Keine andere Stadt hat es schlimmer getroffen: Wie New York nach Corona versucht, wieder auf die Beine zu kommen

Wer in New York lebt, muss hart im Nehmen sein. Denn auf New York kommen schwierige Zeiten zu.

Renzo Ruf aus Washington
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Seuchenbekämpfer: New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo.

Seuchenbekämpfer: New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo.

Bild: Keystone

Es gibt Klischees, die haben sich derart ins Gedächtnis eingebrannt, dass es manchmal schwerfällt, zwischen Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden. Eines dieser Klischees versteckt sich hinter der Wendung «New York Tough»: Die Vorstellung, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der grössten amerikanischen Stadt aus hartem Holz geschnitzt sind – und damit besser auf das Coronavirus vorbereitet waren, das in der Grossstadt am Hudson und East River in den vergangenen Wochen besonders stark wütete und offiziell mehr als 16000 Menschen das Leben kostete.

Wer in New York lebe, sagte Gouverneur Andrew Cuomo vor einigen Wochen, der müsse «hart im Nehmen» sein, denn «dieser Ort macht dich strapazierfähig». Das sei positiv gemeint, betonte Cuomo – und natürlich spielte er dabei auf den Gassenhauer «Theme From New York, New York» an, intoniert unter anderem von Frank Sinatra, in dem es über die Stadt, die niemals schlafe, heisst: «If I can make it there, I can make it anywhere», wenn ich es in New York schaffe, dann schaffe ich es überall. Er sei deshalb überzeugt davon, sagte Gouverneur Cuomo, dass die New Yorker gemeinsam auch diese Krise bewältigten.

Wahr daran ist: Die Stadt New York zählt offiziell gegen 8,4 Millionen Einwohner; damit leben in der Metropole nur rund 200000 Menschen weniger als in der gesamten Schweiz – auf einer Landfläche notabene, die etwa gleich gross ist wie der Kanton Solothurn. Angesichts dieser Menschenmasse, die auf kleinstem Raum zusammenlebt, wäre es deshalb vermessen, zu behaupten, es gäbe einen idealtypischen New Yorker. New York: Das ist die Gegend rund um den Central Park in Manhattan, in der sich mondäne Wohnhäuser aneinanderreihen, in denen ein 260 Quadratmeter grosses Apartment schnell 15 Millionen Dollar kostet.

New York ist aber auch die Spring Creek Towers, eine Ansammlung hässlicher Wohnblöcke im Stadtteil Brooklyn, in der Nähe des internationalen Flughafens John F. Kennedy. Gegen 13000 Menschen wohnen in dieser Mini­stadt, vornehmlich ältere, arme Afroamerikaner. Und nirgendwo sonst starben in den vergangenen Wochen derart viele New Yorker an den Folgen des Coronavirus – die Sterberate, hochgerechnet auf 100000 Menschen, betrug 612, wie aus einer Statistik des lokalen Gesundheitsamtes hervorgeht. Zum Vergleich: Rund um den Central Park, in den feinen Wohngegenden Manhattans, registrierte die Stadtbehörde eine Sterberate von rund 100 Menschen pro 100000 Bewohner.

In der Wohnung am Central Park fällt das Überleben leichter

Aus der Statistik lässt sich ableiten, dass die Menschen, die in den Spring Creek Towers leben, «tough» sind, «tough» sein müssen. Wer hingegen eine schöne Wohnung mit Blick auf den Central Park besitzt, dem fällt das Überleben leichter. Hinzu kommt, dass sich viele Bewohner von Manhattan aus dem Staub gemacht haben und etwa temporär in die mondänen Ferienorte The Hamptons auf Long Island gezügelt sind. Weil viele wohlhabende Exil-New-Yorker höchstwahrscheinlich davon absehen werden, nach den langen Sommerferien in die Stadt zurückzukehren, rechnen die dortigen Schulbehörden bereits mit steigenden Schülerzahlen, wie das «Wall Street Journal» diese Woche berichtete.

Angesichts solcher Anekdoten rufen einige Experten bereits das «Ende der Dekade der Städte» aus und prognostizieren eine «Renaissance der Trabantenstädte», derjenigen Vororte also, die gerade unter jungen Amerikanern noch vor einigen Jahren als spiessig galten. Michael Hendrix, der für die Denkfabrik Manhattan Institute arbeitet, untermauert diese These mit Zahlen, die darauf hindeuten, dass amerikanische Megastädte – klingende Namen wie New York, Los Angeles oder San Francisco – bereits vor der Coronakrise Bewohner einbüssten, nicht zuletzt aufgrund der hohen Lebenskosten. Dieser Trend werde sich nun akzentuieren, sagt Hendrix, angesichts der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Probleme, mit denen sich die Ballungszentren nun konfrontiert sehen.

Hinzu kommt der Streit um die Aufarbeitung der Krise, der sich gerade auf New York lähmend auswirken könnte; so fliegen zwischen Stadtpräsident Bill de Blasio und Gouverneur Andrew Cuomo die Fetzen, obwohl beide mittlerweile zugeben mussten, das Ausmass der Katastrophe anfangs falsch eingeschätzt zu haben.

Auf New York kommen also harte Zeiten zu. Die Stadt wird sich anpassen und nötigenfalls neu erfinden müssen. Doch das Klischee will es, dass diejenigen Menschen, die New York die Treue halten, hart im Nehmen sind. Sinatra sagte es treffend: «Jetzt liegts an dir, New York, New York.»