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Deutschland: Wie aus dem Vorbild der Buhmann wird

Der Fussballer Mesut Özil hat mit seinem medienwirksamen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft für viel Aufregung gesorgt. An seinem Beispiel diskutiert das Land nun über Erfolg und Nichterfolg von Integration.
Cornelie Barthelme, Berlin
Da war die Welt noch in Ordnung für Mesut Özil und alle Deutschen, die die Integrationskraft des Nationalteams hoch hielten: Der türkisch-deutsche Fussballer trifft Angela Merkel nach einem Spiel gegen die Türkei im Jahr 2010 in Berlin. (Bild: APA)

Da war die Welt noch in Ordnung für Mesut Özil und alle Deutschen, die die Integrationskraft des Nationalteams hoch hielten: Der türkisch-deutsche Fussballer trifft Angela Merkel nach einem Spiel gegen die Türkei im Jahr 2010 in Berlin. (Bild: APA)

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Ferien – und vielleicht ist das ihr Glück. Für die kommenden zwei Wochen kann ihr niemand eine Reaktion auf den ersten wirklichen Aufreger des Sommers abverlangen: Mesut Özil erklärt seinen Rücktritt aus der deutschen Fussball-Nationalmannschaft – und begründet ihn mit «Rassismus und fehlendem Respekt».

Merkel und Özil wird eine spezielle Verbundenheit nachgesagt; beide haben sie nie dementiert. Ausgangspunkt ist ein Foto, das längst zum kollektiven Gedächtnis Deutschlands gehört: Eine mit der üblichen Kanzlerin-Jacke ausstaffierte Merkel schüttelt einem barbrüstigen Özil die Hand; soweit zu sehen, lächeln die beiden sich an. Es gab damals – im Oktober 2010 – einige Aufregung wegen des Schnappschusses. Die Regierungschefin und der halbnackte Fussballer – huch! Nichts aber war das im Vergleich zum Getöse um die Fotos vom Mai, die Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigen – und die dessen Partei AKP in Umlauf brachte.

Zwei Fotos, zwei Interpretationen

Fürs Brustbild mit Kanzlerin, geschossen in einer Umkleidekabine, gab es einen sportlichen Anlass: Deutschland hatte die Türkei im Berliner Olympiastadion 3:0 geschlagen. Die Erdogan-Bilder aus einem Londoner Hotel indes wurden in Deutschland so verstanden, wie der türkische Präsident sie gemeint hatte: politisch. Und obwohl es Erdogan ausschliesslich um seinen Präsidenten-Wahlkampf ging, bugsierten er und Özil, mehr als dessen ebenfalls am Shooting beteiligten Nationalmannschafts-Kollege Ilkay Gündogan, Deutschland in eine Debatte über die Integration der sogenannten Deutsch-Türken.

Das, allerdings, konnte nur aus zwei Gründen funktionieren: Zum einen hat Deutschland sich seit 20 Jahren nicht mehr so heftig um Offenheit und Abschottung gestritten wie seit Herbst 2015, als Merkel beschloss, mehr Flüchtlinge aufzunehmen als irgendein anderer Staat der Europäischen Union. Zum anderen ist die Frage, welche Rolle Deutschland seinen türkischen Zuwanderern und ihren Nachkommen anbietet – und welche die wiederum haben wollen –, nie beantwortet worden.

In all diese Ungeklärtheiten hinein platzten erst die Fotos aus London, dann das Schweigen Özils, dann die WM-Blamage von Russland. Und grundiert wurde alles vom Versagen der DFB-Führung. Verbissen versuchten Präsident Reinhard Grindel und sein Team, die Affäre totzuschweigen. Und als das nicht funktionierte, inszenierten sie die Sündenbock-Hatz auf Özil.

Eventuell wäre mit ein wenig Lektüre der ganz grosse Eklat zu verhindern gewesen. In seiner vor einem Jahr veröffentlichten Autobiografie erzählt Özil über seine Suche nach einer Identität, die deutsches Leben und türkische Tradition verbindet. Und vom ständigen Klemmen zwischen verschiedenen Kulturen und den widersprüchlichen Erwartungen der Mächtigen: Politiker, Sportfunktionäre, Medien. Aber Funktionäre lesen nicht. Sie urteilen lieber. Etwa der wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe verurteilte FC-Bayern-Präsident Ulrich Hoeness, der via «Bild»-Zeitung so nachtritt, dass es für mindestens drei rote Karten reicht. «Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt», behauptet Hoeness. Er sei froh, «dass der Spuk vorbei ist».

«Deutschland ist ein weltoffenes Land»

Auch hier irrt Hoeness. Weder ist der Fall Özil ein Trugbild – noch ist er Geschichte. Wenn es dumm kommt für Grindel und seinen Sportdirektor Oliver Bierhoff – und gut für den deutschen Fussball und für die Gesellschaft insgesamt –, geht es jetzt erst richtig los. Es könnte die Frage gestellt werden, ob der Ex-Journalist und Ex-Politiker Grindel – der 2004 im Bundestag Multikulti «eine Lebenslüge» nannte – wirklich den grössten Sportverband der Welt führen kann – im Sinn von leiten. Jenen DFB, dem die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer gestern Mittag bescheinigt, er engagiere sich «in zahlreichen Initiativen, Kampagnen und Projekten» gegen Rassismus und für Integration.

Im Übrigen sagte Demmer: «Deutschland ist ein weltoffenes Land.» Und nannte Integration «eine Schlüsselaufgabe der Bundesregierung». Die üblichen Formeln. Das ganze Regierungsviertel reagiert erwartbar: Die AfD giftet sehr gegen Özil, die Linke ein wenig; die FDP giftet gegen den DFB und gegen Grindel, der ja CDU-Mann ist; die SPD giftet nicht, sondern sieht «ein Alarmzeichen». Und dann ist da noch der Berliner Soziologe Kazim Erdogan, einer der führenden Integrationsexperten. Nicht nur in der Theorie. Auch in der Praxis. «Es ist wahr», sagt er, «dass es in unserem Land Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gibt.» Und dann warnt er. Sehr. Vor der unüberhörbaren Instrumentalisierung des Falls Özil.

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