natürliche Radioaktivität im Kanton Tessin.

Gestern allerdings wurde in der Anlage ein Spitzenwert von 400 Millisievert pro Stunde gemessen. Die Strahlung direkt beim Kraftwerk hat sich damit um das Vierfache erhöht. Nach japanischem Strahlengesetz darf ein Arbeiter nur eine Viertelstunde dieser Strahlung ausgesetzt sein.

Wolke mit Edelgas

Wie stark die Belastung für die Bevölkerung ist, kann kaum abgeschätzt werden. Auch trieb die verseuchte Wolke die meiste Zeit ins Meer hinaus und nicht in Richtung Tokio. Ein grosser Teil der Wolke besteht aus dem Edelgas Xenon.

In diesem Gas baut sich die Radioaktivität sehr schnell ab, und auch der verseuchte Staub setzt sich relativ schnell ab.

Der Experte Horst-Michael Prasser betont: Wenn man von der Gefährdung beispielsweise in Tokio spreche, gehe es nicht um eine direkte Bestrahlung, sondern lediglich um den Transport radioaktiver Stoffe. «Und gegen diese Stoffe kann man sich mit Mundschutz und dem Verbleiben im Haus schützen.

» Die Jodtabletten seien ebenfalls hilfreich, sagt Prasser. Die Japaner scheinen diese Zusammenhänge im Gegensatz zu vielen Menschen in Europa zu verstehen und reagierten ohne Panik.

Ganz sicher ist übrigens gemäss Green Cross Schweiz, dass die Schweiz auf keinen Fall mit radioaktiven Stoffen aus Japan rechnen muss. Dafür ist Japan viel zu weit weg.

Auch wenn der schlimmste Fall einer Kernschmelze noch eintreten sollte, weil die Kühlung der Brennstäbe nicht mehr in Gang gebracht werden kann, wird das verseuchte Gebiet gemäss Green Cross in Japan deutlich kleiner sein als beim Reaktorunfall in Tschernobyl. Damals wurde eine Fläche mit einem Radius bis 200 Kilometer verseucht, bei Fukushima wird mit einem Radius von zehn bis dreissig Kilometern gerechnet.

Zellen regenerieren sich

Nicht vergessen sollte man zudem, dass sich die menschlichen Zellen regenerieren können. Bei einer normalen Dosis an ionisierender Strahlung kann sich die Zelle mit fast hundertprozentigem Erfolg erholen. Wird das DNS-Molekül einer Zelle allerdings mehrmals von Strahlen getroffen, kann eine Mutation entstehen, die irreparabel ist. Damit kann eine Zelle später eine erste Krebszelle werden. Normalerweise wird diese gefährliche Veränderung entdeckt, und die Zelle wird eliminiert.

Wie sehr die Vorgänge in Japan krebswirksam sein könnten, sei schwer abzuschätzen. In Tschernobyl wurden bis 2005 weniger als 50 Sterbefälle als direkte Folge der Strahlung identifiziert. Die meisten von ihnen betrafen Arbeiter, die im Kraftwerk aufgeräumt hatten. Bruno Knellwolf