Wer rettet nach Theresa Mays Rücktritt die Tories?

Theresa May tritt am heutigen Freitag als Tory-Parteichefin und Premierministerin zurück. Nun sucht die älteste Partei der Welt einen Nachfolger. Derweil radikalisiert sie sich in der Brexit-Position.

Sebastian Borger, London
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Premierministerin Theresa May in der Downing Street in London (Bild: Peter Summers/Getty, 24. Mai 2019)

Premierministerin Theresa May in der Downing Street in London (Bild: Peter Summers/Getty, 24. Mai 2019)

An diesem Freitag leitet Theresa May mit ihrem Rücktritt als Vorsitzende der Konservativen Partei Grossbritanniens auch offiziell den Abschied von der Macht ein. Im politischen System der Insel muss Parteichef sein, wer der 62-Jährigen auch im Amt als Premierministerin nachfolgen will. Regierungschef der siebtgrössten Volkswirtschaft der Welt und von einem der fünf permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats zu sein, einer stabilen Demokratie mit globaler Perspektive vorzustehen – das muss ein Traum sein für jedes der 650 Mitglieder des Unterhauses, aus denen sich Theresa Mays Nachfolger oder Nachfolgerin rekrutiert.

Tatsächlich wollen elf Männer und Frauen den Posten ergattern, allen Nachteilen zum Trotz. Immerhin erbt, wer Mitte Juli in der Downing Street einzieht, nicht nur die Codes für die britischen Atomraketen. Neben dem ultimativen Symbol der Macht fällt der Nachfolgerin oder dem Nachfolger auch ein vergiftetes, schier unlösbares Problem in den Schoss: Grossbritanniens unvollendeter Austritt aus der EU. Als klarer Favorit für Mays Nachfolge gilt Brexit-Marktschreier und früherer Aussenminister Boris Johnson (54). In der konservativen Parlamentsfraktion haben bisher 47 Politiker ihre Präferenz für Johnson erklärt. Dahinter liegen Johnsons Amtsnachfolger Jeremy Hunt und Umweltminister Michael Gove mit 32 respektive 31 Anhängern nahezu gleichauf (siehe Bilder unten).

Aussenminister Jeremy Hunt. (Bild: Will Oliver/EPA)
3 Bilder
Umweltminister Michael Gove (Bild: Peter Summers/Getty)
Der frühere Aussenminister Boris Johnson (Bild: Andy Rain/EPA)

Aussenminister Jeremy Hunt. (Bild: Will Oliver/EPA)

Gewaltige Verluste bei Lokalwahlen

Am Brexit ist May gescheitert, und die zentrale Fragestellung britischer Politik überschattet auch die Amtszeit des nächsten Tory-Vorsitzenden. Viel unmittelbarer wird es dabei auch um die Frage gehen, ob der nächste Parteichef auch der letzte sein wird. Bei der Kommunalwahl in England Anfang Mai handelten sich die Tories eine gewaltige Ohrfeige der Wähler ein, landeten bei 28 Prozent und verloren über 1300 Stadt- und Gemeinderäte. Drei Wochen später an der Europawahl verpassten die Wähler der Regierungspartei quasi einen Knock-out: 9,2 Prozent der Stimmen stellten das niedrigste Ergebnis seit mehr als 150 Jahren dar.

Man rechnet in diesen Dimensionen bei einer Gruppierung, deren Anfänge auf die Regierungszeit Charles’ II (1660–85) zurückgehen und die sich stolz «älteste Partei der Welt» nennt. Die Tories bescherten der Nation mit Benjamin Disraeli (1874–80) den ersten, wenn auch konvertierten Juden im Amt des Premierministers. Sie stellten mit Margaret Thatcher (1979–90) die erste Frau als Regierungschefin. In den 123 Jahren zwischen Disraelis Triumph 1874 und der Abwahl von Thatchers Nachfolger John Major 1997 waren die Tories 84 Jahre an der Macht, entweder allein oder in Koalitionen. Nach einer Durststrecke von 13 Jahren Opposition – so lang wie zuletzt im 18. Jahrhundert – haben seit 2010 erneut Konservative (David Cameron bis 2016, seither May) in der Downing Street residiert.

Im langfristigen Zweipar­teiensystem der Insel verkörperten die Konservativen lange Zeit das schwer definierbare Konzept des common sense. Man billigte ihnen einen skeptischen Respekt vor Traditionen zu, gleichzeitig ein instinktives Verständnis der Realität und blitzschnelle Anpassungsfähigkeit. «Über die Tories wurde immer gesagt: Sie stellen die Regierung oder sie stellen gar nichts dar», weiss der britische Autor Geoffrey Wheatcroft. «Regieren war ihre Raison d’etre.» War, wohlgemerkt. Schon 2005 legte Wheatcroft ein Buch mit dem Titel «The strange death of Tory England» vor. Die dort beschriebenen Trends hat der Autor erst kürzlich wieder aufgezählt. Hatten die Konservativen in vier Jahrzehnten bis 1992 bei acht von zwölf Unterhauswahlen die Mehrheit der Mandate geholt, gelang dies seither nur ein einziges Mal in sechs Anläufen. 2017 holte Theresa May zwar den genau gleichen Stimmenanteil (42,4 Prozent) wie die konservative Übermutter Thatcher 1983. Doch während die Eiserne Lady einen Erdrutschsieg über eine zerstrittene Opposition feiern konnte, verlor die unglückselige Premierministerin ihre knappe Mandatsmehrheit.

Tories erhalten Zulauf von früheren Ukip-Mitgliedern

Und die vom Brexit überschattete Ausnahmewahl bestätigte langfristige Probleme. Den Tories laufen die Frauen davon. Die Jungwähler orientieren sich an der Labour-Opposition unter Jeremy Corbyn, wählen Liberaldemokraten oder Grüne. 47 Jahre, so hat es das Meinungsforschungsinstitut YouGov ermittelt, stellte 2017 die Grenze dar: Wer jünger war, wählte mehrheitlich Labour, die Älteren mit immer grösserem Vorsprung Tory.

Sind die Konservativen also eine Zombie-Partei für die demnächst Toten? Zumindest überaltert sind sie sowie massiv zusammengeschrumpft. In den 1950er-Jahren, hat Wheatcroft ermittelt, zählte die Partei 2,7 Millionen Mitglieder. Zuletzt galt ein Zustrom von rund 40000 Menschen auf nunmehr 160000 Mitglieder als Riesenerfolg. Ihre Gegnerschaft zur EU ist viel radikaler als in der Parlamentsfraktion, geschweige denn in der ­Bevölkerung. Die neuen Tories dürften den Trend verstärken, jedenfalls berichteten eine Reihe von Abgeordneten übereinstimmend von Masseneintritten durch frühere Mitglieder der EU-feindlichen Partei Ukip.

Die Riege der möglichen May-Nachfolger

Grossbritanniens Premierministerin Theresa May gibt ihr Amt als Parteichefin am 7. Juni ab. Eine Übersicht der Anwärter für den Parteivorsitz und das Amt des Premiers.