WESTMINSTER: Attacken treffen Londons Herz

Mit einem Geländewagen fährt ein Mann auf der Westminster Bridge Fussgänger nieder und greift vor dem Parlament Polizeibeamte an. Mindestens fünf Menschen sterben, viele werden verletzt. Die Motive des Täters sind unklar.

Sebastian Borger, London
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Sebastian Borger, London

Im Palast von Westminster und in den angrenzenden Parlamentsbüros rufen gestern Nachmittag gegen 14.40 Uhr gerade die Glocken zu einer Abstimmung, als sich bedrohliche andere Geräusche ins Geklingel mischen. «Unverkennbar Schüsse» hört Tor­cuil Crichton, Parlamentskorrespondent des schottischen Boulevardblatts «Daily Record», in seinem Büro. Sein Kollege Paul Waugh von der «Huffington Post» sieht beim Blick aus dem Fenster zwei Männer am Boden liegen.

Es ist Höhepunkt und, wie zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiss, auch Ende einer blutigen Attacke, die an diesem 22. März, dem ersten Jahrestag der Terrorattacken von Brüssel, das Herz der britischen Hauptstadt in Angst und Schrecken versetzt. Fünf Tote und mindestens 40 teils lebensgefährlich Verletzte bilanziert Scotland Yard am Abend. Der für Terrorabwehr zuständige Abteilungsleiter von Scotland Yard, B. J. Harrington, spricht von einer «Terrorattacke». Bis tief in die Nacht hinein patrouillieren Hunderte von Polizisten, viele von ihnen bewaffnet, durch Londons Innenstadt.

Passantin rettet sich durch Sprung in Themse

Erst kürzlich hatten die Geheimdienste mitgeteilt, sie hätten in den vergangenen anderthalb Jahren rund ein Dutzend möglicher Anschläge vereitelt. Am vergangenen Wochenende übte die Londoner Polizei bei einer spektakulären Antiterroraktion einen Einsatz. Dabei ging es um einen simulierten Angriff auf ein Passagierboot auf der Themse. Die Terrorgefahr bleibe akut, die Bevölkerung solle wachsam sein.

Was aber hilft gegen einen Einzeltäter, der einen Hyundai-Geländewagen zur Waffe macht? Von der Westminster Bridge aus haben Touristen den schönsten Blick aufs britische Parlament, das Trottoir ist tagsüber fast immer voll besetzt. So auch gestern Nachmittag. Der Täter lenkt am Südende der Brücke sein schweres Gefährt auf das Trottoir und mäht reihenweise die Passanten um. Unter den Opfern sind französische Touristen und drei Polizisten, die von einer Ehrung zu ihrer Wache zurückkehrten.

Mindestens eine Passantin versucht sich durch einen Sprung in die Themse zu retten, sie wird verletzt geborgen. Auf dem Asphalt bleiben Verletzte zurück. Das nahe gelegene St.-Thomas-Spital bestätigt später den Tod einer eingelieferten Frau, mehrere der anderen hätten «katastrophale Verletzungen» erlitten. Unterdessen hat der Attentäter die Nordseite erreicht und fährt am Parlamentszaun entlang. Plötzlich reisst er das Steuer nach links und setzt sein Gefährt gegen einen Pfeiler. Zu Fuss eilt er weitere 200 Meter am Zaun entlang – bis zu dem Eingang, wo Abgeordnete mit dem Auto auf den Hof des Westminster-Palastes fahren können. Zwar stehen dort Sicherheitsbeamte. Doch dem Täter gelingt es, an ihnen vorbei über eine Sperre zu springen. Mit zwei Messern geht er auf einen Polizisten los, sticht ihn nieder, kommt selbst zu Fall. Er rappelt sich auf, rennt auf den Parlamentshof zu – da strecken ihn mindestens drei Schüsse aus Polizeipistolen nieder.

Es sind die Geräusche, an die sich Journalist Crichton drei Stunden später beim Privatradio Monocle erinnert. «Ich rannte hinunter. Da schwärmten schon bewaffnete Beamte aus und beorderten uns zurück in unsere Büros. Das wirkte wie ein gut geübter Drill.» Premierministerin Theresa May wird von ihren Bodyguards in die nahe gelegene Downing Street gefahren, wo sie später eine Sitzung des Krisenstabes Cobra leitet. Die zur Abstimmung hastenden Abgeordneten sehen sich plötzlich Polizisten mit MPs gegenüber. Mehrere Volksvertreter, darunter auch sie selbst, seien mit vorgehaltener Waffe in einen Abstimmungsraum gebracht worden, berichtet die Konservative Anna Soubry. Einige versuchen zu helfen. Aussenstaatssekretär Tobias Ellwood, ein früherer Offizier, beginnt Mund-zu-Mund-Beatmung bei einem schwerverletzten Beamten, ehe herbeieilende Sanitäter übernehmen. Doch für das Opfer kommt jede Hilfe zu spät, wie für den Täter selbst auch.

Weiträumig sperren die Beamten von Scotland Yard das Gelände rund um den Palast von Westminster ab, der Autoverkehr im Regierungsviertel kommt zum Erliegen, die U-Bahn-Station Westminster wird gesperrt. Touristen müssen stundenlang auf dem Riesenrad London Eye ausharren, das aus Sicherheitsgründen angehalten wird.

Streit um Begriff «Terrorattacke»

Im Plenarsaal hat unterdessen Vize-Speaker Lindsay Hoyle die Debatte unterbrochen. Stundenlang bleiben die Abgeordneten zusammen, bis sich die Polizei ganz sicher ist: Es handelte sich um einen Einzeltäter. Augenzeugen beschreiben ihn gegenüber dem TV-Sender Sky als asiatischer Herkunft im Alter zwischen 30 und 40 Jahren.

Noch am Abend entbrennt unter Experten ein Streit darüber, ob die Kennzeichnung des Mordanschlags als «Terrorattacke» gerechtfertigt sei. Die vorschnelle Etikettierung durch Scotland Yard sei «ein Skandal», findet Phil Clark, Professor für Internationale Politik an der Londoner SOAS-Universität, und zieht einen Vergleich mit dem Mordanschlag auf die Labour-Abgeordnete Joanne Cox im Juni letzten Jahres. Damals hatten die Behörden auf dem Höhepunkt des Brexit-Referendumkampfes wochenlang gezögert, den rechtsextremen Mörder als Terroristen zu bezeichnen. Islamistische Gewalttäter terrorisierten London zuletzt im Mai 2013. Damals töteten zwei Briten einen Soldaten vor dessen Kaserne.