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Wie ein Kardinal Italiens Innenminister gegen sich aufbringt

In einem von Bedürftigen besetzten Haus hat der päpstliche Almosenmeister den Strom neu angeschlossen, der zuvor gekappt worden war. Dem Innenminister gefällt der Akt des zivilen Ungehorsams gar nicht.
Dominik Straub, Rom
Kardinal Konrad Krajewski mit Aktivisten und Bewohnern des Hauses in Rom. (Bild: Fabio Grimaldi/AP)

Kardinal Konrad Krajewski mit Aktivisten und Bewohnern des Hauses in Rom. (Bild: Fabio Grimaldi/AP)

Ausgerüstet mit Taschenlampe und Elektrikerwerkzeug ist Kardinal Konrad Krajewski am späteren Samstagabend in den finsteren Keller hinabgestiegen, hat die am Stromverteilerkasten angebrachte Plombe zerbrochen und die elektrischen Kabel wieder angeschlossen. So ward es um 22 Uhr wieder Licht in dem besetzten Haus an der Via Santa Croce in Gerusalemme in Rom. Sechs Tage lang waren die Bewohner zuvor ohne Strom gewesen, nachdem Techniker des städtischen Elektrizitätswerks wegen unbezahlter Rechnungen in der Höhe von 300 000 Euro die Stromzufuhr gekappt hatten.

Das leerstehende ehemalige Verwaltungsgebäude der staatlichen Invalidenversicherung in der Nähe der Lateransbasilika war vor sieben Jahren von bedürftigen Familien und Obdachlosen in Beschlag genommen worden; heute leben dort rund 450 Personen, darunter 100 Kinder. Das Gebäude dient zugleich als alternatives Kulturzentrum. «Als Almosenmeister des Papstes fühlte ich mich zu diesem humanitären Akt verpflichtet», begründet Krajewski seine verbotene und zugleich lebensgefährliche Aktion. Die Situation der Bewohner, von denen jeder Dritte gesundheitliche Probleme habe, sei nach so vielen Tagen ohne Kühlschrank, Warmwasser und Waschmaschine «dramatisch» gewesen.

Hunderte Menschen sind in misslicher Lage

Der städtische Stromversorger Acea hat umgehend angekündigt, wegen des Aufbrechens der Plombe Anzeige zu erstatten. Der päpstliche Almosenmeister erklärt dazu bloss, dass er für seine Tat «die volle Verantwortung» übernehme: Deswegen habe er beim Stromverteiler auch seine Visitenkarte hinterlassen. «Jetzt reden wieder alle von Geld, aber das ist doch nicht das zentrale Problem hier», betont Krajewski. «Die Frage lautet doch vielmehr: Weshalb sind Hunderte Männer, Frauen und Kinder hier? Wie ist es möglich, dass in einer Stadt wie Rom so viele arme Menschen in einer derart misslichen Situation leben müssen?»

Als «Elemosiniere», wie die Funktionsbezeichnung Krajewskis auf Italienisch lautet, ist der 55-jährige Pole der Chef-Sozialarbeiter des Papstes. Das besetzte Haus an der Via Santa Croce in Gerusalemme ist ihm schon länger bekannt: Auf seinen nächtlichen Touren an die sozialen Brennpunkte der Stadt hat er den Bewohnern immer wieder Lebensmittel, Kleider, Decken und Medikamente gebracht und sich ihre Sorgen und Nöte angehört.

Bei seinem letzten Besuch hatte er von der Unterbrechung des Stroms erfahren – und in der Folge versucht, die Behörden der Stadt und den Versorger Acea dazu zu bewegen, die Massnahme wieder rückgängig zu machen und für die Bewohner eine Lösung zu suchen. Als das nicht fruchtete, hat «Don Corrado», wie er von den Obdachlosen genannt wird, die Lösung eben auf eigene Faust herbeigeführt.

Duschen und Coiffeursalon für Obdachlose

Krajewski war als junger Priester von Papst Johannes Paul II. nach Rom geholt worden. Papst Franziskus hat ihn zu seinem «Elemosiniere» gemacht und zuerst zum Erzbischof und dann zum Kardinal befördert. Als Almosenmeister hat Krajewski in der Nähe des Petersplatzes WCs, Duschen und einen Coiffeursalon für die Obdachlosen einrichten lassen.

Nach dem Motto, wonach der Mensch nicht vom Brot alleine lebe, sondern auch geistige Nahrung brauche, hat er für die Armen und Ausgegrenzten der Ewigen Stadt Führungen durch die Sixtinische Kapelle geleitet und Zirkusbesuche organisiert. Seine Dienstwohnung überliess er einer syrischen Flüchtlingsfamilie – der Almosenmeister des Vatikans schläft in seinem vatikanischen Büro.

Italiens rechtsradikaler Innenminister Matteo Salvini qualifiziert solches Tun in der Regel als «Gutmenschen-Gehabe» und «Heuchelei» ab. Und tatsächlich hat der Lega-Chef und Vizepremier überhaupt keine Freude am zivilen Ungehorsam des päpstlichen Almosenmeisters. «Nachdem er in dem besetzten Haus den Strom wieder angestellt hat, gehe ich davon aus, dass er nun auch all den armen Italienern helfen wird, die trotz aller Schwierigkeiten ihre Rechnungen bezahlen», erklärte Salvini.

Krajewski entgegnete, dass er mit seinem Tun keine Politik habe machen wollen, sondern auf eine Notlage reagiert habe. «Als Almosenmeister werde ich, wenn nötig, die künftigen Stromrechnungen des besetzten Hauses begleichen. Auch diejenigen Salvinis, wenn er es wünscht.»

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