Wenn mit Fussball Politik gemacht wird

Es geht nicht mehr ohne! Eine Parlamentarische Untersuchungskommission muss her! Bürgerliche Politiker fordern sie beharrlich – nein, nicht in der Schweiz, nicht zur Untersuchung des UBS-Debakels. Es sind französische Abgeordnete, und es geht um Fussball.

Merken
Drucken
Teilen
Frankreichs Sportministerin Roselyne Bachelot in Südafrika. (Bild: ap/François Mori)

Frankreichs Sportministerin Roselyne Bachelot in Südafrika. (Bild: ap/François Mori)

Es geht nicht mehr ohne! Eine Parlamentarische Untersuchungskommission muss her! Bürgerliche Politiker fordern sie beharrlich – nein, nicht in der Schweiz, nicht zur Untersuchung des UBS-Debakels. Es sind französische Abgeordnete, und es geht um Fussball. Die Kommission soll das schändliche Scheitern der «Bleus» an der Fussball-Weltmeisterschaft untersuchen, die «Ereignisse, die das Image Frankreichs schwer geschädigt haben».

Während die deutsche Bundesversammlung am Mittwoch ein neues Staatsoberhaupt wählte, beschäftigte sich die französische Nationalversammlung mit Fussball. Der gescheiterte Nationaltrainer Raymond Domenech und der zum Rücktritt gezwungene Chef des nationalen Fussballverbands, Jean-Pierre Escalettes, waren zur Anhörung ins Parlament einbestellt worden.

Gesellschaftlicher Rückschlag

Mischt sich da etwa die Politik in den Fussball ein? Offiziell darf das nicht sein. Tatsächlich hat die Verstrickung von Politik und Fussball Tradition. Sie wird nun mit teils bizarren Auswüchsen fortgesetzt. In Frankreich wurde das Debakel der Fussballer zur Chefsache. Präsident Nicolas Sarkozy sagte wichtige Termine ab, etwa mit Bundespräsidentin Leuthard, um sich der Sache annehmen zu können.

Sein Premier François Fillon traf sich zur Krisensitzung mit Roselyne Bachelot, der Ministerin unter anderem für Sport, die den Spielern schon in Südafrika die Kappe gewaschen hatte. Sarkozy will im Oktober als Krisengipfel einen «Generalrat mit allen Akteuren des Fussballs» einberufen.

Frankreich trifft das Debakel der «Equipe tricolore» um so härter, als die Nationalmannschaft lange als Verkörperung eines politischen Willens überschwenglich gefeiert wurde.

Als das Land 1998 Weltmeister wurde, «galt <blanc-black-beur> weltweit als Symbol unserer geglückten Integration von Weissen, Schwarzen und Arabern», schreibt die Tageszeitung «Libération».

Viel zu viel «Bling-Bling»

Das wird heute anders beurteilt: «Ursache des Scheiterns sind die ethnischen und religiösen Gegensätze in unserem Team», meint etwa einer der Chefdenker der «Grande Nation», Alain Finkielkraut.

Die «Libération» sieht's ähnlich: Das schlechte Abschneiden an einem «eigentlich banalen Fussballturnier» werde heute als «Symbol der ungelösten und verschärften Gegensätze unseres Landes» verstanden. Das «nationale Psychodrama» mache dies deutlich.

Die «ungelösten und verschärften Gegensätze» werden aber unterschiedlich interpretiert. Die Rechte sieht darin eher ein ethnisch-religiöses Problem. Den kickenden Secondos fehle es an Liebe zur neuen Heimat.

Die Linke macht ein zivilisatorisches Problem aus, wofür auch der Regierungsstil von Präsident Sarkozy verantwortlich gemacht wird: «Da gibt es unglaublich viel Egoismus und Bling-Bling», meint etwa der Sprecher der Sozialistischen Partei, Benoît Hamon. Viel Glitzer und Glamour, eben Bling-Bling, aber wenig Stil und Charakter; viel Narzissmus, aber wenig Einsatz für das Gemeinwohl.

Und ein Abgeordneter der konservativen Regierungspartei UMP, der an der nichtöffentlichen Anhörung von Domenech und Escalettes beteiligt war, twitterte nach draussen: «Wir sind ausgeschieden, weil wir mit 23 verwöhnten Kindern angetreten sind, die völlig die Bodenhaftung verloren haben.»

Sarkozy und seine Regierung müssen jedenfalls befürchten, dass das Debakel der «Bleus» auf sie zurückfällt, sind doch verschiedene Regierungsmitglieder selbst in Skandale verwickelt.

Fussball? Unamerikanisch!

Die Multikulti-Gesellschaft wird auch in den USA über den Fussball zur Diskussion gestellt. Ungeachtet der Erfolge des amerikanischen Soccer-Teams an der WM und der hohen Beachtung in der Heimat finden viele Konservative den Fussballsport «unamerikanisch». Für den konservativ-libertären Radio- und Fernsehmoderator Glenn Beck ist Fussball genauso unamerikanisch «wie die Politik von Barack Obama». Es ist ein Sport für Weicheier, Farbige und Hooligans aus dem Rest der Welt, erfunden von südamerikanischen Indianern.

Andere sehen durch diesen Sport die «amerikanische Einzigartigkeit» gefährdet, durch einen Sport, der an den Schulen quer durchs Land von der Linken gefördert werde.

In der Mitte der Gesellschaft

Der Fussball ist aber auch in den USA längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wird längst nicht mehr nur in ethnischen Nischen gespielt.

Der Begriff «soccer mom» etwa stammt aus den 1990er-Jahren und bezieht sich auf weisse, verheiratete und gutausgebildete Frauen aus der Mittelschicht, die ihre Kinder von der Schule zum Fussballtraining fahren. Es ist aber gerade diese weisse Mittelschicht, die auch von den Konservativen umworben wird. Vielleicht haben dies ihre Vorsprecher noch nicht zur Kenntnis genommen. Oder sie wollen Barack Obama treffen, dessen zwei Töchter begeisterte Fussballspielerinnen sind.

Urs Bader